ORF und die Politik

Faymanns ORF-Logik: Macht der Gewohnheit?

Kommentar der anderen | 20. Jänner 2012, 19:01

Öffentlichen Rundfunk ohne Einfluss der Parteien gebe es in ganz Europa nicht, erklärte der Kanzler im Parlament - Stimmt, aber ist das schon ein hinreichendes Argument für die Fortführung der Parteipolitik im ORF? - Von Raimund Löw und Christian Schüller

"Unabhängigkeit" wird in Österreich wohl nicht zum Wort des Jahres werden. Zu sperrig klingt der Begriff, zu wenig sexy und gleichzeitig zu exotisch. Bundeskanzler Faymann hat es auf den Punkt gebracht, als er den Appell der Redakteure für einen unabhängigeren ORF ziemlich kühl abservierte: So könne es wohl nicht sein, dass die Parteien im öffentlichen Rundfunk gar nichts mehr zu reden hätten.

Mag sein. Aber kommt es nicht darauf an, welche Formen dieser Einfluss der Politik einnimmt, welche Grenzen dabei respektiert werden, und an welchen Regeln diese Grenzen zu messen sind? Der Aufschrei der ORF-Redakteure, zu dem viele europäische Kollegen uns gratuliert haben, könnte doch ein Anstoß sein, die politische Kultur in Österreich weiterzuentwickeln. Wäre es nicht klüger, diesen Schub zu nutzen, statt sich auf das Recht der (schlechten) Gewohnheit zu berufen?

Warum darf sich ein ORF-Generaldirektor sein Direktorenteam nicht frei aussuchen, sondern muss ein sogenanntes Paket schnüren? Warum muss er vor der Bestellung seines Teams in alle Bundesländer pilgern, um den Sanktus der Landeshauptleute einzuholen - wenn er eine Mehrheit bekommen will? Und warum ist es zu viel verlangt, dass unsere Aufsichtsräte Fachleute sein sollen, die ein Minimum an Qualifikation in Medienfragen mitbringen?

Faymann verweist darauf, dass auch in anderen europäischen Ländern die Parteien mitmischen. Tatsächlich werden die obersten Aufsichtsorgane der italienischen RAI, der niederländischen Netherlands Public Broadcasting, des Danmarks Radio und sogar der britischen BBC - durchaus ähnlich wie bei uns - von den Parlamenten oder gar vom Regierungschef persönlich bestimmt. Das hat die ungarische Regierung Orbán in ihrem Disput mit der Europäischen Kommission um die Medienfreiheit als Argument benützt.

Bruchlinie

Sieht man aber etwas genauer hin, bemerkt man eine deutliche Bruchlinie, was das Selbstverständnis und die Rolle der Medien angeht. Dass mit der Regierung automatisch Fernsehdirektor und Chefredakteure wechseln, mag in Italien Alltag sein. In Dänemark oder den Niederlanden dagegen wäre das völlig undenkbar. Die britische BBC hat im Irakkrieg gegen Tony Blair gehalten und verhält sich genauso distanziert zu David Cameron. Obwohl der oberste Chef des Aufsichtsrates vom Premierminister selbst ernannt wird. Diese Unterschiede haben mit der Rolle des Staates in der Gesellschaft zu tun hat. Im Westen verstehen sich auch öffentlich-rechtliche Medien idealtypisch als kontrollierendes Gegengewicht zur Macht. Im Süden und Osten des Kontinents werden Medien mehr als Transmissionsriemen der Macht angesehen. Dass Nicolas Sarkozy den direkten Zugriff des Präsidenten auf Direktoren des staatlichen Rundfunks eingeführt hat, wird ihm als Zeichen der Hybris angekreidet. Der Umgang politischer Entscheidungsträger mit den Medien gilt als Spiegelbild für das Demokratieverständnis der Machtträger.

Österreich lag bisher ziemlich in der Mitte. Journalistische Freiheit und Pluralismus sind im ORF in den vergangenen Jahren deutlich gewachsen. Der riesige Widerhall, auf den die Aktion der ORF-Journalisten gestoßen ist, beweist, wie reif unsere Gesellschaft für einen Entwicklungsschritt ist.

Das Aufbegehren der ORF-Journalisten ist im Übrigen keineswegs einer momentanen Laune entsprungen. Seit fast zehn Jahren kämpfen wir darum, den Einfluss der Parteien auf den Öffentlichen Rundfunk zu beschränken. Es gab Zeiten, da war sogar der Betriebsrat fest in der Hand der Regierungsparteien. Zuerst musste eine unabhängige Belegschaftsvertretung erkämpft werden.

Glaubwürdigkeitsschub

Erst danach folgte mit SOS ORF das Outing. Auch danach gab es Unterschriftenaktionen, offene Briefe an den Stiftungsrat, Appelle und Resolutionen. Die Auseinandersetzung wurde intern und - zunehmend - auch öffentlich geführt. Manche Zeitungskommentatoren, die uns jetzt applaudieren, haben uns noch vor einigen Jahren als "politisch einäugig" denunziert.

Dass heute die Zeit im Bild selbst über die umstrittene Entscheidung des Generaldirektors, den jungen SPÖ-Verbindungsmann aus dem Stiftungsrat als Büroleiter zu holen, mit professioneller journalistischer Distanz berichtet hat, brachte der Berichterstattung des ORF einen Glaubwürdigkeitsschub, der jede Werbekampagne um ein Vielfaches übertrifft.

So bitter die Episode Niko Pelinka für Alexander Wrabetz auch gewesen sein mag: Gerade in seiner Zeit entwickelten sich im ORF die journalistischen Standards, der Meinungspluralismus und auch eine im Kabarettbereich praktizierte gesunde Selbstironie gegenüber dem eigenen Unternehmen, auf welche die österreichische Öffentlichkeit mit Recht nicht mehr verzichten will.

Werner Faymann hat recht. Die politischen Parteien müssten eine Kulturrevolution wagen, um eine neue Tradition zu begründen. Im Interesse der österreichischen Demokratie, vielleicht sogar in ihrem eigenen Interesse. Das wird nur durch einen massiven Rückzug der Parteipolitik aus dem Aufsichtsgremium des ORF möglich sein, für den die Redakteurssprecher des ORF seit Jahren Konzepte vorlegen. An Stiftungsräte, die eine der wichtigsten Institutionen des Landes kontrollieren, sollten hohe qualitative Anforderungen gestellt werden. Wäre das zu viel verlangt? (Raimund Löw und Christian Schüller, DER STANDARD; Printausgabe, 21./22.1.2012)

Raimund Löw ist ORF-Korrespondent in Brüssel; Christian Schüller ist ORF-Korrespondent in Istanbul.

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derStandard.at/Etat zum ORF

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QUANTUM
00
23.1.2012, 03:32
Raimund Löw und Christian Schüller

BRAVO!

das menschenrecht auf meinungsfreiheit und unabhängigkeit, diese selbstverständlichkeit muß in zeiten der religiösierung des geldes wiedermal grundsätzlich erstritten werden. oder wie die ferenghi zusehen müssen, dass der wert des geldes nicht über alles und allem steht. und österreich doch nicht den anfang des balkans darstellt.

kfd
02
22.1.2012, 20:57
ORF und Faymann

Unpackbar, er verstehts einfach nicht.
Und er sagt das auch noch öffentlich !
Ist denn mein Steuergeld, der ORF und ganz
Österreich in seinem Besitz, oder dem der Parteien ?
Die Behauptung "in ganz Europa so": soll das ein
Argument sein für Pelinka etc etc ????
Dass die Parteien den öffentlichen Rundfunk lenken ?
Mit meinem Steuergeld ??

Helmut Hromadnik21
 
05
22.1.2012, 19:26
......."Öffentlichen Rundfunk ohne Einfluss der Parteien gebe es in ganz Europa nicht, erklärte der Kanzler im Parlament -".......

Soll das ein argument FÜR den einfuss von parteien auf die berichterstattung und meinungsbildung sein?

Der failmann ist nicht bei trost !

sociovation
01
22.1.2012, 17:32
Völlig fassungslos macht einen,

dass die gesellschaftspolitisch spannenderen Polit-Talks inzwischen im Red-Bull-Sender Servus TV stattfinden...

kfd
00
22.1.2012, 20:50
ORF und Private

Wundert Sie s ?

das ist fix
04
22.1.2012, 14:23
das ist fix
14
22.1.2012, 14:15

"in ganz Europa nicht"
Das ist doch kein Argument!
Der ORF sollte komplett aufgelöst werden.

Haschisch+Koks konsumierende deutsche Musiker und abgehalfterte Pornostars können private TV-Anstalten auch liefern.
Dann bleiben auch jedem Haushalt 300,- Euro - pro Jahr - mehr am Konto.

sociovation
00
22.1.2012, 17:30
Anabolisierte Pseudosteirer

können mir auch gestohlen bleiben.

getmeifyoucan
02
22.1.2012, 12:39
voelliger Realitaetsverweigerer der Typ

aber das Wahlvieh lernst ja nicht ..... obwohl die Alternativen nicht wirkluc rosig sind, gebe ich zu ..... wir sollten mal in der Mehrheit leer waehlen ....

x aeins
10
22.1.2012, 13:19

tolle Idee. 40% leer, 40% FPÖ. Preisfrage: wer wird dann Kanzler?

getmeifyoucan
10
22.1.2012, 13:50
hmmmmm

40% ist die Mehrheit???

x aeins
00
22.1.2012, 14:43

sehr gewichtiger Einwand. Also: 51% leer, 35% FPÖ.
Preisfrage: wer wird Kanzler?

getmeifyoucan
00
22.1.2012, 16:14
da mehrheit ungueltig

erstmal Neuwahl .. ich weiss rustikal, aber scheinbar der einzige Weg, die Komoiker im Parlament zum Nachdenken zu bringen ...

Karl der kleine
 
00
22.1.2012, 18:50
Leider nicht!

Bei Bundeswahlen gibt es keine Mindestbeteiligung! Auf Landesebene auch nicht außer Tirol und Wien. Also Vorsicht!

x aeins
00
22.1.2012, 18:24

:-) ok, deine Komiker machen sich paar Gedanken, es gibt Neuwahlen, die bringen 40% leer, 40% FPÖ. Womit wir die Endlosschleife fortsetzen könnten: wer wird Kanzler?

Gerhard Schneider
01
22.1.2012, 19:13

Die Frage war leicht - Schüssel..

kurz und bündig
00
22.1.2012, 23:22

...oder doch der ORBAN....

Karl der kleine
 
00
22.1.2012, 18:58

Der der vom Bundespräsidenten zur bildung eines Nationalrates beauftragt wird. Muss nicht immer der Wahlsieger sein, nur hat es wenig sinn wenn man keine Mehrheit in NR hat.

Karl der kleine
 
00
22.1.2012, 19:03
sorry

zur bildung einer Regierung natürlich und nicht des Nationalrates.

panda rage
22
22.1.2012, 12:34

fernsehen ist so 20. jahrhundert, kaum zu glauben dass das überhaupt noch wen interessiert.

west bahn
01
22.1.2012, 12:18
"Am gescheitesten wäre es, das Ganze neu zu gründen

Was? Den ORF. [...] Öffentlichkeit ist ein eigener Wert, der die Unabhängigkeit nötig hat [...] Wenn ich mich aber mit meinen Fingern auf alles stürze, ohne Distanz zuzulassen, und jene, die meine Herumfingerei kritisieren, als undemokratisch denunziere, fehlt mir das Verständnis für die Herstellung von Öffentlichkeit."

Sehr lesenswertes Interview zum Nachdenken: http://diepresse.com/home/kult... er-Fetisch

Stbo
 
01
22.1.2012, 14:43

Danke für den Link mit Franz Schuh als Interview-Partner. Ist fast alles zu unterschreiben, was er sagt. (Bis auf Stermann & Grissemann, die mag ich nicht).

samis
03
22.1.2012, 11:14
glaubwürdigkeitsschub

kann nur dann gegeben sein wenn sich jeglicher parteipolitischer einfluss im orf in luft aufgelöst hat! Freier journalismus ohne maulkorb ist ein fundament der demokratie!Aber da wir ja schon seit langem keine demokratie mehr haben wird es wohl kaum sein das sich parteimenschen aus dem gesamten orf zurückziehen! (verlust gutbezahlter jobs) Solange die regierung diktatorisch dem bürger die orfgebühren auferlegt wird es auch immer parteipolitischen einfluss geben!

Gandalfthegrey
011
22.1.2012, 09:03

von mir aus könnens Einfluss nehmen soviel sie wollen - wenn der Staatsfunk aus der Parteikasse finanziert wird. Wenn ich aber die Zuseher zwangsverpflichte diesen volks(t)dümmlichen Sender zu finanzieren, fordere ich Unabhängigkeit!!!!!!!!

Lispelmann
00
23.1.2012, 05:33
aus der Parteikasse finanziert

- selten so gelacht ! woher kommt denn die Parteikasse doch nur aus der Parteiförderung und wo sich die Parteien sonst noch überall bedienen inclusive Akademien für ihre Analphabeten - das erste Sparpaket sollte einmal die Presseförderung und Parteiförderung streichen und nicht den Hilflosenzuschuss und die Mindestpensionen aber sonst sitzen auf allem in dem Land was Geld bringt Abwasserverbände, Stromversorger, ÖMV, ...

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