Privatgläubiger

Nervenkrieg um Schuldenschnitt

Markus Bernath, 22. Jänner 2012, 17:59

Die Troika von EU, EZB und IWF soll eine Einigung über den Haircut verhindert haben. Nun will Athen das vorläufige Abkommen präsentieren

Athen/Nikosia - Als Charles Dallara am Samstag unerwartet zum Flughafen Athen fährt und nach Paris abreist, hängt die Staatspleite mit einem Mal wieder über den Köpfen der Griechen. Der Chef der Internationalen Bankenvereinigung und sein Berater Jean Lemierre hätten die Verhandlungen abgebrochen, heißt es. Kein Schuldenschnitt, kein Geld, zwei Jahre Kampf gegen den Totalbankrott umsonst.

Dann soll es aber ein länger geplanter "privater Termin" in Paris gewesen sein, der Dallara just im kritischsten Moment vom Verhandlungstisch wegrief. Am Sonntag gingen die Gespräche zwischen dem Bankenvertreter und der griechischen Regierung am Telefon weiter. Finanzminister Evangelos Venizelos will beim Treffen mit seinen Amtskollegen in Brüssel heute, Montag, vorlegen, was er bisher hat: Eckpunkte für ein Abkommen, das Griechenland die geplante Entlastung von 100 Milliarden Euro bringen soll. Das Problem: Die Troika - die Vertreter von EU-Kommission, EZB und IWF - hält die Einigung für nicht tragfähig. Sie hat eine Einigung in der Nacht zu Samstag platzen lassen.

Angebot mit drei Stufen

Dem Vernehmen nach präsentierten Venizelos und Regierungschef Lukas Papademos ein dreistufiges Angebot für neue eingetauschte Anleihen. 3,5 Prozent Zinsen würde Athen für Papiere zahlen, die 2014 fällig würden, 3,9 Prozent für Anleihen mit einer Laufzeit bis 2020 und 4,6 Prozent für noch spätere Fälligkeiten. Ein Sprecher Dallaras nannte den Fortschritt bei den Gesprächen "substanziell". Doch es gibt widersprüchliche Angaben darüber, was die Troika verlangt, um den Haircut passieren zu lassen.

Angaben der konservativen Tageszeitung "Kathimerini" vom Sonntag zufolge gibt es einen Sechs-Punkte-Katalog: Entlassung von Beamten, weitere Kürzung zusätzlicher Pensionen, Senkung der Lohnkosten in der Privatwirtschaft, Kürzung des 13. und 14. Monatsgehalts, Liberalisierung aller Berufsbranchen, Senkung der Arbeitskosten bei öffentlichen Unternehmen. Dies sind im Wesentlichen ohnehin Sparmaßnahmen, über die die Regierung in Athen seit Monaten diskutiert. Allerdings legt sich der Parteichef der konservativen Nea Dimokratia, Antonis Samaras, quer. Am Sonntag schaute die Troika bei ihm am Parteisitz vorbei.

"Politik der Opfer"

Eine knappe Stunde dauerte das Gespräch, und tiefgehend sei es nicht gewesen, versicherten Parteifunktionäre später, aber das "Schiff ändert langsam seinen Kurs". Damit waren die Troika-Vertreter gemeint, die allmählich begreifen würden, dass weitere Lohn- und Pensionskürzungen kontraproduktiv seien. "Griechenland kann nicht weitermachen mit der dauernden Politik der Opfer", wurde auch Klaus Reichenbach zitiert, der deutsche Chef der EU-Taskforce, die Privatisierungen und Arbeitsabläufe in den griechischen Ministerien beschleunigen soll.

Eine neue Kurve bei den Verhandlungen über den Schuldenschnitt hat das nicht verhindert. Eine Einigung könnte auch noch diese Woche in Anspruch nehmen, hieß es. Griechenlands Schulden belaufen sich auf mehr als 350 Mrd. Euro. Vor einem "katastrophalen Haircut, den die Regierung des Bankiers Lukas Papademos unterschreiben wird", warnte die linke Tageszeitung "Dromos" am Sonntag schon einmal. (Markus Bernath, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 23.1.2012)

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24 Postings
Thomas turnbichler
00
23.1.2012, 13:54
Das wird eh nix

Uns wird es aber wieder einmal als die Lösung des Problems verkauft werden. Und vor allem werden wir weiter dieses Kasperltheater dieser Euroschranzen mitzahlen.

Fast sarkastisch gesagt ist die billigste Variante das Geld, das wir an die Staaten abdrücken dürfen. Die Teurere und Verheerendere wird der Unfrieden und der Zwist sein, der dieses Schulden und Zinssystem mit Kombination des Euros, über unseren (noch) friedlichen Kontinent bringen wird.

Giegritsbotschn
10
23.1.2012, 09:47
Ich würde an Stelle der Griechen die Troika

einlochen. Bei Wasser und Brot und täglicher Bastonnade mit der neunschwänzigen Katze auf die nackten Fusssohlen.

LGM
00
23.1.2012, 11:59

Was kann denn die Troika dafür? Griechenland will jetzt dem Vernehmen nach 70% Haircut, dass da nicht alle aufjubeln und dass das nicht ohne Bedingungen abgehen wird, ist doch nicht verwunderlich.

Giegritsbotschn
00
23.1.2012, 12:59
Nix kann sie dafür,

aber schon im Mittelalter haben Kaiser, Könige und Fürsten ihre Gläubiger eingelocht, wenn sie die Schulden (welche sie meist fürs Kriegführen aufgenommem haben) nicht mehr bezahlen konnten.

Ich finde, das ist eine Tradition, die gepflegt gehört. Quasi Weltkulturerbe.

wer wenn nicht er
01
23.1.2012, 09:32
"Griechenland kann nicht weitermachen mit der dauernden Politik der Opfer"

Andererseits übernehmen andere EUR-Staaten wie Estland, Slowenien und Slowakei Teile der griechischen Schulden, damit in Griechenland weiterhin ein 2-4x so hohe Mindestlöhne und Mindestpensionen ausbezahlt werden können, wie in besagten Partnerländern.

Der Unterschied: Die Wirtschaft dieser Länder wächst auf Grundlage schlanker Staaten und bescheidener Einkommen.

Wie ist diese permanente Solidarität vor den ärmeren EU-Staaten zu rechtfertigen?

Vor Allem aber: Welche Alternativen gibt es um Griechenland wettbewerbsfähig zu machen?

Die Forderungen der Troika sind a bisserl wie die ärztliche Verordnung einer Diät bei morbider Adipositas, wobei der Patient den starken Hunger beklagt.

NicoPelikan
02
23.1.2012, 07:40
Wann bitte praesentiert GR ein Geschaeftsmodell fuer die Zukunft ??

Jede Firma muss, wenn sie Geld von der Bank bekommen will, einen business plan, der zeigt, wie in Zukunft Geld verdient werden soll, vorlegen.
Von GR habe ich einen solchen seit Ausbruch der Krise noch nicht gesehen !
Die unzaehligen Finanztransaktions-Details verschleiern, dass es gar keine tragfaehigen Fundamentaldaten darueber gibt, welche Wirtschaftzweige den Karren aus dem Dreck ziehen sollen. Motto: "des Kaisers neue Kleider "

Waran
31
23.1.2012, 01:01
Griechenland

In Griechenland wird es deshalb nicht klappen, da rigorose Sparmaßnahmen in einer Krise in eine gewaltige Rezession führen.
Die Leute, die diesen Blödsinn Griechenland verordneten, haben von Volkswirtschaft so viel Ahnung, wie ein Kuh vom Tango-Tanzen!!!
Einmal über Geldschöpfung in einer Volkswirtschaft informieren!
Schulden sind nicht die Ursache - die sind ein Symptom!

Kahuna
00
23.1.2012, 00:39
Warum es in GR nie klappen wird....

http://www.npr.org/blogs/mon... in-trouble

No Use for a Name
00
23.1.2012, 00:21

man beachte den ersten Satz im Text rechts

http://bastardo.at/akropolis/

smid
21
22.1.2012, 19:51
heute Montag???

es ist jetzt Sonntag und 19.45 öst Zeit. Der Verweis auf die Opfer der GR bezieht sich u.a. auf die Kaufkraft der gr Bevölkerung, der in den letzten Monaten, Löhne und Pensionen gekürzt, Steuern auf Lebensmittel etc erhöht wurde. Der Mindestlohn kann umgangen werden. Hier ist der Einkauf im Supermarkt mindestens so teuer wie in Ö, Heizöl (noch immer eines der häufigsten Heizmittel) sieg rasant an, Benzin teurer als in Ö. Viele kleine Geschäfte zu, auch große Handelsketten sperren, weil sie Leute weniger kaufen. Im Winterschlussverkauf versucht man mit Suoersonderangeboten, die Leute in die Geschäfte zu bekommen. Man merkt's bereits ziemlich stark in den Geschäften, dass der Konsum auch bei Lebensmitteln zurück geht.

mike sierra
01
22.1.2012, 20:56

"DER STANDARD, Print-Ausgabe, 23.1.2012"

Ökonomix
35
22.1.2012, 18:40
"Griechenland kann nicht weitermachen mit der dauernden Politik der Opfer",

Bitte welche Opfer hat GR bisher erbracht? Vieles wurde angekündigt aber nur wenig umgesetzt. Die Steuerhinterziehung ist angestiegen, Staatsbedienstete wurden nur wenige abgebaut, die Staatsbetriebe sind nach wie vor in einem Zustand in dem sie unverkäuflich sind ...

Das einzige an was die gr. Regierung arbeitet ist der Schuldenschnitt - nur der wird GR auch nicht retten solange GR keinen Primärüberschuss erzielt.

Tintifax der ... Druide!
20
23.1.2012, 08:54

Wer sowas schreibt, der war in den letzten Monaten sicher nicht in GR.

Wussten Sie, dass man in den Apotheken dort nur mehr Medikamente bekommt wenn man gleich bezahlt? Das liegt daran, dass die Krankenkassen bankrott sind, und den Apotheken schon seit Monaten nix mehr zahlen, weshalb diese selbst auch am Limit sind.

Wussten Sie, dass man in GR nach einem Jahr Arbeitslosengeld GAR NICHTS mehr bekommt? In dieser Situation sind jetzt nämlich viele.

Wussten Sie, dass die Leute sich kein Heizöl mehr leisten können, und deshalb IRGENDWAS in ihrem Kamin verheizen? In dem Dorf, in dem ich vor kurzem war, hat sich dadurch eine Smogglocke gebildet, dass man manchmal kaum vor die Tür gehen kann.

I could go on and on ...

QUANTUM
10
23.1.2012, 04:14

http://www.zeit.de/2011/26/G... and-Reiche

diese opfer hat GR gebracht. und alle anderen länder ebenfalls. das geld der superreichen, ihre steuermoral und das kapitalismus nur durch die unterschiede funktioniert, die notfalls mit IWF, EZB und der EU-führung hergestellt werden.

Februar im Jung-Hammerwerferinnen-Kalender
37
22.1.2012, 19:38
Re: Bitte welche Opfer hat GR bisher erbracht?

Ein 'normaler Bürger' in GR muss massiv sinkendem Einkommen Rekordinflation, nachträgliche Steuern auf bereits im Vorjahr versteuertes Einkommen, ESt ab 5.000 p.a., Abschaffung von Kollektivverträgen, Senkung des Mindestlohns auf 500 €, Steuererhöhungen überall, Wegfall von (meist ohnehin lächerlichen) Sozialleistungen, etc, etc. Auch die mehr als 40 % arbeitslosen Jugendlichen werden Ihre Einschätzung sicherlich als sehr objektiv beurteilen. Und wie erklären Sie einer Witwenpensionistin, deren Pension von 370 auf 300 gekürzt wurde, dass sie jetzt noch zusätzlich hunderte € Immobiliensteuer für das 90 Jahre alte Haus abdrücken muss? Einfach nur polemisch herumstänkern können Sie im Krone-Forum ...

Rudi Ratlos4
11
23.1.2012, 12:23
Rekordinflation von 2,415% (Dezember 2011)

Februar im Jung-Hammerwerferinnen-Kalender
00
23.1.2012, 18:25
Welche Aussagekraft hat der Inflationswert für einen einzelnen Monat?

Die Statistik spricht jedoch klare Worte über die Preisentwicklung:

http://tinyurl.com/prices-eu... -vs-greece

Seit der Euro-Einführung ist die Inflation in GR konstant über dem €-Durchschnitt, meist auf Platz eins. Die Gesamt-Teuerung betrug in GR seit 2005 21,35 %, in der Euro-Zone im Durchschnitt 12,89 %. Das meine ich mit Rekordinflation.

Sehr interessant sind auch die Preissteigerungen in GR direkt bei der Euro-Bargeld-Einführung und im darauf folgenden Jahr (http://epp.eurostat.ec.europa.eu/inflation... dashboard/ - Food & non-alcoholic beverages). Da hat die Politik ganz klar der 'freien' Wirtschaft zu viel Freiheit gelassen - wie immer, auf Kosten jener, die am wenigsten haben.

Ökonomix
12
23.1.2012, 00:05
Wenn´s wirklich so wäre, würde das Defizit nicht 9,5% betragen

Angekündigt wurde vieles, umgesetzt nur wenig. Ich kann mich noch erinnern, dass man von Anfang an gegen Sozialhilfebetrug vorgehen wollte. Im letzten Herbst musste ich nun lesen das die Sozialhilfebetrüger noch immer nicht zur Kasse gebeten wurden. Die Immobiliensteuer wurde gerade erst im letzten September angekündigt - unwahrscheinlich, dass sie bis jetzt umgesetzt wurde. Ein paar rührselige Gschichterln lassen sich überall finden, glaubwürdig sind sie nicht alle. Vor allem dann nicht wenn man sich die gr. Budgetzahlen ansieht.

Andreas Prucha
21
23.1.2012, 02:08

Wieso? Wenn die Leute plötzlich um einiges weniger Geld haben müssens Ausgaben streichen wo immer geht. Also sinken auch die Steuereinnahmen. Dazu kommen noch die diversen Unsicherheiten was die Zukunft betrifft. Folgewirkungen wie höhere Arbeitslosigkeit kosten dem Staat auch Geld.

Es war von vorne herein klar, dass diese Radikalspar-Auflagen mehr kosten als sie bringen, wenn sie in so kurzer Zeit umgesetzt werden sollen.

Und was Sozialhilfebetrüger betrifft: Glaubt irgendwer, dass die so viel am Sparbüchl haben, dass man ihnen von heute auf morgen alles, was sie zu viel bezogen haben abnehmen kann?

Ökonomix
00
23.1.2012, 17:53

Dass Sparmaßnahmen sich auch auf die Staatseinnahmen niederschlagen, ist richtig, doch kommt es nicht zu dem von Ihnen beschrieben Mitkopplungseffekt. Dazu müssten die Leute ihre Ausgaben stärker reduziert, als ihr Einkommensverlust ausmacht. Außerdem müsste GR Selbstversorger sein. Beides trifft nicht zu.

Ein Gutteil der Rezession geht wohl auf Kosten der zunehmenden Schattenwirtschaft. Wenn im letzten Jahr weniger MWST eingehoben wurde, so heißt das nicht, dass die Gr. weniger ausgegeben haben. In Korinth beispielsweise wurden im ersten Halbjahr bloß 18000€ MWST bezahlt. Bei einer Einwohnerzahl von 60000 wären das 0,3 € MWST pro Kopf. Das hieße, dass der durchschn. Korinther nicht viel mehr als 1,50€ in 6 Monaten ausgegeben hätte.

Epikouros
02
23.1.2012, 11:03
Die Griechen handeln erst dann wenn Feuer am Dach ist.

Insofern kann man der jetzigen Situation auch positives abgewinnen. Denn Schuldenschnitt zum jetzigen Zeitpunkt sehe ich eher negativ, da er den Druck von Griechenland nimmt die Reformen umzusetzen. Die griechische Elite wird sich am Staat bereichern, solange es irgendwie geht.

Andreas Prucha
00
23.1.2012, 13:30
Natürlich hat der Druck auch positive Seiten, weil Griechenland ja wirklich ein strukturelles Problem hat. Mittel- und Langfristig können sich die Reformen also durchaus positiv auswirken.

Aber aus der Tatsache, dass Griechenland jetzt noch ein hohes Defizit aufweist abzuleiten, dass Griechenland nicht spart, ist eben Unsinn. Radikale Sparmassnahemn führen eben zum Abwürgen der Wirtschaft, gedämpften Steuereinnahmen - und daher auch erstmal zu einem höheren Schulden/BIP verhältnis.

Vera Rschung
 
03
22.1.2012, 20:12
Objektiv betrachtet

leisten sich die Griechen Gehälter und Sozialleistungen, die sie nicht annäherend erwirtschaften. Objektiv betrachtet müssen diese also gesenkt werden.

Vielleicht kann man sie ja dann wieder anheben, wenn die Griechen endlich verstanden haben, dass gesellschaftlicher Wohlstand nicht durch Demonstrieren sondern durch Arbeiten entsteht. Und dass ein Staat nur dann Wohltaten zu vergeben hat, wenn man seine Steuern bezahlt und die gebotenen Sozialleistungen nicht bei jeder sich bietenden Gelegenheit missbraucht und veruntreut.

ganzsichernicht
 
00
22.1.2012, 18:15
müßig, über grichenlands staatspleite zu lesen...

es ist wie in der computerbranche: alles was veröffentlicht wird ( auf den markt kommt), ist bereits "steinalt"...und man hoppelt mit einer schon lääängst überholten version herum...

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