Schulden=Guthaben und marktgläubige Ökonomen

Schuldendebatte, extra scharf

Kommentar der anderen | 20. Jänner 2012, 19:09

Über die inspirierende Wirkung der Standard-Diskussion - Eine Danksagung von Franz R. Hahn

Ich bin Erhard Glötzl für die Replik auf meine Replik (17. 1.) sehr dankbar und, um ehrlich zu sein, auch ein klein wenig stolz darauf, zu welch tiefgründigen Erkenntnissen sie ihn angeregt hat. Besonders dankbar bin ich dafür, dass er uns marktgläubige Ökonomen von einer Pein zu erlösen vermag, die unser Leben tatsächlich schon seit Langem zur Qual macht. Ich meine unseren verhängnisvollen Hang, auf Senftuben zu drücken, ohne vorher den Verschluss abzuschrauben. Er hat richtig erkannt, marktgläubige Ökonomen tun dies vorrangig dann, wenn sie über Fiskalregeln a la Schuldenbremsen sinnieren. Ich sehe nun den Zusammenhang zwischen Senftuben und Schuldenbremsen - nach der Lektüre seiner Anmerkungen - viel schärfer, Bemerkenswert finde ich hingegen, dass er uns marktgläubige Ökonomen daran erinnert, doch von den Physikern zu lernen.

Aber, lieber Erhard Glötzl, zur Ehrenrettung von Generationen von Ökonomen sei angemerkt, dass vor allem die Gläubigsten unter den marktgläubigen Ökonomen immer schon besonders bewundernd zu den Physikern hinaufgeblickt haben. Nichts ist der klassischen Physik näher als das neoliberale Marktmodell mit seiner 'ordnenden unsichtbaren Hand' (sie können nur das meinen, da braucht man nämlich keine Schuldenbremse). Allerdings haben viele marktgläubige Ökonomen zur Kenntnis nehmen müssen, dass zur Untersuchung und Erklärung von strategischem und opportunistischem Verhalten von Marktteilnehmern und Politikern - und damit sind wir wieder bei der Schuldenbremse - neue Analysetechniken und andere Sichtweisen hilfreicher sind als jene der Physik.

Aber ich bin auch da hoffnungsfroh: Wenn Cern ein opportunistisches Elementarteilchen findet (ich bin sicher, das wird es) oder Astrophysiker eine sich strategisch verhaltende Milchstraße ausfindig machen (auch da bin ich zuversichtlich), besteht wieder Hoffnung, dass marktgläubige Ökonomen und Physiker unter der Schirmherrschaft der Spieltheorie wieder zueinanderfinden. Bis dahin, fürchte ich, wird noch einige Zeit vergehen und wir können uns dem Problem widmen, das Erhard Glötzl und seinen Professoren-Freunden scheinbar besonders unter den Nägeln brennt. Was tun mit ihren Guthaben, wenn der Staat seine Schulden reduziert. Mein Standardbeitrag sollte eigentlich dazu dienen, gerade dafür Trost und Rat zu spenden. Sparer (und Professoren) sollten daran erinnert werden, dass sie ihre, durch die geringere Verschuldung des Staates zusätzlich verfügbaren Finanzierungsmittel auch einem anderen Wirtschaftssektor anbieten können, nämlich dem Unternehmenssektor ("crowding-in" heißt das im Ökonomen-Jargon).

Empirische Evidenz zeigt, dass der Unternehmenssektor dafür häufig sehr gute Verwendung hat (und in der Bedienung von Schulden auch nicht wesentlich säumiger ist als so mancher Staat). Darüber hinaus kann man bekanntlich an Unternehmen auch Anteilsrechte (manchmal heißen sie Aktien) erwerben, die einen besonderen Kick (auch für Professoren) versprechen. Zugegeben: Wenn das Unternehmen pleitegeht, ist das Geld der Professoren weg (aber damit rechnen sie ohnehin, wenn Staaten ihre Schulden bremsen). Das soll aber auch vorkommen, wenn man Geld einem Staat anvertraut.

Sollten jedoch Erhard Glötzl und seine Freunde schon ein Lebensalter erreicht haben, wo die Gewissheit der Endlichkeit sich nicht mehr erfolgreich verdrängen lässt, dann haben marktgläubige Ökonomen auch dafür eine Lösung parat: Konsumieren, was das Zeug hergibt! Das macht gesamtwirtschaftlich Sinn, und hat - besonders wichtig - Bestand vor dem strengen Auge der Physik. (Franz R. Hahn, DER STANDARD; Printausgabe, 21./22.2012)

FRANZ R. HAHN ist Wirtschaftsforscher in Wien (Wifo), Habilitation (Volkswirtschaftslehre) an der Johannes-Kepler- Universität Linz.

Nachlese:

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EU-Austretter
02
22.1.2012, 20:13

Die Erinnerung, dass auch Unternehmer als Schuldner in Frage kommen, ist, in einer Replik zur Wirtschaftskrise, unsinnig, da der Staat ja schon der Schulder der letzten Instanz ist, der freudlicherweise einspringt, wenn Haushalte und UNTERNEHMEN ihr Schuldenlimit erreicht haben.

Denn exponentielles Wachstum ist den Unternehmen, der Volkswirtschaft nun mal unmoeglich, in einer begrentzen Welt. Das koennte man vielleicht auch noch von Physikern lernen.

Auch koennten sich Oekonomen fragen, warum Freigeldanhaenger unter Ingenieuren, Physikern, Mathematikern usw. haeufiger sind als unter ihresgleichen.

http://www.webinformation.at/material/... system.pdf

her wig
00
23.1.2012, 09:01

Weil die Mathematiker, Physiker usw. alle nicht berücksichtigen dass eine Pleite Teil des Systems ist. Das exponentielle Wachstum kommt nur zustande wenn man das weglässt - aber das entspricht dann nicht mehr der Realität und passt deshalb nicht und deshalb ist "dieses System" unmöglich... ja, eh, aber Ihr "dieses System" ist nicht das real existierende.

EU-Austretter
00
23.1.2012, 09:30

Umgekehrt. Diese Mathematiker usw. kommen zum Schluss, dass die grosse Pleite im bestehenden System unvermeidlich ist, waehrend sie fuer Oekonomen vollkommen ueberraschend kommt.

Sie selbst beruecksichtigen nicht, dass die staendigen individuellen Pleiten nur eine Verzoegerung der grossen Pleite der Wirtschaft insgesamt, eine Abweichung von der idealen Exponentialkurve verursacht.

Denn die Superreichen gehen kaum je pleite und wenn, dann meist im Zuge der grossen Gesamtpleite (wie zb die Fugger, im 15. Jahrhundert - wenn ich mich recht erinnere, an spanischen Anleihen verarmt sind. Leider haben die Superreichen in den zahlreichen Krisen seither immer besser gelernt, die grossen Pleiten in der Pole Position zu "ueberwintern".)

her wig
00
23.1.2012, 10:01

Definieren Sie "große Pleite insgesamt", aber bitte so genau dass man nachprüfbar erkennen kann wann sie eingetreten ist oder nicht.

EU-Austretter
00
23.1.2012, 10:05

Grosse Pleite = eine systematische Krise der Wirtschaft am Endpunkt der Akkumulation von Vermoegen, in verschiedenen Ausformungen aufgetreten, auch kombiniert. Hyperinflation, Deflation, Staatsbankrott

her wig
00
23.1.2012, 10:46

Ach so, das meinen Sie. Jetzt müssen Sie noch erklären wie ein Freigeld die Akkumulation von Vermögen verhindern würde (es sei denn Sie meinen mit Vermögen nur Geld, dann wäre es mir klar).

Ausserdem müssten Sie oder einer der von Ihnen anscheinend so hoch angesehenen Physiker etc. beweisen dass die Wirtschaft ohne die Möglichkeit der Geldakkumulation insgesamt besser laufen würde.

EU-Austretter
00
23.1.2012, 12:21

Vom Zins auf Geld gibt es ueber den sogenannten kalkulatorischen Zins ein Uebertragung auf Dividenden. Kalkulatorischer Zins und Dividenden sind damit weitgehend deckungsgleich.

Und der kalkulatorische Zins kann nur eingepreist werden, weil es fuer Anleger die Alternative Zins auf Geld gibt.

Geldakkumulation (ueber lineares Anhaeufen von Ueberschuessen hinaus) schafft Nachfrageluecken bei der Kehrseite der Akkumulation, also der Masse der Leute, und sie schafft einen Mangel an realen und weiterhin verzinsten Investitionsmoeglichkeiten auf Seite der Geldakkumulation, und in Folge eine Mangelinvestition sogar was Ersatzinvestitionen betrifft.

her wig
00
24.1.2012, 08:29

Wenn Sie meinen. Ich meine aber dass sich mit Aktien u.a. leicht handelbaren Wertgegenständen genausogut wie mit Geld eine Akkumulation betreiben lässt. Der Geldzins spielt dabei keine Rolle, es geht um den maximal erzielbaren Vorteil über die Laufzeit unter allen verfügbaren Anlagemöglichkeiten. Wenn Geld für diesen Zweck nicht mehr geeignet ist, wird eben Geld nicht mehr verwendet. Eine Mangel an Anlagemöglichkeiten entsteht deshalb nicht.

Erwin Wolfram
00
22.1.2012, 17:31
uebersetzung

komisch ich hab gerade 10 artikel kommentiert in denen es darum ging die kosten aus marktmanipulation zugunsten der reichen auf die armen auszulagern und kein widerwort der redakteure und medien, nun aber an diesem platz wird es "diskutiert". mit den "m(w)issenschaftern". na sowas, es war in der nazizeit aber auch so.

sociovation
00
22.1.2012, 17:09
Mit anderen Worten:

Wenn alle sparen, steigt die Wirtschaftsleistung.
Das hätt er aber auch einfach ausdrücken können, finde ich.
Recht aber hat er damit, dass es noch immer viele "ökonomische Analphabeten" gibt, die das einfach nicht kapieren wollen.

Reich sein muss sich lohnen!
00
22.1.2012, 17:49
Es ist schlicht und einfach unmöglich das alle Sparen

Man kann nur einnehmen, was jemand anderes ausgibt.
Sparen heißt mehr einnehmen als ausgeben.

Wenn jetzt alle versuchen mehr einzunehmen als auszugeben wird sich das irgendwo nicht ganz ausgehen...

Urfahraner Auge
00
23.1.2012, 20:21
Wenn wir statt Geld Waren tauschen,

geht es aber. In Deinem Garten wachsen fünf Äpfel, in meinem fünf Birnen. Wir tauschen drei Äpfel gegen drei Birnen, dann haben ich zwei Birnen gespart und Du zwei Äpfel.

Wieso geht es sich plötzlich nicht mehr aus, wenn wir Waren nicht direkt tauschen, sondern in Geld abrechnen?

okami
00
24.1.2012, 12:22
Gespart sind die Früchte erst, wenn sie keiner isst!

Urfahraner Auge
00
24.1.2012, 12:46
Gut, die Früchte werden nicht gegessen,

sondern zu Marmelade, Dörrobst, Schnaps oder sonst irgendwas Haltbarem verarbeitet.

okami
00
24.1.2012, 18:45
Es ist egal, in welcher Form sie 'gegessen' werden.

Sparen heisst: nicht konsumieren! Oder zumindest erst später, aber dann hört das Sparen auf.

Urfahraner Auge
00
24.1.2012, 19:41
Genau, erst irgendwann später in schlechteren Zeiten,

darum auch heute zu irgend etwas Haltbarem verarbeitet.

In einer Naturalwirtschaft ist es offensichtlich problemlos möglich, dass *alle* Vorräte ansparen, ohne dass einer vom anderen leihen muss.

okami
00
25.1.2012, 01:40
Wie lange halten Marmelade und Dörrobst?

Und während sie gelagert werden, vermehren sie sich auch nicht.

Danke übrigens für dieses Beispiel, warum Altervorsorge über den Finanzmarkt (mit Zinsen) nicht funktionieren kann. Denn dort würde ich mein Dörrobst von drei Birnen hergeben und und mir zwanzig Jahre später Dörrobst von fünf Birnen erwarten. Und das machen alle!

Urfahraner Auge
00
25.1.2012, 07:02
Wollen Sie überhaupt verstehen, was ich sage?

okami
00
25.1.2012, 13:02
Diese Frage kann ich gerne auch in ihre Richtung stellen

Urfahraner Auge
00
26.1.2012, 07:23
Anscheinend können Sie die Frage doch nicht stellen ;-)

Meine Antwort ist jedenfalls: Ja, ich würde gerne verstehen, wie sie "sparen" definieren.

okami
00
26.1.2012, 15:06
Ein paar Postings weiter oben habe ich geschrieben:

"Sparen heisst: nicht konsumieren! Oder zumindest erst später, aber dann hört das Sparen auf."

Was daran ist unverständlich?

Und nein, auf diese Art unterhalte ich mich nicht weiter.

Urfahraner Auge
00
26.1.2012, 16:17
Genau.

Nicht vestehe ich dann allerdings, welche Bedeutung für Sie die Haltbarkeit von Marmelade und die Zinsen haben sollen.

Nicht konsumiert ist nicht konsumiert, egal ob es Zinsen trägt oder verottet.

okami
00
26.1.2012, 16:24
Weil gesparte Marmelade sich nicht vermehrt, gespartes Geld das aber unbedingt tun soll

Urfahraner Auge
00
26.1.2012, 16:34
Warum soll sich gespartes Geld unbedingt vermehren?

Nicht konsumiert ist nicht konsumiert, egal ob es sich vermehrt oder nicht.

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