Das New Yorker Nature Theater of Oklahoma mit dem Burgtheater kurzzuschließen, ist eine der mutigsten Entscheidungen der Ära Matthias Hartmann
Wien - Die Nöte der Schnitzler- und Tschechow-Figuren können nicht
wahrhaftiger oder gewichtiger sein als die Tragödie eines amerikanischen
Teenagers, der eines Tages gegen seine über alles geliebte Katze
allergisch wird. Das Mädchen hält den Kater mit Namen Bentley auf seinem
Schoß, so lange, bis die Augen unfreiwillig tränen und, weil es ihm
seine Zuneigung um alles in der Welt zeigen will, weit darüber hinaus.
Von solchen scheinbar banalen, auf die Tragweite eines jungen Lebens
aber unabwendbar drückenden "Schicksalen" handelt das vor zweieinhalb
Jahren am Burgtheater gestartete Durchschnittslebensepos Life and Times
der New Yorker Gruppe Nature Theater of Oklahoma (Konzept und Regie:
Kelly Copper und Pavol Liska). Aus Telefongesprächen mit der
Schauspielerin und Freundin Kristin Worrall, die dem Regieduo in
mehreren Etappen ihre Lebensgeschichte fernmündlich erzählt hat,
entwickelten Copper und Liska eine auf insgesamt zehn Teile angelegte
Theaterserie, die das ganz Normale eines Daseins zum Theaterstoff
erhebt.
Darin steckt nicht nur eine politische Haltung, die dem Unaufregenden,
den durch keinerlei Höhepunkte oder Außergewöhnlichkeiten geadelten
Verhältnissen Bedeutung verleiht. Es entsteht damit auch ein
demokratisches Theater, in dem sämtliche Lebensabschnitte gleichwertig
behandelt werden. Noch vor zweieinhalb Jahren im ersten Teil stand die
ganz normale Vorstadtkindheit in Providence, Rhode Island, am Plan, die
Dramen eines Kindergartenkindes; Teil zwei widmete sich den Jahren bis
14, den Ängsten vor dem Ehe-Aus der Eltern und ersten Modesorgen.
Die gekoppelten Teile 3 und 4 umspannen nun die Jahre 14 bis 18: erste
Küsse, Katechismus und Blockflötenunterricht. Die Inhalte haben an
Langeweile nicht eingebüßt. Und da entlang entspinnt sich auch das
formale Interesse dieses ganz außergewöhnlichen Theaterprojekts: Wie
kann ich das für die Welt Durchschnittliche, für den Einzelnen aber
höchst Exklusive auf der Bühne so gestalten, dass jemand dennoch
interessiert zuhört?
Schatten wachsen bedrohlich
Dafür haben Kelly Copper und Pavol Liska einen guten Plan: Sie lenken
die Aufmerksamkeit auf den nur Kleinkram beinhaltenden Text, indem sie
ihn in eine von Suspense und Mystery durchdrungene Szene verfrachten -
genau genommen: in das Bühnenbild von Agatha Christies Theaterstück Die
Mausefalle. Auf einer biedermeierlich möblierten Bühne (Ausstattung und
Licht: Peter Nigrini), auf der Schatten gefährlich die Wände
hinaufwachsen und auf der die Schauspieler mit angstverzerrten
Gesichtern und vom Gesagten entkoppelten Körperhaltungen agieren, erhält
selbst der Besuch beim Kieferorthopäden seine Bedeutung.
Zur szenischen Verfremdung kommt noch die künstliche Modulation der auf
alle acht, dem Agatha-Christie-Personal entsprechenden Schauspieler
aufgeteilten Ich-Erzählung: Der Text wird (ähnlich wie im Fernsehen vom
Teleprompter) von händisch gewechselten Schildern abgelesen. Das alles
bleibt für die volle Länge von fünf Stunden anrührend und in Bewegung.
Denn zur inneren Dramaturgie dieses Teenager-Alltags gehören auch
Hochgefühle, wie beim Schulausflug nach London oder der Konfrontation
mit der Freizügigkeit britischer Youngsters der 1980er-Jahre. Und diese
erschließt sich das erstklassige deutsch-amerikanische Ensemble dann mit
betörenden chorischen Gesängen (Musik: Robert M. Johanson, Dan Gower).
Und da halten die Burgschauspieler mitsamt ihren New Yorker Kollegen,
was sie bisher versprochen haben: Mit den Mitteln der elitären
Sprechtheaterbühne setzen sie virtuos experimentelle Verfahrenstechniken
der "freien Szene" um: Fabian Krüger, Moritz Vierboom, Markus Meyer,
Sabine Haupt, Anne Gridley, Julie LaMendola, Robert M. Johanson und
Kristin Worrall (die Ich-Figur).
Dass das Sprechtheater stets nach Erneuerung sucht und dabei in freier
Wildbahn recherchiert, ist erfreulich, dass es - wie in diesem Fall -
auch noch auf die Bestmöglichen trifft, fast schon ein Wunder. (Margarete Affenzeller, DER STANDARD/Printausgabe 23.1.2012)