Die Blauen bedienen jenes Unbehagen, das in den Krisenjahren weite Teile der Bevölkerung erfasst hat
Selbstverständlich darf man nicht jedes in Bierzelten gesprochene Politikerwort auf die Goldwaage legen. Die meisten Parteifunktionäre wissen, dass die Wirklichkeit komplexer ist, als man es dem Fußvolk darstellt. Dennoch ist die Bierzelt-Rhetorik ein Indikator dafür, wohin die politische Reise einer Partei gehen soll.
Nimmt man die Rede von Heinz-Christian Strache beim Neujahrstreffen am Wochenende als Richtschnur, dann ist die FPÖ dabei, den sozialen Protest mithilfe "linker" Kampfrhetorik einzusammeln. Statt um Ausländer geht es nun gegen die Banken und Spekulanten, um "gesundes Geld" für ein "kaputtes System".
Die Blauen bedienen jenes Unbehagen mit dem Kapitalismus, das in den Krisenjahren weite Teile der Bevölkerung erfasst hat. Gewürzt mit realen Forderungen: Mit einem Ende für die Gruppenbesteuerung - also mit dem Prinzip, dass in einer Unternehmensgruppe Gewinne und Verluste mit ausländischen Tochtergesellschaften gegengerechnet werden können - würde ein Steuerprivileg fallen.
In ihren diffus vorgebrachten Vorschlägen zum Umgang mit der Finanzkrise bleibt die FPÖ freilich das, was sie immer war: national und EU-feindlich. Da schwafelt man vom Ausstieg aus dem Euro - "rot-weiß-rotes Rettungsboot" - und vom "Brechen mit Brüssel". Das mag Stimmen bringen, der komplexen europäischen Realität wird es nicht gerecht. Nicht im Bierzelt, schon gar nicht im wirklichen Leben. (DER STANDARD; Printausgabe, 23.1.2012)