Über die inspirierende Wirkung der Standard-Diskussion - Eine Danksagung von Franz R. Hahn
Ich bin Erhard Glötzl für die Replik auf meine Replik (17. 1.) sehr dankbar und, um ehrlich zu sein, auch ein klein wenig stolz darauf, zu welch tiefgründigen Erkenntnissen sie ihn angeregt hat. Besonders dankbar bin ich dafür, dass er uns marktgläubige Ökonomen von einer Pein zu erlösen vermag, die unser Leben tatsächlich schon seit Langem zur Qual macht. Ich meine unseren verhängnisvollen Hang, auf Senftuben zu drücken, ohne vorher den Verschluss abzuschrauben. Er hat richtig erkannt, marktgläubige Ökonomen tun dies vorrangig dann, wenn sie über Fiskalregeln a la Schuldenbremsen sinnieren. Ich sehe nun den Zusammenhang zwischen Senftuben und Schuldenbremsen - nach der Lektüre seiner Anmerkungen - viel schärfer, Bemerkenswert finde ich hingegen, dass er uns marktgläubige Ökonomen daran erinnert, doch von den Physikern zu lernen.
Aber, lieber Erhard Glötzl, zur Ehrenrettung von Generationen von Ökonomen sei angemerkt, dass vor allem die Gläubigsten unter den marktgläubigen Ökonomen immer schon besonders bewundernd zu den Physikern hinaufgeblickt haben. Nichts ist der klassischen Physik näher als das neoliberale Marktmodell mit seiner 'ordnenden unsichtbaren Hand' (sie können nur das meinen, da braucht man nämlich keine Schuldenbremse). Allerdings haben viele marktgläubige Ökonomen zur Kenntnis nehmen müssen, dass zur Untersuchung und Erklärung von strategischem und opportunistischem Verhalten von Marktteilnehmern und Politikern - und damit sind wir wieder bei der Schuldenbremse - neue Analysetechniken und andere Sichtweisen hilfreicher sind als jene der Physik.
Aber ich bin auch da hoffnungsfroh: Wenn Cern ein opportunistisches Elementarteilchen findet (ich bin sicher, das wird es) oder Astrophysiker eine sich strategisch verhaltende Milchstraße ausfindig machen (auch da bin ich zuversichtlich), besteht wieder Hoffnung, dass marktgläubige Ökonomen und Physiker unter der Schirmherrschaft der Spieltheorie wieder zueinanderfinden. Bis dahin, fürchte ich, wird noch einige Zeit vergehen und wir können uns dem Problem widmen, das Erhard Glötzl und seinen Professoren-Freunden scheinbar besonders unter den Nägeln brennt. Was tun mit ihren Guthaben, wenn der Staat seine Schulden reduziert. Mein Standardbeitrag sollte eigentlich dazu dienen, gerade dafür Trost und Rat zu spenden. Sparer (und Professoren) sollten daran erinnert werden, dass sie ihre, durch die geringere Verschuldung des Staates zusätzlich verfügbaren Finanzierungsmittel auch einem anderen Wirtschaftssektor anbieten können, nämlich dem Unternehmenssektor ("crowding-in" heißt das im Ökonomen-Jargon).
Empirische Evidenz zeigt, dass der Unternehmenssektor dafür häufig sehr gute Verwendung hat (und in der Bedienung von Schulden auch nicht wesentlich säumiger ist als so mancher Staat). Darüber hinaus kann man bekanntlich an Unternehmen auch Anteilsrechte (manchmal heißen sie Aktien) erwerben, die einen besonderen Kick (auch für Professoren) versprechen. Zugegeben: Wenn das Unternehmen pleitegeht, ist das Geld der Professoren weg (aber damit rechnen sie ohnehin, wenn Staaten ihre Schulden bremsen). Das soll aber auch vorkommen, wenn man Geld einem Staat anvertraut.
Sollten jedoch Erhard Glötzl und seine Freunde schon ein Lebensalter erreicht haben, wo die Gewissheit der Endlichkeit sich nicht mehr erfolgreich verdrängen lässt, dann haben marktgläubige Ökonomen auch dafür eine Lösung parat: Konsumieren, was das Zeug hergibt! Das macht gesamtwirtschaftlich Sinn, und hat - besonders wichtig - Bestand vor dem strengen Auge der Physik. (Franz R. Hahn, DER STANDARD; Printausgabe, 21./22.2012)
FRANZ R. HAHN ist Wirtschaftsforscher in Wien
(Wifo), Habilitation (Volkswirtschaftslehre) an der Johannes-Kepler- Universität
Linz.
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