Tarifverdienste um durchschnittlich 0,3 Prozent geschrumpft
Berlin - Trotz des Aufschwungs ist die Kaufkraft
vieler deutscher Arbeitnehmer einer Studie zufolge 2011 gesunken. Die
Kollektivlöhne (Tarifdienste) stiegen mit durchschnittlich 2,0
Prozent langsamer als die Inflation mit 2,3 Prozent, hieß es in einer
am Freitag veröffentlichten Studie des Tarifarchivs der
gewerkschaftsnahen Hans-Boeckler-Stiftung. "Der unerwartet starke
Anstieg der Verbraucherpreise hat die Tarifsteigerungen in vielen
Branchen wieder aufgezehrt", sagte dessen Leiter Reinhard Bispinck.
Real seien die Tarifverdienste um durchschnittlich 0,3 Prozent
geschrumpft.
Durch den Rückgang der Kurzarbeit, mehr Überstunden und nicht
tariflich geregelten Bonuszahlungen in manchen Betrieben und Banken
stiegen die effektiven Bruttoeinkommen aber stärker als die
Tarifverdienste. Hier lag das Plus bei 3,4 Prozent, so dass auch nach
Abzug der Inflation noch ein Kaufkraftgewinn von 1,1 Prozent übrig
blieb.
Wegen der Konjunkturflaute ist die Ausgangssituation für die
Tarifrunde 2012 aus Sicht der Gewerkschaften ungünstiger als im
Vorjahr. "Angesichts der absehbaren Abschwächung des Exports kommt
jedoch einer Stärkung der Binnennachfrage in diesem Jahr eine
besondere Bedeutung zu", sagt Bispinck. "Die Tarifpolitik hat
deswegen nicht nur eine verteilungspolitische, sondern auch eine
große konjunkturpolitische Verantwortung." Die Bundesregierung
rechnet in diesem Jahr nur mit einem Wachstum von 0,6 Prozent, nach
3,0 Prozent im alten.
Verhandlungen stehen beispielsweise im öffentlichen Dienst, in
der Metall- und Elektroindustrie sowie im Bankgewerbe, in der
chemischen Industrie, in der Textil- und Bekleidungsindustrie, im
Kfz-Gewerbe sowie im Hotel- und Gaststättengewerbe an. Verhandelt
wird auch bei großen Unternehmen wie der Deutschen Telekom und
Volkswagen. Die bisherigen Tarifforderungen bewegen sich zwischen
fünf und sieben Prozent.
Die DGB-Gewerkschaften schlossen im alten Jahr Kollektivverträge
für rund 9,2 Millionen Beschäftigte ab. Für weitere 7,4 Millionen
Beschäftigte traten Erhöhungen in Kraft, die bereits 2010 oder früher
vereinbart worden waren. (APA)