Reformen läuteten auch Ende der Sowjetunion ein - Friedensnobelpreisträger sieht Zeit reif, Politik der Perestroika nun zu Ende zu führen
Moskau - Vor 25 Jahren, am 27. Jänner 1987, hat
der damalige Parteichef Michail Gorbatschow mit einer Rede vor dem
Zentralkomitee der Kommunistischen Partei der Sowjetunion (KPdSU)
seine Politik von Glasnost (Offenheit) und Perestroika
(Umbau/Umgestaltung) eingeleitet. Dieser historische Reformkurs
bedeutete auch das Ende der Sowjetunion.
25 Jahre später sieht der Friedensnobelpreisträger Gorbatschow
(80), dessen Stimme in der heutigen Politik Russlands kaum noch
gehört wird, in den jüngsten Massenprotesten gegen die Machthaber in
Moskau die Chance für einen neuen Aufbruch in Russland. Das
"Freiheits-Gen" lebe offenbar noch im russischen Menschen, sagte der
Ex-Sowjetpräsident in einem Interview mit der kremlkritischen Zeitung
"Nowaja Gaseta", deren Miteigentümer er ist, Ende Dezember. "Es wird
nicht gelingen, uns noch einmal einzuschüchtern", sagte Gorbatschow.
Die Zeit sei reif, seine Politik der Perestroika aus den 1980er
Jahren nun zu einem Ende zu führen. "Die Freiheit ist eine
persönliche Ehre - und das wollten wir damals erreichen", führte
Gorbatschow aus.
Am 8. April 1986 nahm Gorbatschow laut der russischen Agentur RIA
Novosti das Wort "Perestroika" während einer Arbeitsreise nach
Togliatti (Gebiet Samara) erstmals in den Mund, als er über die Lage
im Land sprach. Damit kündigte er einen neuen politischen Kurs an.
Nach Jahrzehnten der Willkür und Unfreiheit in der Sowjetunion
wollte Gorbatschow schon kurz nach seinem Amtsantritt 1985 das marode
wirtschaftliche und politische System des Landes vor dem Zerfall
retten und stabilisieren. Zudem gab Gorbatschow den Menschen in der
starr von oben gelenkten Sowjetunion mehr Freiheiten.
Gorbatschows Initiativen der 1980er Jahre beendeten das atomare
Wettrüsten der Supermächte, er entließ die Warschauer-Pakt-Staaten
einschließlich der DDR in die Freiheit und machte damit das Ende des
Kalten Krieges und die deutsche Wiedervereinigung möglich. Den
Ländern des Warschauer Pakts ermöglichte Gorbatschow, ihre Staatsform
selbst zu bestimmen. Zuvor waren Reformbewegungen wie der Prager
Frühling in der Tschechoslowakei oder wie in Ungarn blutig
niedergeschlagen worden.
Der Parteichef benannte zudem in einer für den Kreml bis dahin
ungekannten Offenheit die Verbrechen unter Sowjetdiktator Josef
Stalin, insbesondere das Massaker an tausenden polnischen Offizieren
1940 in Katyn. Er legte auch ein geheimes Zusatzprotokoll zum
Deutsch-Sowjetischen Nichtangriffspakt von 1939 offen. Nach einem
rund zehnjährigen militärischen Vorgehen am Hindukusch mit vielen
Toten befahl er 1988 den sowjetischen Truppenabzug aus Afghanistan.
Gorbatschow wollte das in den Jahren unter Leonid Breschnew zum
Stillstand gekommene System von innen heraus reformieren. Er trat mit
dem Satz an, sein Land brauche die Demokratie "wie die Luft zum
Atmen". Sein Irrtum war, dass dies nicht, wie von ihm erwartet,
verschüttete Kräfte zur system-immanenten Erneuerung frei setzte.
Zwar fegte er mit seiner Außenpolitik die seit dem Zweiten Weltkrieg
etablierte Weltordnung hinweg, in der neuen gab es aber keine
Sowjetunion mehr.
Statt "in das neue Jahrtausend als eine große und gedeihende
Macht" einzutreten, zerbrach die Union der Sozialistischen
Sowjetrepubliken bereits Ende 1991 nach einem Putsch der
Apparatschiks und einem entschlossenen Gegenschlag der Reformer um
den russischen Präsidenten Boris Jelzin, der sich dafür mit den
nationalen Unabhängigkeitsbestrebungen der Republiken verbündete.
Die von Gorbatschow initiierten wirtschaftlichen Reformen brachten
der breiten Masse nicht den erwarteten Wohlstand, sondern ließen die
Kluft zwischen Arm und Reich offen zu Tage treten. Durch Russlands
plötzlichem Aufbruch in den Kapitalismus fanden sich viele Menschen
in Armut wieder. Zu Gorbatschows umstrittenen Initiativen gehörte ein
Alkoholverbot. Auch die zögerliche Informationspolitik nach der
Reaktor-Katastrophe 1986 in Tschernobyl wurde ihm angekreidet.
Politische Widersacher nutzten die neuen Freiheiten, sich gegen
die offizielle Linie zu formieren: Gorbatschow wurde schließlich von
der um ihre Pfründe bangenden kommunistischen Nomenklatur und den
Radikalreformern in die Zange genommen. Den einen ging seine
Perestroika zu weit, den anderen nicht weit genug. Zwischen diesen
Kräften wirkte Gorbatschow unentschlossen und als führungsschwacher
Politiker ohne Machtinstinkt. Das Volk nannte ihn respektlos einen
"Boltun" - einen Schwätzer. Noch heute sehen viele Menschen in
Russland den Ex-Präsidenten als Zauderer, der das Land mit
politischen Fehlern in Chaos, Hunger und Armut gestürzt hat. Der
Zerfall der Sowjetunion 1991 bedeutete auch das Ende der Ära
Gorbatschow.
Dieser verteidigte seine Reformpolitik der Perestroika, gestand
aber auch Fehler ein. Gegenüber dem staatlichen Radio zeigte er sich
vor zehn Jahren selbstkritisch: Die Reform der Kommunistischen Partei
sei er zu langsam angegangen, gleiches gelte für die staatlichen
Strukturen. (APA)