Arzt warnt: "Können allenfalls noch einen gequetschten Daumennagel operieren"
Wien - Die Sparbemühungen beim Bundesheer treffen vor allem die Sanität hart - im Ernstfall drohte den Soldaten, dass sie unversorgt bleiben. "Wir können allenfalls noch einen gequetschten Daumennagel operieren, weil das geht mit lokaler Betäubung", erzählt Michael Eisenmenger, Sanitätsoffizier in Niederösterreich aus seiner Beobachtung als Milizsoldat.
Bei den Feldambulanzen der Miliz entsprächen weder die Sterilisation noch die Narkosegeräte der aktuellen Norm - sie dürften daher eigentlich gar nicht eingesetzt werden. Dazu kämen massive Ausbildungsprobleme, sagt Eisenmenger, der (neben seiner privaten Ordination) selbst in der Ausbildung der Sanität tätig ist: "Das Problem ist, dass den meisten Generalstabsoffiziere meinen, ein fertig studierter Mediziner sei bereits ein verwendungsfähiger Arzt." Und den politisch Verantwortlichen sei schon gar nicht bewusst, dass selbst ein fertig ausgebildeter Arzt für die Militärmedizin zusätzliche Qualifikationen braucht.
Militärärzte anderer Armeen würden etwa zur Fortbildung nach Los Angeles oder Johannesburg geschickt, weil sie in den dortigen Spitälern mit Schuss- und Stichverletzungen konfrontiert wären, die sie glücklicherweise in Mitteleuropa kaum zu sehen bekommen. Ähnlich sieht es mit der tropenmedizinischen Ausbildung aus, die etwa von der französischen Armee besonders betrieben wird.
Entsprechende Kompetenz wäre aber schon deshalb gefragt, weil das Bundesheer bei der nächsten Beteiligung an einer Battle-Group eine Sanitätselement beistellen soll.
Während sich die Mediziner um die Einsatzfähigkeit sorgen, ist man im Verteidigungsministerium mit Sparvorgaben konfrontiert. Es wurde sogar überlegt, die Militärspitäler aufzulösen. Fix dürfte sein, dass die Heeresspitäler in Innsbruck und Graz auf den Status von Feldambulanzen zurückgestuft werden. Thomas Treu, ehemaliger Heeressanitätschef, hat sich als Leiter der Sanitätsschule karenzieren lassen, "weil ich das nicht mehr mittragen wollte" - und in einem kommenden "Söldnerheer" werde es ohnehin andere Prioritäten geben. (Conrad Seidl, DER STANDARD; Printausgabe, 21/22.1.2011)