Margaret Thatcher bewegt in England bis heute die Gemüter - wie der Film "The Iron Lady" beweist
Die Kinokarte ist so klein, dass lange Filmtitel abgeschnitten werden.
Statt The Iron Lady steht da "The Iron Lad" - der eiserne Kerl.
Das passt, galt Margaret Thatcher doch als einziger Kerl in einem
Kabinett männlicher Memmen. Dabei beteuern Regisseurin Phyllida Lloyd
und Hauptdarstellerin Meryl Streep, sie hätten einen Frauenfilm gemacht:
Ihr Interesse habe dem Aufstieg der ersten Frau ins Amt des
Premierministers von Großbritannien (1979 bis 1990) gegolten - und ihrem
gesundheitlichen Verfall.
"The Rusty Lady" wäre als Filmtitel angemessener, fokussiert das Werk
doch auf den Rost, den der messerscharfe Verstand der heute 86-Jährigen
angesammelt hat. Zu besichtigen sind die kleinen Triumphe und vielen
Demütigungen einer Demenzkranken, unterbrochen von Geistes- und
Erinnerungsblitzen. Das wird von Streep glänzend dargestellt.
Das Unwohlsein, das sich beim Zusehen einstellt, brachte der amtierende
Premier David Cameron auf den Punkt: "Ich hätte mir gewünscht, der Film
wäre später gemacht worden" - nach dem Tod der alten Dame. So ähnlich
sieht das wohl auch die Familie, sie verweigerte sich der angebotenen
Vorab-Besichtigung des Streifens. Dabei hat sich Autorin Morgan fürs
Drehbuch auf die Memoiren gestützt, die Thatchers Tochter Carol 2008
veröffentlichte. Darin beschrieb die Journalistin den Verfall der
übermächtigen Mutter.
Wie Thatcher junior in ihrem Buch, sind auch die Filmemacherinnen
abgestürzt bei der Gratwanderung zwischen Detailtreue und dem Bemühen,
die Würde des alten Menschen zu wahren. Dass Thatchers Aufstieg zur
ersten Regierungschefin eines großen westlichen Industrielandes
faszinierend bleibt, wer wollte das bestreiten? Zudem ihre ersten
Regierungsjahre viele Parallelen zu heute aufweisen, wie die kürzlich
veröffentlichten, 30 Jahre alte Akten der Downing Street belegen.
Unruhen und Plündereien gab es 1981 wie 2011, dazu ansteigende
Arbeitslosigkeit. Wie vor 30 Jahren versucht die derzeitige konservative
Regierung ein aufgeblähtes Staatsdefizit unter Kontrolle zu bekommen.
Der Wirbel vor der Premiere des Films bestätigt, was Thatcher-Biograf
John Campbell so zusammenfasst: Die eiserne Lady bleibe "die am meisten
bewunderte und verhasste, zum Idol verherrlichte und verteufelte Person
des öffentlichen Lebens."
Sie habe Britannien wieder Great gemacht, argumentieren die Bewunderer.
Die Insel sei in den 1980er-Jahren vulgär, intolerant, großkotzig
geworden, wenden Thatchers Verächter ein, ein riesiges
Niedrigsteuer-Gebiet, wo sich der Kasino-Kapitalismus ungehindert
austoben durfte. "Für die Linke erfüllt Thatcher die Funktion einer
Voodoo-Puppe", sagt der britische Historiker Richard Vinen. Auf der
Website der Downing Street findet sich eine Petition mit 23.000
Unterschriften gegen ein Staatsbegräbnis Thatchers. Dieses solle in
Anlehnung an ihr Erbe von der Privatwirtschaft organisiert und bezahlt
werden. Verwiesen wird auf Thatchers berühmten Satz aus einem
Magazin-Interview: "So etwas wie Gesellschaft gibt es nicht."
Das Image unbarmherziger Härte hat sich so tief ins Bewusstsein der
Briten eingegraben, dass Cameron sich davon zu distanzieren sucht. Er
propagiert die "Big Society", ein unklares Konzept gesellschaftlicher
Gemeinschaft jenseits des Staates.
Glasklar hat eine ganz ähnliche Auffassung einst Thatcher formuliert,
und zwar in dem legendären Magazin-Interview. Dort forderte sie zur
Selbsthilfe, aber auch zur christlich motivierten Fürsorge für den
Nächsten auf: "Es kann keinen Anspruch geben, ohne dass der Einzelne
erst einer Verpflichtung nachgekommen ist. Das Leben ist ein Geschäft
auf Gegenseitigkeit."
Ob Lady oder Lad. (Sebastian Borger aus London, DER STANDARD/Printausgabe 23.1.2012)