Ein Interview der etwas anderen Art mit dem US-amerikanischen Lyriker und Herausgeber von L=A=N=G=U=A=G=E Charles Bernstein
In folgendem Gespräch wird das übliche Frage-Antwort-Spiel umgekehrt und zu
einem Antwort-Frage-Spiel. Charles Bernstein wurde gebeten, zu Zitaten aus
seinen Texten Fragen zu stellen. Sein umfangreiches, bisher nicht übersetztes
Werk befasst sich auf ebenso ironische wie politische und chaotische Weise mit
den Unwägbarkeiten aller Bedeutungen
Antwort Bernstein: Xo.
Frage Bernstein: Was ist der kleinste Sinn-Baustein? Ein Fonem - der
winzigste Laut, den man als eigenständige Einheit hören kann? Oder ist die
Sprache in ihrer Gesamtheit der kleinste Baustein?
Antwort Bernstein: Ideen sind tot, außer im Spiel.
Frage Bernstein: Was denken Sie über die abstrakten Begriffe der Politik,
Theologie, Philosophie und Literaturtheorie: Konstruktion und Transzendenz, Sein
und Vergeben, Dialektik und Möglichkeit, Freiheit und Rausch, Materialität und
Affekt, Melancholie und Staatsbürgertum, Nation und Gedanke, Verwirrung und
Wildnis, Demokratie und Begrenzung?
Bernstein: Die beste Universität ist diejenige, die nicht am Markt und an der
Berufsausbildung ausgerichtet ist, sondern an der Maximierung der
Reflexionsfähigkeit und Kreativität. Das Potenzial im Unterricht kann dann am
besten ausgeschöpft werden, wenn dieser nicht zielorientiert oder
berufsvorbereitend ist, sondern Raum schafft für die Entfaltung und Erkundung
des eigenen Denkens. Alle Versuche, die Universität an Marktwerten auszurichten,
pervertieren nur das Gute und am wenigsten Messbare dieser kulturellen
Freiräume. Wir können Bildung nicht wirkungsvoller machen, ohne sie
wirkungsloser zu machen.
Frage Bernstein: Sie haben erst spät, im Alter von vierzig Jahren, mit dem
Unterrichten begonnen. Was schätzen Sie an den amerikanischen Universitäten am
meisten, und was sind Ihre größten Befürchtungen hinsichtlich deren Zukunft?
Bernstein: Exenst aerodole - extremst Autodrom! (Lacht.)
Frage Bernstein: Lassen Sie mich das noch weiter ausführen. Wo verlaufen
die Grenzen des kritischen Diskurses an den Universitäten? Manche behaupten,
alles sei erlaubt, aber Sie kritisieren oft die Beschränkungen, die der Kultur
des kritischen Diskurses auferlegt werden.
Bernstein: Wichtiger ist die Bereitschaft, sich mit dem Unplausiblen
auseinandersetzten, alternative Wege des Denkens auszuprobieren, dem Klang von
Sprache zuzuhören, bevor man den Sinn zu entschlüsseln versucht, sich in einem
Gestöber von Silben zu verlieren und so in unerreichbar geglaubten Dimensionen
Orientierung zu finden, zu hören, was Gedichte tun, um zu erfreuen, bilden,
überwinden, klagen, preisen, widersprechen, erneuern, schwärmen, fantasieren und
anzustiften ...
Frage Bernstein: Wie wäre es mit mehr Klarheit, einer verständlichen
Botschaft, mit Kommunikation, Zugänglichkeit, einfach zu sagen, was man fühlt?
Bernstein: jed jimmsy's cack. ib giben durrs urk klurpf. ig ooburs quwate ag
blurg.
Frage Bernstein: Sind Sie ein jüdischer Dichter? Für Brian Ferneyhough
haben Sie ein Libretto über Walter Benjamin geschrieben, "Shadowtime"
(Schattenzeit). Ist das aus einer jüdischen Perspektive geschrieben? In einem
Aufsatz in der Zeitschrift "Radical Poetics and Secular Jewish Practice"
schreiben Sie, dass Sie sich verpflichtet fühlen, die Arbeit nichtreligiöser
europäischer jüdischer Kultur weiterzuführen, die im systematischen
Vernichtungsprozess des Zweiten Weltkriegs ausgelöscht wurde. Aber ist das nicht
alles längst Vergangenheit? Können wir das nicht hinter uns lassen?
Bernstein: Grandiose Verstopfungen.
Frage Bernstein: Wie finden Sie die österreichische Küche?
Bernstein: Wenn ein Text in ein Gedicht-Kostüm gesteckt wird, dann ist das an
und für sich eine Provokation, die grundlegenden Fragen zu Sprache, Sinn und
Kunst zu betrachten. Chronische Poetische Aporie (CPA).
Frage Bernstein: Gibt es keinen Weg, der Künstlichkeit zu entkommen? Wie
wäre es mit natürlicher Sprache und direkten Aussagen? Was ist Ihnen lieber, ein
Saal voller Spiegel oder die erhabene Majestät eines in der Morgendämmerung
verschwindenden Berges, wenn Nebelschwaden den Anblick wegbrennen wie
heimkehrende Engel?
Bernstein: Bernstein. Sternbein. Ich.
Frage Bernstein: Was ist ein Name? Sind wir schon da? Verwechseln Sie
manchmal einen Baum mit einem Wald? Bittere Tränen mit Freude? Bitte mit
"please"? Bernstein mit "Bernstein"?
Bernstein: Vienna.
Frage Bernstein: Wienbitte?
Bernstein: Lasst das Gedicht sich erfüllen. Dichtung macht mir Angst.
Frage Bernstein: Was raten Sie jungen Dichterinnen und Dichtern?
Bernstein: Nur das Imaginäre ist wirklich. Nur das Wirkliche ist wirklich.
Diese Zeilen verweigern die Wirklichkeit.
Frage Bernstein: Was ist Wahrheit?
Bernstein: Danke für Ihr von schon ein paar Wochen her.
Frage Bernstein: Rückblickend betrachtet, glauben Sie, dass die Einführung
einer gemeinsamen europäischen Währung klug war? Warum ist L=A=N= G=U=A=G=E
poetry gerade in Burma so einflussreich? Schätzen Sie Höflichkeit im
E-Mail-Verkehr? Was war nochmal die Frage? (DER STANDARD/ALBUM - Printausgabe, 21./22. Jänner 2012)
Hinweis: Das Gespräch wurde geführt von den Teilnehmern des Konservatoriums
zu Charles Bernstein am Institut für Komparatistik an der Universität Wien.
Charles Bernstein liest am Donnerstag, den 26. Jänner, um 18 Uhr in der Alten
Schmiede - Literarisches Quartier, Schönlaterngasse 9, 1010 Wien.
Begleitet und befragt wird er von seinen studentischen Übersetzerinnen und
Übersetzern.