"Perestroika"

Vor 25 Jahren: Gorbatschow leitet Reformkurs ein

22. Jänner 2012, 09:00
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    foto: reuters/archiv

    Michaeil Gorbatschow bei einer Rede in Washington im April 1997.

Reformen läuteten auch Ende der Sowjetunion ein - Friedensnobelpreisträger sieht Zeit reif, Politik der Perestroika nun zu Ende zu führen

Moskau - Vor 25 Jahren, am 27. Jänner 1987, hat der damalige Parteichef Michail Gorbatschow mit einer Rede vor dem Zentralkomitee der Kommunistischen Partei der Sowjetunion (KPdSU) seine Politik von Glasnost (Offenheit) und Perestroika (Umbau/Umgestaltung) eingeleitet. Dieser historische Reformkurs bedeutete auch das Ende der Sowjetunion.

25 Jahre später sieht der Friedensnobelpreisträger Gorbatschow (80), dessen Stimme in der heutigen Politik Russlands kaum noch gehört wird, in den jüngsten Massenprotesten gegen die Machthaber in Moskau die Chance für einen neuen Aufbruch in Russland. Das "Freiheits-Gen" lebe offenbar noch im russischen Menschen, sagte der Ex-Sowjetpräsident in einem Interview mit der kremlkritischen Zeitung "Nowaja Gaseta", deren Miteigentümer er ist, Ende Dezember. "Es wird nicht gelingen, uns noch einmal einzuschüchtern", sagte Gorbatschow. Die Zeit sei reif, seine Politik der Perestroika aus den 1980er Jahren nun zu einem Ende zu führen. "Die Freiheit ist eine persönliche Ehre - und das wollten wir damals erreichen", führte Gorbatschow aus.

Am 8. April 1986 nahm Gorbatschow laut der russischen Agentur RIA Novosti das Wort "Perestroika" während einer Arbeitsreise nach Togliatti (Gebiet Samara) erstmals in den Mund, als er über die Lage im Land sprach. Damit kündigte er einen neuen politischen Kurs an.

Nach Jahrzehnten der Willkür und Unfreiheit in der Sowjetunion wollte Gorbatschow schon kurz nach seinem Amtsantritt 1985 das marode wirtschaftliche und politische System des Landes vor dem Zerfall retten und stabilisieren. Zudem gab Gorbatschow den Menschen in der starr von oben gelenkten Sowjetunion mehr Freiheiten.

Gorbatschows Initiativen der 1980er Jahre beendeten das atomare Wettrüsten der Supermächte, er entließ die Warschauer-Pakt-Staaten einschließlich der DDR in die Freiheit und machte damit das Ende des Kalten Krieges und die deutsche Wiedervereinigung möglich. Den Ländern des Warschauer Pakts ermöglichte Gorbatschow, ihre Staatsform selbst zu bestimmen. Zuvor waren Reformbewegungen wie der Prager Frühling in der Tschechoslowakei oder wie in Ungarn blutig niedergeschlagen worden.

Der Parteichef benannte zudem in einer für den Kreml bis dahin ungekannten Offenheit die Verbrechen unter Sowjetdiktator Josef Stalin, insbesondere das Massaker an tausenden polnischen Offizieren 1940 in Katyn. Er legte auch ein geheimes Zusatzprotokoll zum Deutsch-Sowjetischen Nichtangriffspakt von 1939 offen. Nach einem rund zehnjährigen militärischen Vorgehen am Hindukusch mit vielen Toten befahl er 1988 den sowjetischen Truppenabzug aus Afghanistan.

Gorbatschow wollte das in den Jahren unter Leonid Breschnew zum Stillstand gekommene System von innen heraus reformieren. Er trat mit dem Satz an, sein Land brauche die Demokratie "wie die Luft zum Atmen". Sein Irrtum war, dass dies nicht, wie von ihm erwartet, verschüttete Kräfte zur system-immanenten Erneuerung frei setzte. Zwar fegte er mit seiner Außenpolitik die seit dem Zweiten Weltkrieg etablierte Weltordnung hinweg, in der neuen gab es aber keine Sowjetunion mehr.

Statt "in das neue Jahrtausend als eine große und gedeihende Macht" einzutreten, zerbrach die Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken bereits Ende 1991 nach einem Putsch der Apparatschiks und einem entschlossenen Gegenschlag der Reformer um den russischen Präsidenten Boris Jelzin, der sich dafür mit den nationalen Unabhängigkeitsbestrebungen der Republiken verbündete.

Die von Gorbatschow initiierten wirtschaftlichen Reformen brachten der breiten Masse nicht den erwarteten Wohlstand, sondern ließen die Kluft zwischen Arm und Reich offen zu Tage treten. Durch Russlands plötzlichem Aufbruch in den Kapitalismus fanden sich viele Menschen in Armut wieder. Zu Gorbatschows umstrittenen Initiativen gehörte ein Alkoholverbot. Auch die zögerliche Informationspolitik nach der Reaktor-Katastrophe 1986 in Tschernobyl wurde ihm angekreidet.

Politische Widersacher nutzten die neuen Freiheiten, sich gegen die offizielle Linie zu formieren: Gorbatschow wurde schließlich von der um ihre Pfründe bangenden kommunistischen Nomenklatur und den Radikalreformern in die Zange genommen. Den einen ging seine Perestroika zu weit, den anderen nicht weit genug. Zwischen diesen Kräften wirkte Gorbatschow unentschlossen und als führungsschwacher Politiker ohne Machtinstinkt. Das Volk nannte ihn respektlos einen "Boltun" - einen Schwätzer. Noch heute sehen viele Menschen in Russland den Ex-Präsidenten als Zauderer, der das Land mit politischen Fehlern in Chaos, Hunger und Armut gestürzt hat. Der Zerfall der Sowjetunion 1991 bedeutete auch das Ende der Ära Gorbatschow.

Dieser verteidigte seine Reformpolitik der Perestroika, gestand aber auch Fehler ein. Gegenüber dem staatlichen Radio zeigte er sich vor zehn Jahren selbstkritisch: Die Reform der Kommunistischen Partei sei er zu langsam angegangen, gleiches gelte für die staatlichen Strukturen. (APA)

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10 Postings
Febobo
12
23.1.2012, 10:21
Was soll ein Artikel über diesen Verräter?

jovanotti_for_president
00
Vermisst da wer gar die "guten" alten Zeiten?

Breschnew oder vielleicht Stalin?

BMA
01
25.1.2012, 12:27
Es wird derzeit versucht, auch mit klemlnahen Kräften, Perestroika II (lt. Boris Nemzov) einzuleiten

daher, Gorbatij, zur Auffrischung.
Durch Ihn und Verrat der obersten KP - Spitze und Geheimdienste kam es zum Zerfall der Soviet Union.
Jetzt droht das Selbe dem Russland, unter welcher Souse auch immer...
Gruß

sociovation
12
23.1.2012, 09:57
Gorbatschow ist vor allem eines:

Gescheitert.

dove, the band of love
20
22.1.2012, 21:16
gorbi...

...der größte verbrecher des 20. Jahrhunderts!

Franz Woyzecks liebste Erbse
00
23.1.2012, 12:33

Na, da würden mir noch ein paar andere Kandidaten einfallen. Z.B. einer aus Braunau.

Ein wirklich selten dummer Kommentar.

kurt haenel
 
35
22.1.2012, 14:14
guter Artikel, abgesehen vom Ende.

Ich frage mich nämlich, was Gorbatschow denn tun hätte sollen, wenn die Einen zu wenig und die Andern zu viel Perestroika hatten /wollten.
Er hat zwei Irrtümer gemacht.
Er hat das Erwachen der Nationalismen in der SU unterschätzt
und er wollte das Alkoholverbot von einen Tag auf den andern durchziehen, anstatt es progressiv zu gestalten, indem er den Preis für Wodka progressiv nach oben schräubte.
Der Preis für Wodka ist ja auch noch heute ein Witz. Anstatt eine Einnahmequelle für den Staat darzustellen, wie es in den westlichen Demokratien bei Spirituosen der Fall ist, ist der Wodkapreis in RU gerade einmal ein bisschen höher als der Bierpreis. Volumenmässig gesehen..
Trotz allem war Gorbatschow für mich der grösste Politiker des 20.JH.

Andronikos
13
22.1.2012, 15:24
Gorbatschows Hauptfehler war es

als bekennender Sozialdemokrat nicht verhindert zu haben, dass sich eine Handvoll 25jähriger neoliberaler Wirtschaftsheinis sein Land unter den Nagel riss.

Sein Versuch, Russland aus dem kollektiven Suff zu holen (wo es sich heute wieder befindet) war hingegen sein wohl größtes Verdienst.

Teufelsbraut, Guter Heinrich und Judenkraut
00

"Sein Versuch, Russland aus dem kollektiven Suff zu holen (wo es sich heute wieder befindet) war hingegen sein wohl größtes Verdienst."

Möglich, dass er hehre Ziele hatte - die Umsetzung war jedoch katastrophal. Alkoholsucht bekämpft man nicht durch die Vernichtung von Weinbergen (Kaukasus) oder die exzessive Anhebung des Preises. Dies hatte nämlich bloß folgende "Erfolge":
1. Dass Weinsorten, die Jahrhunderte selektiert und gezüchtet wurden, unwiederbringlich vernichtet wurden.
2. Dass die Leute aus allem zur Verfügung stehendem Alkohol gemacht haben, aus Zucker und Germ, aus Schuhcreme und Haushaltsreinigern, aus Bremsflüssigkeiten, Insektengift oder Frostschutzmittel.
Alkoholismus gab es nach wie vor.

kurt haenel
 
00
22.1.2012, 20:23
@ Andronikos

ich kann mich nicht erinnern, dass er es schaffte die Leute vom Alhohol abzulenken. Mit seinem ungeschickten Verbot bewirkte er soviel, dass die Leute anstatt Wodka Eau de Cologne gesoffen haben.

Ich bin überzeugt, wenn er anstatt des direkten Verbotes den Beschaffungspreis für Spirituosen progressiv angehoben hätte, dann hätte er über kurz oder lang die Leute entmutigt soviel zu saufen.

Weiss allerdings nicht, ob das mit dem damaligen Geldsystem gegangen wäre.

Heute würde es auf jeden Fall gehen und ich finde es schon stark, dass Putin diesbezüglich nichts macht.

Ich war vor ca 6 Monaten in St. Petersburg und stellte mit Erstaunen fest, dass der Preis vom Wodka fast gleich war, wie der vom Bier. Volumenmässig gesehen.

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