Sarrazin und die Deutschen als "edle Lipizzaner"

Kolumne22. Jänner 2012, 18:11
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Der "edle Lipizzaner" ist selbst eine veritable Mischung aus verschiedenen Pferderassen

Thilo Sarrazin hat wieder einmal zugelangt und eine rechts-populistische Rakete abgeschossen. Wenn man in "edle" Lipizzaner wiederholt belgische Ackergäule einkreuzte, verlören die Stars der Wiener Hofreitschule ihr elegantes Laufvermögen. Dass er mit "Lipizzaner" nicht Österreicher oder Slowenen meinte, sondern die Deutschen, verstand jeder, der ihm in Dübeln, nahe der ehemaligen Grenze zur DDR, zuhörte. Denn es wurde heftig geklatscht. Die NPD lukriert dort bei Wahlen fast sieben Prozent. Ausländer gibt es nur 1,5 Prozent.

Sarrazin wörtlich: "Völlig klar, die genetisch bedingte Fähigkeit zum Laufen sinkt, gleichzeitig steigt die genetisch bedingte Fähigkeit, eine Karre durch den Lehm zu ziehen. Aber das ist dann eine andere Eigenschaft. Und genauso ist es auch beim Menschen."

Gut, in einer weit verbreiteten Wahrnehmung ziehen die Deutschen gerade den Karren aus dem finanziellen Lehm der EU. Allen voran Angela Merkel, die somit ein belgischer Ackergaul wäre. Aber so weit wollte der Redner den Bogen wohl nicht spannen.

Man sollte sich von Sarrazin nicht in noch weiter reichende Spekulationen verwickeln lassen. Nur so viel: Der "edle Lipizzaner" ist selbst eine veritable Mischung aus verschiedenen Pferderassen, die über Jahrhunderte stabilisiert wurde - mit dem Resultat eines charakterlich starken Paradepferdes.

Die ganze Chose zeigt einmal mehr, wie Sarrazin denkt und wie viele Menschen bereit sind, dieses Denken ernst zu nehmen. Sein Werk Deutschland schafft sich ab ist nach dem Duden und der Bibel zum meistverkauften Buch der deutschen Nachkriegsgeschichte avanciert.

Da Sarrazin (Originalzitat: "Die Muslime haben überwiegend eine eher ärmliche Intelligenz" ) sein Bild von einem Gestüt mit edlen Lipizzanern ausdrücklich auf Deutschland und das von den Ackergäulen auf die muslimische Migration bezog, ist der rassistische Charakter seiner Argumente klar.

Rassismus und Rechtsradikalismus fallen auf je fruchtbareren Wählerboden, desto niedriger der Bildungsgrad, desto schwächer die materielle Kraft. Sarrazin-Leser sind aber überwiegend höheren Bildungsschichten zuzuordnen.

Umso erschreckender die massive Zustimmung zu Sarrazins Thesen, deren Hintergrund aus Beobachtung und Statistik in Schlüsse mündet, die mehr mit Vorurteilen als mit ausgewogenen Beurteilungen zu tun haben.

In Deutschland werden immer mehr Stimmen laut, die FDP müsse sich wieder stärker auf einen vor gut 50 Jahren abgestoßenen Teil ihres Erbes berufen, auf den Nationalliberalismus. Das heißt, die Freidemokraten sollten sich in eine Strache- oder Le-Pen-Partei verwandeln, um aus ihrem Tief wieder herauszufinden. Genannt wird auch eine Galionsfigur: Thilo Sarrazin.

Für die FDP ist natürlich Wirtschafts- und Finanzkompetenz erforderlich. Der ehemalige Berliner SPD-Senator und Bundesbank-Funktionär arbeitet angeblich ohnehin an einem Buch über die Währungskrise, dem Böswillige bereits einen Titel unterschieben: "Europa schafft sich ab." (DER STANDARD, Printausgabe, 23.1.2012)

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