Das Wiehern der Bürohengste

    20. Jänner 2012, 18:10
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    Die noble Zurückhaltung macht den Mann elegant - Angeblich - Auf den Mailands Laufstegen wurde kräftig drauf gepfiffen

    Es gibt Saisonen, da können sich die Modeschöpfer auf keinen kleinsten gemeinsamen Nenner einigen. In der kommenden Herbst- und Wintersaison ist das anders: Der Anzug wird zum Mittelpunkt der Männergarderobe.

    Das ist eine Rolle, die er in der Geschichte der modernen Männermode traditionell innehat, wenngleich in anderen Ausformungen, als ihn die Modeschöpfer in den vergangenen Tagen vorgestellt haben. Auffallende Details, hochtechnische Verarbeitungen und eine zugespitzte Silhouette lassen ihn in neuem Licht erscheinen.

    Schmale Schultern, enge Ärmel

    "Wenn ein Anzug auffällt, ist man schlecht angezogen", hat Giorgio Armani einmal gesagt. Nach diesem Diktum dürften im kommenden Winter viele Männer schlecht angezogen sein. Tomas Maier, der Designer bei Bottega Veneta, überzieht seine Streifen- und Herringbone-Dreiknopfsakkos mit Farbstreifen, mal in Ockergelb, mal in Lackblau. Die Schultern sind schmal, die Ärmel und Hosenbeine eng. Hohe Absätze ziehen die Silhouette zusätzlich in die Länge. Diese Form war häufig zu sehen.

    Bei Burberry Prorsum ebenso wie bei John Varvatos. Man denkt dabei weniger an graue Bürohengste als etwa an den jungen Helmut Berger. Blumenprints und Jacquards schmücken die in seinem Geist entworfenen rasierklingenscharfen Anzüge bei Gucci. "Bohemian Grunge" nennt Designerin Frida Giannini diesen Stil, der die Pose des Dandys mit der des Großbürgers verbindet.

    Ihre Kollektion verdeutlicht den geschmackvollen, ja poetischen Umgang mit Farben, den viele Designer in ihren neuen Kollektionen demonstrieren. Angesichts der auffallenden Konzentration auf die klassische Schneiderkunst toben sich die Designer bei Mustern und Farben aus. Bei Calvin Klein sind es beinahe phosphoreszierende Eistöne, bei Dolce & Gabbana barocke Kringel, bei Ferragamo ist es die gesamte Palette an Beerentönen.

    Seismograf für den Zeitgeist

    Ist die Konzentration auf die Klassiker der Herrengarderobe bei Marken wie Zegna oder Gucci angesichts der Marktpositionierung dieser Marken nicht weiter verwunderlich, so ist sie bei Jil Sander und bei Prada als Kommentar zu verstehen. Die Mode in ihrer Rolle als Seismograf des Zeitgeistes mag bei vielen Marken derzeit in den Hintergrund gerückt sein, nicht so bei Prada. Auf einem roten Teppich flanierten dort "Repräsentanten der Macht", wie Miuccia Prada es nach der Show ausdrückte. Damit meinte sie den Doppelreiher, der neben Hollywood-Ikonen wie Willem Dafoe, Adrien Brody oder Gary Oldman als Star auf dem Laufsteg lief.

    Ob Nadelstreif-Sakkos, Mäntel mit Astrakan-Krägen oder weiße Westen: Miuccia Prada huldigt dem konservativen Doppelreiher und geht ihm gleichzeitig an den Kragen. Sie konterkariert seine Förmlichkeit in kleinen Details: Hemdmuster bestehen aus Football-Helmen, Trenchcoats sehen aus wie Bademäntel. Die Symbole der Macht sind hohl geworden. Kein Grund aber, den Kopf in den Sand zu stecken, wie der Jubel nach der Prada-Show bewies.

    Raf Simons, Designer bei Jil Sander, sieht hingegen schwarz. Ledermäntel, oversized und teilweise mit Gürtel, sind das beherrschende Element, vorzugsweise kombiniert mit schwarzen Leder-Anzügen (Doppelreiher!). Einen Kontrapunkt setzen nur Symbole wie Wale oder Dinosaurier auf den Rückenklappen der Mäntel und Cabanjacken. Eine sinistre Parade, die vieles von dem auf die Spitze trieb, was andere Designer in Mailand nur anklingen ließen.

    Versatzstücke von Uniformen

    Mit den Versatzstücken von Uniformen (der Urform des Anzugs) und insbesondere mit Leder arbeiteten in Mailand von Tomas Maier bis Giorgio Armani auch eine ganze Reihe anderer Designer. Der am aufmerksamsten beobachtete Newcomer der Szene, der Designer Umit Benan, entführte bei seiner Präsentation gleich in ein Soldatencamp.

    Zahmer gab sich Paul Surridge, der seine erste Kollektion für Z Zegna vorstellte, ein gelungenes Spiel mit weichen und strengen Linien. Vielversprechend auch der Einstand von Hamish Morrow bei Dirk Bikkembergs, der der Marke etwas Sportlichkeit nahm und ihr dafür mehr Strukturiertheit verlieh.

    Eine lange Nase drehte dieser dagegen Donatella Versace, die all das, wofür Versace in den Achtzigern stand, auf die Spitze trieb: Jeansjacken mit Nietenärmeln, Camouflage-Muster in schreienden Farben, Samtjacketts als Discokugeln. Ein Anschlag auf den guten Geschmack. Aber davon gibt es in Mailand eh genug. (Stephan Hilpold/Der Standard/21/01/2012)

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      Spaß wie in den 1980ern bei Versace.

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      Sportliche Eleganz bei Zegna.

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      Coole Bohème bei Gucci.

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      Luftiger Alpinismus bei Dolce & Gabbana.

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