Am 24. Jänner wird Franz Schuh mit dem Österreichischen Kunstpreis 2011 ausgezeichnet - auch für sein letztes Buch "Der Krückenkaktus"
Moralisch sei der Mensch "die wandelnde Grauzone", weiß der Philosoph-Dichter
und gibt alsbald in seinem Relativierungssinn zu bedenken, er kenne "keine
schönere und wahrhaftigere Beschäftigung als das Absägen des eigenen Asts".
In seinem Buch Der Krückenkaktus. Erinnerungen an die Liebe, die Kunst und
den Tod beschreibt Franz Schuh faszinierend existenzielle Wege und
individuelle Umwege, Denkwürdigkeiten und Bedenkliches. Der Titel Der
Krückenkaktus sei eine erfundene Bezeichnung, das Gemeinte gebe es jedoch
tatsächlich. "Mit Krücken hat man ein Problem, wenn man viele transportieren
muss", und deswegen habe man diese "wie eine Scheibtruhe schiebbare Kuppel, die
viele Löcher hat", erfunden. Ein Symbol für die praktische Veranlagung des
Menschen sei der Krückenkaktus, der "Parallelen zu meiner eigenen Arbeit"
erkennen lasse: ein Problem, eine Erfindung, eine Tatsächlichkeit und ein
Sinnbild, gebündelt.
"Erinnerungen an die Liebe, die Kunst und den Tod" lautet der Untertitel von
Schuhs (wie er zu Recht betont:) "Komposition" aus Essays, Erzählungen und
Gedichten. Seine denkstellerische Wertschöpfung ist Werkschöpfung. Narrative
Bögen und Leitmotive spannen die Reflexionen über Werte, Verhalten, Zustände
sowie über die eigene Reflexion zusammen. Die Band-Breite reicht von moralischen
Überlegungen und politischen, medialen Beobachtungen bis zu anekdotischen Szenen
und persönlichen Befindlichkeiten.
"Der alteingesessene Wunsch / nach begrifflosem Glück / lässt mich
einheimisch wirken", heißt es im ersten Gedicht, das schließt: "Das Lenken der
Aufmerksamkeit / auf Sprache ist ein Einlenken. / In einem Monat ungefähr /
werde ich sechzig Jahre alt, / und es macht mir nichts aus." Was offenbar schon
was ausmacht, sind die körperlichen Probleme; sie bringen das Ich ins AKH, in
dessen merkwürdige Räumlichkeiten Der Krückenkaktus mehrmals führt. Das
Vorwort beginnt ja auch mit dem Rat: "'Schreiben Sie über ihr Knie', sagte der
Präsident zu mir."
Welche Schleifen und Schlingen Franz Schuhs Texte ziehen, lässt sich gleich
im ersten langen Essay Das Zittern des Geistes. Über Thomas Mann, Robert
Musil und andere Größenverhältnisse ersehen. "Ich bin ein Kind der Wiener
Vorstadt", nimmt er das "einheimisch" des Gedichts auf, "und sollte dort Heimat
sein, wo noch nie einer gewesen ist, so träfe es auf mich nicht zu."
Dieser der Aufklärung und der Dialektik Folgende kommt vom Großschriftsteller
Thomas Mann auf ein ausdrückliches Erkenntnisinteresse, das viele andere
begleiten: "Ich habe ein Interesse an Größe, und ich bin fasziniert von der
Faszination - vor allem von einer, die ich nicht teilen muss. Ich möchte wissen,
wie Größe zustande kommt, und noch viel mehr, wie die Vorstellung von Größe
zustande kommt und wie sie zelebriert wird".
Die Antwort hat kunstsoziologische Größe und zeigt einmal mehr, dass Schuh zu
den wenigen gehört, die Bourdieu und Foucault zusammenzudenken vermögen. Sei
jemand einmal mit dem Etikett Größe ausgestattet, dann mache sich seine Größe
selbstständig, entwickle also ein Eigenleben; auf dieser Selbstgerechtigkeit
beruhe der Geniekult, "der das Geniale an seinem Objekt systematisch verfehlt,
nicht zuletzt deshalb, weil der Kult dazu dient, die Bewunderer zu berauschen."
Aktuelles Zwischenergebnis: Ohne Breitenwirkung sei heute Größe nicht zu haben,
somit nicht ohne Reklame.
Franz Schuh schafft es, den Eindruck zu vermitteln, man könne dem
Schreibenden beim Denken zuschauen. "Ich gebe zu", liest man in dem Essay
Liebe & Tod, "an diesem Punkt wird mir meine Argumentation
fragwürdig".
Toller Rhythmus
Dafür bietet er in ihrer Knappheit schlagende Definitionen. Manche seiner
Sätze sind geradezu Aphorismen, immerhin leitet den Band ein Lichtenberg-Motto
ein. "Radikalität als eingebürgertes Kriterium verhindert Radikalität" oder "Der
Preis für die Freiheit der Kunst ist, dass sie zwar Macht über alles
beanspruchen und simulieren darf, dass sie diese Macht aber garantiert nicht
hat."
Bringen die Gedichte eine intensive Note eines lyrischen Ich in den Band, vom
Existenziellen bis zum Kasperlhaften, so tritt in der Mitte des Buchs das Ich
selbst in den Vordergrund. Das Gedicht Egoismus findet sich vor der
kurzen Erzählung Bei der Psychologin, in der es heißt: "Ich verwickle
mich ja immer in irgendwas Persönliches".
Den Kern des Bandes bildet die lange Erzählung einer Nacht, bezeichnend
dialektisch überschrieben mit Am Tag als ich Wolfgang Koeppen traf. Ein
toller Rhythmus, faszinierendes Wortgleiten, feine Motivketten. "Diese Unruhe."
So der erste, am Beginn einiger Abschnitte wiederholte erste Satz - und die
Unruhe dynamisiert den Text.
Er kommt vom TV-beunruhigten Abend auf Kurpflege, Operndirektor, Geilheit,
unerwiderte Liebe, Taxifahrt, Schwarzenegger, Liegestütz beim Würstelstand,
Vaters Tod, auf die Begegnung mit dem Dichter und dessen "nicht resignative
Melancholie". Ein Glanzstück erzählerischer Dynamik. Ein Buch voll aufregender
intellektueller Unruhe. (Klaus
Zeyringer, DER STANDARD/ALBUM - Printausgabe, 21./22. Jänner 2012)
Franz Schuh, "Der Krückenkaktus. Erinnerungen an die Liebe, die Kunst und den
Tod". € 20,50 /256 Seiten. Zsolnay, Wien 2011.
Hinweis: Am 24. Jänner wird Franz Schuh in der Sparte Literatur mit dem
Österreichischen Kunstpreis 2011 ausgezeichnet. Die Preisträger der übrigen fünf
Kunstsparten, für die der Preis vergeben wird, sind Walter Vopava (Bildende
Kunst), Barbara Reumüller (Film), Michaela Moscouw (Künstlerische Fotografie),
Gerd Kühr (Musik) und Robert Adrian (Video und Medienkunst).
Im Rahmen der Veranstaltungsreihe Transflair lesen und diskutieren am 26.
Jänner ab 20 Uhr Franz Schuh und Philipp Blom im Literaturhaus NÖ in Krems zum
Thema "Böse Philosophen? Geistesmenschen und Gesellschaft".