"Der Durchschnitt ist das Konzept der Politik"

Interview20. Jänner 2012, 18:48
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Markus Hengstschläger über Freaks und Peaks, Talente mit vier Fünfern und das eine Prozent, in dem er nicht Durchschnitt ist

Standard: Ihr neues Buch heißt "Die Durchschnittsfalle" . Wer macht uns denn durchschnittlich?

Hengstschläger: Einerseits jene, die die Bequemlichkeit, durchschnittlich zu sein, allem anderen vorziehen. Das ist auch ein Vorwurf an uns alle. Es gibt offensichtlich nichts Schöneres, als sich in die Phalanx der Gleichen einzureihen. Das ist das Todesurteil eines Landes. Fortschritt hängt nur von Peaks und Freaks ab. Der Durchschnitt hat noch nie etwas Besonderes geleistet. Andererseits: Zurzeit ist der Durchschnitt das Konzept der österreichischen Politik.

Standard: Ein Beispiel bitte.

Hengstschläger: 20 Kinder sollen sich im Turnsaal so aufstellen, dass irgendwer den Ball fängt. Der Ball kommt von irgendwo. Wir wissen nicht, woher und wann. Uneingeschränkter Zufall vorausgesetzt - ein klassisches Zukunftsproblem. Die österreichische Politik macht Folgendes: Sie gründet eine Expertengruppe, die gründet eine Subgruppe, die sich nur mit einer Frage beschäftigt: Statistik, Umfragen, Analysen, Durchschnitte erheben. Woher ist der Ball bisher durchschnittlich gekommen? Angenommen, obwohl zufällig: Zehnmal kam er von links unten, zehnmal von rechts oben. Der Durchschnitt ist in der Mitte. Von dort ist der Ball noch nie gekommen, aber die Politik rät den 20 Kindern: Stellt euch bitte alle dort auf, wo der Ball durchschnittlich herkommt. Der Ball kommt, und es muss uns klar sein, die fangen ihn nicht. Die Wahrscheinlichkeit ist ausgesprochen gering. Die einzig richtige Antwort wäre: Damit die Kinder die größte Wahrscheinlichkeit haben, dass irgendwer den Ball fängt, muss sich jedes Kind woanders hinstellen.

Standard: Sie sagen: "Bildungsferne Schichten müssen zur Bildung geführt werden - kompromisslos."

Hengstschläger: Ja, aber nicht um den Durchschnitt zu heben, sondern weil da viele individuelle Talente drin sind. Ich diskutiere im Buch, was Talent überhaupt ist, was daran eventuell genetisch ist und wie man ein Talent entdecken kann. Die Genetik sagt: Individualität ist unser höchstes Gut. Individualität als das einzige zielführende System, sich auf Fragen der Zukunft vorzubereiten, ist jahrmillionenlang geprüft. Am besten gefällt mir das Beispiel eines deutschen Zoologen, der fragt: Wieso gibt es tausende Schnecken? Weil irgendeine immer überleben wird. Wenn alle gleich wären und die Umwelt ändert sich nur ein bisschen, kann das alle bedrohen. Die Evolution sagt: Wenn ganz viele Verschiedene im System sind, ist immer einer unter uns, der eine Antwort auf Fragen der Zukunft gibt. Das heißt auch: Migration ist Teil der Evolution.

Standard: Wie groß ist denn die "Schuld" unserer Gene daran, ob wir nur durchschnittliche Zeitgenossen sind oder herausragende?

Hengstschläger: Genetisch startet jeder individuell, jeder ist anders, und dann muss man sich in diesem Land von Anfang an gegen Gleichmacherei wehren. Mein Erfolgskonzept: Besondere, individuelle (vielleicht auch genetische) Leistungsvoraussetzungen durch harte Arbeit entdecken und durch harte Arbeit in eine besondere Leistung, also Erfolg, umsetzen.

Standard: Sie verwenden oft "harte Arbeit" , aber auch "Üben, üben, üben" oder "Fleiß" . Welche Rolle spielt "harte Arbeit" im Kampf gegen die Durchschnittlichkeit?

Hengstschläger: Erfolg kommt nur durch harte Arbeit. Aber es gibt auch individuelle Startvoraussetzungen. Wenn wir Elina Garanèa in der Staatsoper singen hören, dann sagt der Österreicher: Wahnsinn, was für ein Talent! Der Irrtum ist nur, das Talent hören wir nicht. Wir hören die besondere Leistung, den Erfolg. Der ist entstanden durch auch biologische Leistungsvoraussetzungen und harte Arbeit. Wenn niemand das Talent von Elina Garanèa entdeckt und ihr die Motivation vermittelt, das durch harte Arbeit umzusetzen, wird nie eine Operndiva draus. Ohne "Üben, üben, üben" geht überhaupt nichts. Aber es gilt auch: Durch "Üben, üben, üben" erreichen nicht alle das Gleiche.

Standard: Welche Schlüsse ziehen Sie daraus für das Schulsystem?

Hengstschläger: Wir orientieren uns am Durchschnitt, statt die Talente zu suchen und zu fördern. Ein Kind ist den ganzen Tag auf dem Fußballplatz, lernt nichts, kommt mit einem Zeugnis nach Hause, sagen wir vereinfacht: vier Nicht genügend, ein Sehr gut. Was sagen in diesem Land die Eltern, die Lehrer, die Bildungspolitiker zu dem Kind? Da, wo du das Sehr gut hast, machst du nichts mehr, da bist du eh schon durch. Und da, wo du die vier Nicht genügend hast, wirst du ab sofort Nachhilfe kriegen und büffeln. Vollkommen irrsinnig. Das Ergebnis ist: Das Kind beschäftigt sich monatelang mit den vier Nicht genügend und wird dort Durchschnitt. Und es vernachlässigt das Fach, in dem es Sehr gut war, und ist dort dann auch Durchschnitt.

Standard: Ist das Abdichten nach unten, wo das Kind schlecht ist, nicht auch wichtig?

Hengstschläger:Klar, es gibt einen Standard, unter dem brauchen wir nicht verhandeln. Die Lösung des Beispiels: Wo das Kind vier Nicht genügend hat, muss es so viel können, dass man sagt: Das ist verwendbar. Viel wichtiger aber ist, dass ein Kind mit vier Nicht genügend und einem Sehr gut als ein Talent bezeichnet wird. Denn warum macht der, wenn er nie was gelernt hat, ein Sehr gut? Diesem Kind muss man sagen: Du hast da besondere Leistungsvoraussetzungen, mit dem Fach solltest du dich ab sofort rund um die Uhr beschäftigen: Das ist dein E=mc2. Das ist dein Humankapital, das wir brauchen in diesem Land, das wird dein individueller Beitrag sein. Jeder leistet einen anderen.

Standard: Ist das ein Plädoyer für oder gegen eine gemeinsame Schule, die auf Individualität abstellt?

Hengstschläger: Mir ist das völlig egal, wie man es nennt. Es geht um das Ziel. Ich will in meinem Hörsaal nicht den Durchschnitt steigern. Ich will seit 20 Jahren Talente finden. Nur der, der den alten Weg verlässt, kann einen neuen gehen. Das will in Österreich aber niemand: Keiner will die Kinder, die als Abweichler gelten, keiner will die in seiner Firma, geschweige denn an der Uni oder in den Schulen, weil jeder sagt: Das ist mühsam. Jeder konzentriert sich darauf, dass der Durchschnitt o. k. ist. Dann scheinen alle zufrieden.

Standard: Sie sind Mitglied des Forschungsrats. Bedeutet Ihre Forderung nach "Peaks und Freaks" , nur noch die Freaks auf den Peaks, also die, die schon Erfolg dokumentiert haben, finanziell fördern?

Hengstschläger: Nicht unbedingt, aber Gießkannenprinzip ist auch eine evolutive Sackgasse. Damit werden die Guten schlechter, weil sie zu wenig haben, und die Schlechten werden vielleicht ein bissl besser, weil sie unbegründet Geld bekommen, das ihnen nicht zusteht - und am Ende sind alle Durchschnitt.

Standard: Was ist denn an Ihnen durchschnittlich?

Hengstschläger: Österreich wertet Talente - ein Riesenirrtum und sinnlos. Ein Talent kann man deswegen nicht werten, weil wir die Frage der Zukunft nicht kennen, also nicht wissen, was wir brauchen. Ich brauche Individualität, das ist das Einzige, was ich weiß. Das heißt: Ich bin wahrscheinlich in 99 Prozent der Dinge unter dem Durchschnitt. Das Ziel muss sein, dass jeder irgendetwas gut kann und nicht vieles mittelmäßig - und bereit ist, daran hart zu arbeiten. Niemand ist also wirklich Durchschnitt - es gibt so viele Eliten wie Individuen - und ich arbeite hart. (Lisa Nimmervoll, DER STANDARD; Printausgabe, 21./22.1.2012)

MARKUS HENGSTSCHLÄGER war mit 16 Punk, mit 24 Doktor der Genetik, mit 35 Professor für Medizinische Genetik an der Medizin-Uni Wien, mit 40 Vorstand des Instituts für Medizinische Genetik und mit 42 Mitglied des Forschungsrates und wissenschaftlicher Leiter des Thinktanks Academia Superior. "Die Durchschnittsfalle. Gene - Talente - Chancen" (Ecowin Verlag), 188 Seiten, 21,90 Euro

  • Zukunft kann kommen: Genetiker Markus Hengstschläger setzt auf evolutionäre Vielfalt, Migration, harte Arbeit.
    foto: der standard/hendrich

    Zukunft kann kommen: Genetiker Markus Hengstschläger setzt auf evolutionäre Vielfalt, Migration, harte Arbeit.

  • "Gießkannenprinzip ist eine evolutive Sackgasse. Die Guten 
werden schlechter, die Schlechten ein bissl besser. Am Ende sind alle 
Durchschnitt."
    foto: der standard/hendrich

    "Gießkannenprinzip ist eine evolutive Sackgasse. Die Guten werden schlechter, die Schlechten ein bissl besser. Am Ende sind alle Durchschnitt."

  • "Es gibt offensichtlich nichts Schöneres, als
 sich in die Phalanx der Gleichen einzureihen. Das ist aber das 
Todesurteil eines Landes."
    foto: der standard/hendrich

    "Es gibt offensichtlich nichts Schöneres, als sich in die Phalanx der Gleichen einzureihen. Das ist aber das Todesurteil eines Landes."

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