Selbsterfahrung im Ölbad

Michael Pekler, 20. Jänner 2012, 17:09

Kleine Staaten, enger Horizont: Paul Poets Dokumentarfilm "Empire Me"

Wien - Jede Freiheit braucht ihre Theorie. Am Beginn von Empire Me erklärt Erwin Strauss, Autor des in den 80er-Jahren erschienenen Buchs How to Start Your Own Country, warum die Entwicklung in Richtung einer Welt der Mikrostaaten gehen würde: Während nämlich große Nationen Angriffsziele terroristischer Anschläge böten, würden kleine Gesellschaften unabhängig agieren können.

Diese krude Theorie bildet das Fundament, auf dem der österreichische Filmemacher Paul Poet seine Untersuchung sechs solcher Mikrokosmen aufbaut. Wobei es hier weniger um eine große Idee als um den kleinsten gemeinsamen Nenner geht: der Suche nach Selbstverwirklichung.

Wer sich Strauss' Überlegungen zufolge also nicht erpressen lassen möchte, gründet auf einer ehemaligen Militärplattform mitten in der Nordsee ein Fürstentum und spekuliert mit einer eigenen Bank, deren Konten die Außenwelt nicht einsehen könne. Oder er schafft sich ein Königreich wie der australische Getreidefarmer Leonard Casley, der 1970 seine Sezession vom Commonwealth erklärte und sich als Touristenattraktion vermarktet.

Bereits die ersten Schauplätze zeigen den engen Horizont aller Beteiligten: hier bizarre Miniaturstaaten, die bis hin zu Passkontrolle und Ritterschlag ein System nachbilden, dem sie zu entfliehen vorgeben - dort ein Regisseur, der sich zugunsten der Skurrilität keine Sekunde um historische Ursachen oder gesellschaftspolitische Zusammenhänge kümmert.

Prekär wird diese fehlende Haltung bei den nächsten Stationen von Poets affirmativem Reisekino: Nach einer Stippvisite bei der esoterischen Kommune Damanhur im Piemont, wo die Menschen gerne auf Bäumen wohnen, geht es weiter zum Gruppensex ins deutsche Belzig, wo in der "Lebensgemeinschaft Zegg" die Selbsterfahrung im Ölbad ihren Höhepunkt erreicht. Was man hier zu sehen bekommt, sind jedoch Menschen, die ihre Rollen mit bitterer Ernsthaftigkeit spielen - und das womöglich nicht freiwillig.

Von gegen die Globalisierung kämpfenden "Königen, Piraten, Träumern" spricht Poet in seinem die Substanzlosigkeit der Bilder verdoppelnden Kommentar, doch im Grunde ist Empire Me seinen alternativen Visionen zum Trotz ein rückständiger Film.

In Wahrheit liegt die Herausforderung nicht im Aussteigen, sondern im grenzüberschreitenden Zusammenhalt, und die New Yorker Wall Street zu besetzen hat definitiv größeres Potenzial als eine alte Betonplattform im Ozean. (Michael Pekler, DER STANDARD - Printausgabe, 21./22. Jänner 2012) 

die_geisterkuh
11
25.1.2012, 20:04

langweilig und schwach... wieviel lebenszeit wurde mit diesem "meisterwerk" verplempert?

a_kep
 
01
25.1.2012, 15:57
2 Jounalisten, 2 Meinungen

Die Kritik liest sich auch subtext ganz anders..
http://www.subtext.at/2012/01/e... t-bin-ich/

Muss ich mir den Film wohl doch anschaun und mir selbst eine Meinung bilden.

Miklova Zala
 
22
22.1.2012, 14:58

merci! für diese kritik. endlich mal jemand, der sich die meta-ebene / aussage von so was vornimmt. @standard: künftig mehr von herrn peckler (bin weder mit ihm verschwägert, noch bekannt), bitte!

tom cerry
24
21.1.2012, 22:19
leider

der film könnte gut sein. scheitert aber kläglich an der regie.

a b1
15
21.1.2012, 15:58
"In Wahrheit ..."

Auch wenn ich derselben Meinung bin, wie der Autor, erfordert es schon ziemlich unkritische Leserschaft, einfach in einem kurzen Satz noch einmal die unbegründete "Wahrheit" anzuführen.

Allmächtiger Satan
25
20.1.2012, 21:42

Ein überforderter Regisseur, dessen Graumasse dem Thema nicht gewachsen ist. Ein wegweisendes Debakel in ein Hinterzimmer einer bedeutungslosen ORF-Redaktion.

KomaPoster
25
20.1.2012, 19:55
Angekündigt werden Mikrostaaten. Gefunden wurden Aussteiger/Hippiekommunen.

Eine Doku die nach gut 10 Minuten das Thema aus den Augen verliert und sich statt dessen im esoterischen Untergrund, Gruppensex-Ölbädern und dänischen Marihuanajunkies wieder findet.

eyeinthesky
24
20.1.2012, 18:31
oskarverdächtig !!!

...allerdings nur, wenn der film so gut wäre, wie die eitelkeit des regisseurs. ansonsten zeitverschwendung. gott sei dank waren bei der premiere die karten gratis... sonst käme auch noch geldverschwendung hinzu.

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