Leben nach dem Vatermord

22. Jänner 2012, 17:23
449 Postings

Der inzwischen therapierte Mathias Illigen hat sein Schicksal in dem Buch "Ich oder ich" niedergeschrieben

Wien - Am Dienstag ist es genau vier Jahre her, dass Mathias Illigen seinen Vater getötet hat. Vergangene Woche saß der 34-Jährige stundenlang im Kaffeehaus, gab Interviews und hatte schon Halsweh vom Reden über sein Buch "Ich oder ich" (edition a), in dem er seine Geschichte niedergeschrieben hat. Die wahre Geschichte eines Mannes, der seinen Vater mit dem Bügeleisen erschlagen hat. Das war er - und irgendwie war es doch ein anderer.

Illigen stand am 7. September 2007 am Landgericht Feldkirch für seine Tat vor Gericht, wo er für zurechnungs- und schuldunfähig erklärt und in eine Anstalt für geistig abnorme Rechtsbrecher eingewiesen wurde. Der Wahlwiener aus Vorarlberg verbrachte drei Jahre und sieben Monate im Maßnahmenvollzug, meist im Otto-Wagner-Spital in Wien.

Die Diagnose lautete: paranoid-halluzinatorische Schizophrenie - die gleiche wie im ersten Gutachten zum norwegischen Attentäter Anders Breivik, der im Vorjahr 77 Menschen getötet hat.

Geheime Zeichen und Stimmen im Kopf

Illigens Tötung des Vaters war laut Psychiatern auf eine "psychotische Episode" zurückzuführen. In seinem Buch lässt sich nachvollziehen, wie sich die Welt in seinem Kopf in den Monaten zuvor verändert hatte. Zunächst glaubte der damalige Philosophiestudent, sein Professor Peter Sloterdijk gebe ihm geheime Zeichen, dann fühlte er sich verfolgt von immer mehr Menschen - selbst von seinem Bruder. Er hörte eine Stimme und nahm an, in seiner Wohnung und in seiner Kleidung befänden sich überall Kameras.

Sein Wahn ging so weit, dass er von Wien nach Rom fuhr, um den Papst vor einer satanistischen Verschwörung zu warnen. Er scheiterte an der Schweizergarde. In diesen drei Monaten schlief er kaum noch. Die Welt war voller Zeichen, die er mühselig zu deuten hatte. Irgendwann glaubte er, sein Vater sei der Drahtzieher all dessen und fuhr nach Vorarlberg.

Kaum Erinnerungen an die Tat

An den Abend des 24. Jänner 2007, der sein ganzes Leben verändern und an dem er jenes seines Vaters auslöschen sollte, kann er sich heute nur bruchstückhaft erinnern. "Ich kann mich nicht so erinnern, dass ich weiß, dass das Realität und passiert ist", sagt er.

Dass sein Umfeld vor der Tat nicht bemerkte, was mit ihm los war, sei verständlich: "Das hätte nur jemand bemerken können, der einschlägig Erfahrung damit hat", meint Illigen. Aber warum gerade er offenbar eine Veranlagung zu dieser psychischen Erkrankung in sich hat, die so schwerwiegende Folgen hatte, frage er sich schon immer wieder.

Wut und Verzweiflung

Als er kurz nach der Tat ein Vorgutachten über seinen Zustand zu lesen bekam, stiegen erste Zweifel an der Richtigkeit seines Weltbilds in ihm auf, schließlich brach es in sich zusammen. "Die Wut und Verzweiflung, die mit dem Zustand geistiger Klarheit einherging, raubte mir den letzten Funken Lebensenergie", schreibt er.

Trotzdem fasste Illigen bald den Entschluss, möglichst schnell wieder freizukommen. Dabei, so schildert er, fühlte er sich den Ärzten ausgeliefert. "Die Hoffnung, gesund zu werden, hat uns niemand gegeben", sagt er heute.

Oberhand über die eigene Geschichte

Warum aber hat er all das in einem Buch veröffentlicht? "Mir kommt meine eigene Geschichte oft so unglaublich und unrealistisch vor", sagt Illigen. Und in der Psychiatrie sei ihm immer gesagt worden, wie und wer er sei. "Mit dem Buch will ich die Oberhand über meine Geschichte zurückgewinnen. (Gudrun Springer, DER STANDARD, Printausgabe, 23.1.2012)

  • Mathias Illigen über die Zeit im Maßnahmenvollzug: "Die Hoffnung, gesund zu werden, hat uns niemand gegeben."
    foto: andy urban

    Mathias Illigen über die Zeit im Maßnahmenvollzug: "Die Hoffnung, gesund zu werden, hat uns niemand gegeben."

Share if you care.