In South Carolina holt den Favoriten für die republikanische Präsidentschaftskandidatur seine Vergangenheit ein
Mitt Romney muss sich gegen Vorwürfe wehren, er sei ein Kapitalist ohne Skrupel, der Menschen nur ausbeute.
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In der alten Zeit, der Zeit vor Mitt Romney, war das Geschäftemachen noch eine sehr persönliche Sache. Man ging auf die Golfwiese, ließ sich Zeit. Industriebosse, die in Gaffney eine Filiale gründen wollten, kamen noch selber, statt Abgesandte zu schicken. Oft waren es betagte Männer, die sich im Steakhouse bewirten ließen und mit denen man reden konnte. "Heute ist alles irgendwie anonym" , sagt Jim Cook. "Schneller, kühler, vielleicht auch effizienter."
Neulich, als eine Textilfirma namens Parkdale Mills der Stadt Gaffney den Zuschlag gab, dauerte es vier Tage, vom entscheidenden Anruf an gerechnet, bis geschnürt war, was Cook ein Motivationspaket nennt. Steuernachlässe vor allem. Erst zwölf Monate später ließ sich der erste Parkdale-Manager bei ihm blicken. Wenn er von der alten Zeit spricht, der Direktor der Entwicklungsgesellschaft des Cherokee County, kann es melancholisch klingen. Aber Business ist Business, und sein Job ist es, Investoren in den krisengebeutelten Landkreis in South Carolina zu holen.
Früher, bis in die siebziger Jahre, drehte sich alles um Baumwollspinnereien und Pfirsichplantagen. Die Textilindustrie wanderte ab in Niedriglohnländer, während es die Pfirsichpflanzer nach Florida und Kalifornien zog. Seitdem geht es auf und ab in Gaffney. Es gibt ein Kugellagerwerk, der Nestlé-Konzern produziert Fertiggerichte, die Daimler-Tochter Freightliner baut Fahrgestelle für Schulbusse. Beweise für die Diversifizierung, von der Cook in Rennbahnmetaphern redet: "Zum Glück müssen wir nicht mehr alles auf ein Pferd setzen" . Doch zuletzt scheinen alle nur noch von einer Fabrik zu reden, der Romney-Fabrik.
Man schrieb das Jahr 1987, als Bain Capital, eine Beteiligungsgesellschaft, das krisengeplagte Gaffney entdeckte. Kurzerhand verlegte sie die Holson Company, einen Hersteller von Bilderrahmen und Fotoalben, den Bain gerade aufgekauft hatte, von Connecticut nach South Carolina. In den Süden, wo die Löhne niedriger waren und die Gewerkschaften schwächer als im Nordosten. Cooks Vorgänger ließ für 200.000 Dollar noch schnell Kanalisationsrohre verlegen, um Romneys Emissäre zu überzeugen. Hinzu kamen Garantien der öffentlichen Hand, die es Bain ermöglichten, drei Millionen Dollar billiger Kredite aufzunehmen. Gaffney setzte alle Hebel in Bewegung, schließlich war es die Premiere des Meadow Creek, eines Industrieparks an der Interstate 85, mit dem sich neue Hoffnung verband. Holson blieb nur fünf Jahre, bevor es die Pforten schloss und 150 Beschäftigten blaue Briefe schickte. Und deshalb steht das verschlafene Gaffney auf einmal im Rampenlicht, als Fallbeispiel für die Geschäftsphilosophie jener Kapitalisten, in deren Spitzenliga Romney mitspielte.
Der Kandidat und das Sanieren, es ist das zentrale Kapitel seiner Präsidentschaftsbewerbung. Mit einem Vermögen von 250 Millionen Dollar ist Romney nicht der erste Multimillionär, der ins Weiße Haus einziehen möchte. Romney aber wirbt allein mit seinem Talent, bei siechen Unternehmen jene Wende bewerkstelligt zu haben, die er auch mit den USA zu schaffen gedenkt. Kein Wunder, dass jedes Kapitel seiner eigenen Firmengeschichte auf den Prüfstand kommt.
1975 verdingte sich der Harvard-Absolvent als Unternehmensberater, erst bei Boston Consulting, ab 1978 bei Bain & Company. Deren Chef Bill Bain delegierte den gründlichen Rechner 1983 an die Spitze eines neuen Firmenablegers. Bain Capital sollte mehr tun als Firmen beraten. Es sollte in lukrativere Bereiche vorstoßen, marode Betriebe übernehmen, sie umstrukturieren und irgendwann mit Gewinn weiterverkaufen. Es begann mit 37 Millionen Dollar für den ersten Investmentfonds, heute verwaltet die Gruppe dem Vernehmen nach 65 Milliarden Dollar.
2,5 Milliarden Dollar Profit
Laut Wall Street Journal weiß man genau, welche Gewinne die Investoren in der Ära Romney (bis 1999) einstrichen. Bei 77 Deals verbuchten die Bain-Fonds 2,5 Mrd. Dollar Profit auf 1,1 Mrd. Dollar eingesetztes Kapital. Die größte Erfolgsgeschichte ist die von Staples, einer Schreibwarenladenkette. Die negativste dreht sich um American Pad and Paper, AmPad. Mit Bain als Mehrheitseigner erwarb AmPad 1994 ein Werk in Indiana, entließ 250 Beschäftigte und stellte die meisten nach kurzer Zeit wieder ein - mit empfindlichen Gehaltskürzungen und ohne die Krankenversicherung voll zu bezahlen. Es folgten Streiks und, sechs Monate später, die Pleite. Stoff für den Kampagnenfilm "When Romney Came to Town" , in dem Rivalen den Kandidaten als kalten, skrupellosen Kapitalisten skizzieren.
In Gaffney, zwölftausend Einwohner, zwölf Prozent Arbeitslosigkeit, hat man beschlossen, das Kapitel Romney unter den Teppich zu kehren. "War wirklich kein großes Ding, die Sache mit den Fotoalben" , sagt Tommy Martin, der Chefredakteur des Cherokee Chronicle, eines dünnen Lokalblatts. Tammie McGee hat den Namen Holson noch nie gehört, geschweige denn den Namen Bain. Sie plagen ganz andere Sorgen, aktuellere. Sie schreibt Gutscheine aus, damit sich Bedürftige Heizöl und Medikamente kaufen können. Ihr Büro liegt an der Limestone Street, der Hauptstraße Gaffneys. Ringsum dreistöckige Backsteinklötzer mit verrammelten Fenstern, Industriedenkmäler des Textilbooms. Peach Center Ministries, der wohltätige Verein, den McGee leitet, lebt hauptsächlich von Spenden, die sonntags beim Gottesdienst eingesammelt werden. Nestlé hat eben 40 Leute entlassen, bei den anderen größeren Arbeitgebern sieht es kaum besser aus. Und wenn Leute eingestellt werden, sind es meist "temps" , vermittelt von Zeitarbeitsfirmen. Ein "temp" verdient zehn Dollar die Stunde, nicht 15 oder 18, wie sonst üblich. "Kaum noch einer hat Geld, um zu spenden" , klagt McGee. "Ganz ehrlich, ich sehe nicht, dass sich irgendwas bessert in Gaffney." (Von Frank Herrmann aus Gaffney/DER STANDARD, Printausgabe, 21.1.2012)