Großbritannien

Die Voodoo-Puppe der britischen Linken

22. Jänner 2012, 18:16

Margaret Thatcher bewegt in England bis heute die Gemüter - wie der Film "The Iron Lady" beweist

Die Kinokarte ist so klein, dass lange Filmtitel abgeschnitten werden. Statt The Iron Lady steht da "The Iron Lad" - der eiserne Kerl. 

Das passt, galt Margaret Thatcher doch als einziger Kerl in einem Kabinett männlicher Memmen. Dabei beteuern Regisseurin Phyllida Lloyd und Hauptdarstellerin Meryl Streep, sie hätten einen Frauenfilm gemacht: Ihr Interesse habe dem Aufstieg der ersten Frau ins Amt des Premierministers von Großbritannien (1979 bis 1990) gegolten - und ihrem gesundheitlichen Verfall.

"The Rusty Lady" wäre als Filmtitel angemessener, fokussiert das Werk doch auf den Rost, den der messerscharfe Verstand der heute 86-Jährigen angesammelt hat. Zu besichtigen sind die kleinen Triumphe und vielen Demütigungen einer Demenzkranken, unterbrochen von Geistes- und Erinnerungsblitzen. Das wird von Streep glänzend dargestellt.

Das Unwohlsein, das sich beim Zusehen einstellt, brachte der amtierende Premier David Cameron auf den Punkt: "Ich hätte mir gewünscht, der Film wäre später gemacht worden" - nach dem Tod der alten Dame. So ähnlich sieht das wohl auch die Familie, sie verweigerte sich der angebotenen Vorab-Besichtigung des Streifens. Dabei hat sich Autorin Morgan fürs Drehbuch auf die Memoiren gestützt, die Thatchers Tochter Carol 2008 veröffentlichte. Darin beschrieb die Journalistin den Verfall der übermächtigen Mutter.

Wie Thatcher junior in ihrem Buch, sind auch die Filmemacherinnen abgestürzt bei der Gratwanderung zwischen Detailtreue und dem Bemühen, die Würde des alten Menschen zu wahren. Dass Thatchers Aufstieg zur ersten Regierungschefin eines großen westlichen Industrielandes faszinierend bleibt, wer wollte das bestreiten? Zudem ihre ersten Regierungsjahre viele Parallelen zu heute aufweisen, wie die kürzlich veröffentlichten, 30 Jahre alte Akten der Downing Street belegen.

Unruhen und Plündereien gab es 1981 wie 2011, dazu ansteigende Arbeitslosigkeit. Wie vor 30 Jahren versucht die derzeitige konservative Regierung ein aufgeblähtes Staatsdefizit unter Kontrolle zu bekommen. Der Wirbel vor der Premiere des Films bestätigt, was Thatcher-Biograf John Campbell so zusammenfasst: Die eiserne Lady bleibe "die am meisten bewunderte und verhasste, zum Idol verherrlichte und verteufelte Person des öffentlichen Lebens."

Sie habe Britannien wieder Great gemacht, argumentieren die Bewunderer. Die Insel sei in den 1980er-Jahren vulgär, intolerant, großkotzig geworden, wenden Thatchers Verächter ein, ein riesiges Niedrigsteuer-Gebiet, wo sich der Kasino-Kapitalismus ungehindert austoben durfte. "Für die Linke erfüllt Thatcher die Funktion einer Voodoo-Puppe", sagt der britische Historiker Richard Vinen. Auf der Website der Downing Street findet sich eine Petition mit 23.000 Unterschriften gegen ein Staatsbegräbnis Thatchers. Dieses solle in Anlehnung an ihr Erbe von der Privatwirtschaft organisiert und bezahlt werden. Verwiesen wird auf Thatchers berühmten Satz aus einem Magazin-Interview: "So etwas wie Gesellschaft gibt es nicht."

Das Image unbarmherziger Härte hat sich so tief ins Bewusstsein der Briten eingegraben, dass Cameron sich davon zu distanzieren sucht. Er propagiert die "Big Society", ein unklares Konzept gesellschaftlicher Gemeinschaft jenseits des Staates.

Glasklar hat eine ganz ähnliche Auffassung einst Thatcher formuliert, und zwar in dem legendären Magazin-Interview. Dort forderte sie zur Selbsthilfe, aber auch zur christlich motivierten Fürsorge für den Nächsten auf: "Es kann keinen Anspruch geben, ohne dass der Einzelne erst einer Verpflichtung nachgekommen ist. Das Leben ist ein Geschäft auf Gegenseitigkeit." 

Ob Lady oder Lad. (Sebastian Borger aus London, DER STANDARD/Printausgabe 23.1.2012)

 

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21 Postings
Jürgen Rembremerding
00
23.1.2012, 15:49
'Er propagiert die "Big Society", ein unklares Konzept gesellschaftlicher Gemeinschaft jenseits des Staates.'

"Volksgemeinschaft" hieß das mal diesseits des Kanals :-)

euroschilling
01
23.1.2012, 14:46
immerhin weniger mächtig als reagan

das einzig gute an ihr: sie hatte weniger macht als reagen.

meine erinnerung zusammengefasst: reagans bissiger pudel ;-(

Jürgen Rembremerding
01
23.1.2012, 15:51
Dass sie das nicht war, bewies sie im Falklandkrieg,

den die USA gerne verhindert hätten.

adamowitsch
01
23.1.2012, 14:28
margaret on the guillotine

erinnerung an eine sternstunde der rockmusik bzw. kulturgeschichte bzw. politik: morrisseys song "margaret on the guillotine".

Jürgen Rembremerding
30
23.1.2012, 15:51
langweilige Vegetariermusik!

cipf
 
13
23.1.2012, 13:12

Stimmt alles, was man Thatcher an negativem so nachwirft.
Aber eines ist auch klar, wenn Ihre Gegenspieler nicht solche jämmerlichen Waschlappen gewesen wären die sich in Gutmenschentum und Inkompetenz mehrere Master verdient haben, dann wäre wohl manches nicht so gekommen, wie es ist.

frustrierte frankfurter depressive debreziner
14
23.1.2012, 12:53

so wie reagan verabschiedete sie sich in die demenz. mit den folgen ihres wirkens werden sich noch unsere kinder herumschlagen müssen

Return of fine weather
11
23.1.2012, 10:23
Oscarverleihungen 2012

Zusammen mit j edgar schaut es schon sehr nach
republikanischer Wahlkampfpropaganda aus.

Fritz Meyer
03
23.1.2012, 09:35
Das wohl beste Video zur Ms. Thatcher...

http://www.youtube.com/watch?v=6-jT8NOU1xM

niki8
00
23.1.2012, 16:53

Niveau der sozialen...

Kelbo
01
23.1.2012, 09:05

Thatcher wird in diesem Film schon ein bissl zu unkritisch beleuchtet und ihr politisches Werk (oder Unwerk) verblasst hinter der Darstellung der Person. Das ist schade...

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68
22.1.2012, 18:56
Kein Staatsbegräbnis?

Ja das ist sehr gut!
Das soll ihre geliebte Privatwirtschaft machen. Wer jahrelang die Infrastruktur gezielt zerstört und dafür den Euphemismus "Privatisierung" verwendet, der soll selber zahlen!

ManfredZsak - occupied the Wirtshaus
52
23.1.2012, 09:35
ich möcht nicht

wissem wo die Engländer heute ohne tatcher wären !

Fritz Meyer
17
23.1.2012, 09:46
Mehrheitlich gesünder, besser abgesichert, weniger paranoid und sozialer.

Aber Sie dürfen gern dorthin ziehen und das "Lebensgefühl" des britischen Mittelstandes einmal am eigenen Leib erfahren.

Jürgen Rembremerding
00
23.1.2012, 15:55
Die britische Autoindustrie an Labour an die Wand gesemmelt!

Aus British Leyland wurde durch die Verstaatlichung endgültig British Elend - und aus!

niki8
62
23.1.2012, 11:42

Ihr immer mit eurem Sozialschwachsinn! Man kann es mit sozial echt übertreiben (Bsp. Österreich), bringt nur Schulden. Und so schlecht ist der Mittelstand in UK auch wieder nicht gestellt, wie oft in den Medien berichtet wird.

Fritz Meyer
22
23.1.2012, 15:08
Man muss sich nur an Bangladesch ein Beispiel nehmen...

oder an irgendeinem anderen Land, wo die Kapitalisten völlig unbehelligt dem Gemeinwohl das Wasser abgraben dürfen?

Und wer das Unwort "Sozialschwachsinn" gebraucht meint bestimmt auch, dass "sozial" von "Sozialismus" kommt.

Jürgen Rembremerding
00
23.1.2012, 16:05
"das Wasser abgraben"

In Bangladesch ist das eine sinnvolle und soziale Tat, aber Du kannst auch da nur meckern:

http://www.global-greenhouse-warming.com/images/Ba... od2004.jpg

ManfredZsak - occupied the Wirtshaus
23
23.1.2012, 11:03
ich leb seit

3 Jahren in London, danke !

Fritz Meyer
11
23.1.2012, 15:05
Wohlsituiert, Bankengewerbe und unter 35?

Ja, dann merkt man natürlich nichts davon.

niki8
00
23.1.2012, 16:52

Wie gut, dass Leute, die anderen die verschiedensten Bedeutungen und Anwendungsformen von "sozial" beibringen wollen, nicht gleich Vorurteile gegen jemanden haben, nur weil er/sie in London wohnt und nichts davon merkt. Musst wohl an der Armutsgrenze wohnen wenn gleich so denkst. Köstlich!

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