Virologen setzen H5N1-Experimente für 60 Tage aus
Washington/London/Wien - Die Diskussion dauert bereits einige Wochen an und
wurde höchst kontrovers geführt. Nun haben sich Virologen dazu entschlossen,
ihre Forschungen an einem im Labor entwickelten Vogelgrippe-Supervirus zu
stoppen - zunächst einmal für 60 Tage. Gesundheitspolitiker sollen in dieser
Zeit Maßnahmen beschließen, damit der extrem gefährliche H5N1-Erreger, der von
Säugetier zu Säugetier übertragen werden kann, nicht in falsche Hände gerät.
Bereits im Dezember hatten US-amerikanische Regierungsstellen an die Forscher
und Fachjournale appelliert, die Daten des Erregers unter Verschluss zu halten
und nur die Zusammenfassungen ihrer Untersuchungen zu publizieren. Man
befürchtete, dass Terroristen das Wissen um den extrem gefährlichen, da
hochansteckenden Virus für die Entwicklung von Biowaffen verwenden könnten.
Ende vergangener Woche unterschrieben 39 Forscher, die am künstlich erzeugten
Virus arbeiten, eine gemeinsame Erklärung, die von den beiden führenden
Wissenschaftsjournalen Science und Nature veröffentlicht wurde.
Darin erklärten die Wissenschafter, dass sie einsähen, "die Vorteile unserer
wichtigen Untersuchungen klar darlegen und Maßnahmen zur Reduzierung möglicher
Risiken vorschlagen müssen".
Nach Angaben der beiden Zeitschriften will die Weltgesundheitsorganisation
WHO Experten und Behörden zu einer Konferenz Ende Februar in Genf einladen. Der
größte internationale Wissenschaftlerverband AAAS (American Association for the
Advancement of Science), der unter anderem das Magazin Science
herausgibt, werde das Thema bei seiner Jahresversammlung Mitte Februar im
kanadischen Vancouver ebenfalls in Vorträgen und Seminaren erörtern, hieß es.
Die Viren waren von Ron Fouchier (Erasmus Universität in Rotterdam) und
Yoshihiro Kawaoka (US-Universität von Wisconsin-Madison) hergestellt worden.
Beide Teams entdeckten, dass es nur weniger Mutationen bedurfte, um den
tödlichen Erreger unter Säugetieren - Menschen eingeschlossen - hochansteckend
zu machen.
Der Leiter des Nationalen Forschungsinstituts für Allergien und
Infektionskrankheiten (NIAID) der USA in Bethesda, Anthony Fauci, begrüßte das
Moratorium der weltweit führenden Grippeforscher. "Wir müssen extrem vorsichtig
sein, was die Sicherheit angeht. Jeder stimmt darin überein. Aber ich sorge mich
auch um Überreaktionen." Weniger positiv sieht hingegen der vom Forschungsstopp
betroffene Ron Fouchier in Science das Moratorium: "Es ist schade, dass
es dazu kommen musste." (tasch, APA/DER STANDARD, Printausgabe, 24.01.2012)