Abseits des Slalomsiegs von Christian Deville regierte am Sonntag in Kitzbühel nur ein Thema: Hirscher und das Einfädeln
Kitzbühel - Marcel Hirscher hat es dieser Tage nicht leicht. Und am
Sonntag, im zweiten Durchgang des Slaloms, schaffte er tatsächlich, was
ihm zuvor und laut Fis-Renndirektor Günter Hujara zu Unrecht vorgeworfen
worden war. Er war extrem spektakulär unterwegs. Und fädelte ein.
Unbestritten. "Ich hab mich sehr, sehr geärgert. Die Umstände waren ja
wirklich kurios", sagte der 22-jährige Salzburger, und damit meinte er
nicht sein Ausscheiden auf dem Ganslernhang.
Zuvor waren Gerüchte aufgetaucht, dass Hirscher bei seinem Sieg vor fast
drei Wochen in Zagreb eingefädelt hätte, was aber von den Torrichtern
übersehen worden sei. Die Aufregung war und ist groß. Unabhängig davon,
dass Ergebnisse offiziell sind, wenn 15 Minuten nach Rennschluss kein
Protest eingebracht wurde.
Hirscher wusste davon gar nichts und hatte auch die Aufnahmen einer
High-Speed-Kamera, die dies angeblich belegten, nicht gesehen. Die
schauten sich die Experten, allen voran Hujara, wieder und wieder an. Es
ist zu sehen, dass Hirscher mit dem Innenski auf die gekippte Stange
fährt, diese aber nicht jenseits des inneren Skis wieder hochkommt.
"Völlig korrekt", stellte Hujara fest. Auch der Deutsche Felix
Neureuther, Zweiter in Zagreb, war in Verdacht geraten. Hujara sprach
auch ihn frei.
Und dann der erste Durchgang von Kitzbühel: Hirscher fährt mit dem
Innenski auf die Stange, fährt weiter, frohlockt im Ziel, wird aus der
Wertung genommen. Und wenig später von der Jury nach Videostudium wieder
aufgenommen. Alles korrekt.
"Es ist nur ein Rennen, aber die Schande währt ewig", sagte Ivica
Kostelic, der Dritte von Zagreb, der sich offenbar betrogen fühlt,
nachdem er im Slalom von Kitzbühel ebenfalls Dritter geworden war und
Sieger der Hahnenkamm-Kombination. Damit löste er Titelverteidiger
Hirscher an der Spitze der Gesamtweltcupwertung ab. Kostelic, der
Geschichtestudent, der ein Zitat eines französischen Generals aus dem
15. Jahrhundert anwandte, welches dieser seinem nach einer verlorenen
Schlacht flüchtenden König nachgeworfen hatte, ad Zagreb: "Ich habe
gesehen, dass er eingefädelt hat. Aber ich werde mir die Bilder noch
einmal anschauen."
Die Regel
In der Internationalen Wettkampfordnung (IWO) der Fis steht geschrieben:
Ein Tor ist korrekt durchfahren, wenn beide Skispitzen und beide Füße
des Wettkämpfers die Torlinie überfahren haben. Die Torlinie beim Slalom
ist die gedachte kürzeste Linie zwischen Drehstange und Außenstange.
Wenn ein Wettkämpfer eine Stange aus ihrer vertikalen Stellung entfernt,
bevor seine Füße und Skispitzen die Torlinie passiert haben, ist die
Stellung der Füße und der Skispitzen des Wettkämpfers zum
Originalzustand der Torlinie maßgebend.
Eine große Aufgabe für Torrichter und in manchen Fällen wohl unlösbar.
Grauzonen sind offenbar nicht auszuschließen. Das erinnert an
Diskussionen im Fußball, etwa bei einem Elferpfiff, dessen Recht- oder
Unrechtmäßigkeit auch nach der x-ten Wiederholung die einen so und die
anderen so sehen.
Speziell Hirscher attackiert jedes Tor so hart, dass Fehler kaum
auszumachen sind. "Man sieht, dass das bei meinem Fahrstil sehr knapp
zugeht. Aber der Schuh ist auf der richtigen Seite, das ist der
Indikator", sagte er und versicherte, dass er bei jedem Tor etwas spürt,
weil eine Stange hängenbleibt, aber niemals weiterfahren würde, wenn ihm
klar sei, er habe eingefädelt. Cristian Deville, der mit 31 seinen
ersten Weltcupsieg feierte: "Ich glaube Marcel, er ist ein fairer
Sportler."
Bereits morgen, Dienstag, gibt es wieder 120 Gelegenheiten zum Einfädeln
und zum High-Speed-Kamera-Bilder-Schauen. Der Flutlichtslalom von
Schladming, das sogenannte Nightrace, steht an. (Benno Zelsacher, DER STANDARD, Printausgabe, 23.1.2012)