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Liegestütz und Unruhe

Klaus Zeyringer , 21. Jänner 2012, 12:00
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    foto: helmut wimmer

    Schreibt Bücher "voll aufregender intellektueller Unruhe": Franz Schuh.

Am 24. Jänner wird Franz Schuh mit dem Österreichischen Kunstpreis 2011 ausgezeichnet - auch für sein letztes Buch "Der Krückenkaktus"

Moralisch sei der Mensch "die wandelnde Grauzone", weiß der Philosoph-Dichter und gibt alsbald in seinem Relativierungssinn zu bedenken, er kenne "keine schönere und wahrhaftigere Beschäftigung als das Absägen des eigenen Asts".

In seinem Buch Der Krückenkaktus. Erinnerungen an die Liebe, die Kunst und den Tod beschreibt Franz Schuh faszinierend existenzielle Wege und individuelle Umwege, Denkwürdigkeiten und Bedenkliches. Der Titel Der Krückenkaktus sei eine erfundene Bezeichnung, das Gemeinte gebe es jedoch tatsächlich. "Mit Krücken hat man ein Problem, wenn man viele transportieren muss", und deswegen habe man diese "wie eine Scheibtruhe schiebbare Kuppel, die viele Löcher hat", erfunden. Ein Symbol für die praktische Veranlagung des Menschen sei der Krückenkaktus, der "Parallelen zu meiner eigenen Arbeit" erkennen lasse: ein Problem, eine Erfindung, eine Tatsächlichkeit und ein Sinnbild, gebündelt.

"Erinnerungen an die Liebe, die Kunst und den Tod" lautet der Untertitel von Schuhs (wie er zu Recht betont:) "Komposition" aus Essays, Erzählungen und Gedichten. Seine denkstellerische Wertschöpfung ist Werkschöpfung. Narrative Bögen und Leitmotive spannen die Reflexionen über Werte, Verhalten, Zustände sowie über die eigene Reflexion zusammen. Die Band-Breite reicht von moralischen Überlegungen und politischen, medialen Beobachtungen bis zu anekdotischen Szenen und persönlichen Befindlichkeiten.

"Der alteingesessene Wunsch / nach begrifflosem Glück / lässt mich einheimisch wirken", heißt es im ersten Gedicht, das schließt: "Das Lenken der Aufmerksamkeit / auf Sprache ist ein Einlenken. / In einem Monat ungefähr / werde ich sechzig Jahre alt, / und es macht mir nichts aus." Was offenbar schon was ausmacht, sind die körperlichen Probleme; sie bringen das Ich ins AKH, in dessen merkwürdige Räumlichkeiten Der Krückenkaktus mehrmals führt. Das Vorwort beginnt ja auch mit dem Rat: "'Schreiben Sie über ihr Knie', sagte der Präsident zu mir."

Welche Schleifen und Schlingen Franz Schuhs Texte ziehen, lässt sich gleich im ersten langen Essay Das Zittern des Geistes. Über Thomas Mann, Robert Musil und andere Größenverhältnisse ersehen. "Ich bin ein Kind der Wiener Vorstadt", nimmt er das "einheimisch" des Gedichts auf, "und sollte dort Heimat sein, wo noch nie einer gewesen ist, so träfe es auf mich nicht zu."

Dieser der Aufklärung und der Dialektik Folgende kommt vom Großschriftsteller Thomas Mann auf ein ausdrückliches Erkenntnisinteresse, das viele andere begleiten: "Ich habe ein Interesse an Größe, und ich bin fasziniert von der Faszination - vor allem von einer, die ich nicht teilen muss. Ich möchte wissen, wie Größe zustande kommt, und noch viel mehr, wie die Vorstellung von Größe zustande kommt und wie sie zelebriert wird".

Die Antwort hat kunstsoziologische Größe und zeigt einmal mehr, dass Schuh zu den wenigen gehört, die Bourdieu und Foucault zusammenzudenken vermögen. Sei jemand einmal mit dem Etikett Größe ausgestattet, dann mache sich seine Größe selbstständig, entwickle also ein Eigenleben; auf dieser Selbstgerechtigkeit beruhe der Geniekult, "der das Geniale an seinem Objekt systematisch verfehlt, nicht zuletzt deshalb, weil der Kult dazu dient, die Bewunderer zu berauschen." Aktuelles Zwischenergebnis: Ohne Breitenwirkung sei heute Größe nicht zu haben, somit nicht ohne Reklame.

Franz Schuh schafft es, den Eindruck zu vermitteln, man könne dem Schreibenden beim Denken zuschauen. "Ich gebe zu", liest man in dem Essay Liebe & Tod, "an diesem Punkt wird mir meine Argumentation fragwürdig".

Toller Rhythmus

Dafür bietet er in ihrer Knappheit schlagende Definitionen. Manche seiner Sätze sind geradezu Aphorismen, immerhin leitet den Band ein Lichtenberg-Motto ein. "Radikalität als eingebürgertes Kriterium verhindert Radikalität" oder "Der Preis für die Freiheit der Kunst ist, dass sie zwar Macht über alles beanspruchen und simulieren darf, dass sie diese Macht aber garantiert nicht hat."

Bringen die Gedichte eine intensive Note eines lyrischen Ich in den Band, vom Existenziellen bis zum Kasperlhaften, so tritt in der Mitte des Buchs das Ich selbst in den Vordergrund. Das Gedicht Egoismus findet sich vor der kurzen Erzählung Bei der Psychologin, in der es heißt: "Ich verwickle mich ja immer in irgendwas Persönliches".

Den Kern des Bandes bildet die lange Erzählung einer Nacht, bezeichnend dialektisch überschrieben mit Am Tag als ich Wolfgang Koeppen traf. Ein toller Rhythmus, faszinierendes Wortgleiten, feine Motivketten. "Diese Unruhe." So der erste, am Beginn einiger Abschnitte wiederholte erste Satz - und die Unruhe dynamisiert den Text.

Er kommt vom TV-beunruhigten Abend auf Kurpflege, Operndirektor, Geilheit, unerwiderte Liebe, Taxifahrt, Schwarzenegger, Liegestütz beim Würstelstand, Vaters Tod, auf die Begegnung mit dem Dichter und dessen "nicht resignative Melancholie". Ein Glanzstück erzählerischer Dynamik. Ein Buch voll aufregender intellektueller Unruhe. (Klaus Zeyringer, DER STANDARD/ALBUM - Printausgabe, 21./22. Jänner 2012)

Franz Schuh, "Der Krückenkaktus. Erinnerungen an die Liebe, die Kunst und den Tod". € 20,50 /256 Seiten. Zsolnay, Wien 2011.

Hinweis: Am 24. Jänner wird Franz Schuh in der Sparte Literatur mit dem Österreichischen Kunstpreis 2011 ausgezeichnet. Die Preisträger der übrigen fünf Kunstsparten, für die der Preis vergeben wird, sind Walter Vopava (Bildende Kunst), Barbara Reumüller (Film), Michaela Moscouw (Künstlerische Fotografie), Gerd Kühr (Musik) und Robert Adrian (Video und Medienkunst).

Im Rahmen der Veranstaltungsreihe Transflair lesen und diskutieren am 26. Jänner ab 20 Uhr Franz Schuh und Philipp Blom im Literaturhaus NÖ in Krems zum Thema "Böse Philosophen? Geistesmenschen und Gesellschaft".

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 54
1 2
emilie flöge
02
24.1.2012, 20:40
des wieners liebste eigenart: mieselsüchtige mundwinkel

und doch frage ich mich, nachdem sich jetzt endlich der erfolg einstellt: wie schafft er es, die mundwinkel derart weit nach unten zu ziehen?
raunzt er im schlaf?
lacht er in seiner vollgestopften wohnung mit nach unten gezogenen mundwinkeln und macht dabei vor dem spiegel einen kopfstand?

manfred666
12
24.1.2012, 20:11
wer will noch mal, wer hat noch nicht?

jaja, der klaus, der zeyringer, hat er eigentlich schon den großen österreichisch-vaterländischen verdienstorden für kulturpublizistik (oder wie das ding heißt) - jury: franz schuh und klaus nüchtern.

übrigens, herr germanist: es heißt "selbständig" und nicht "selbstständig", aber sie stammen ja aus oberösterreich, das erklärt vieles.

gegen vorurteil und verallgemeinerung
00
23.1.2012, 17:38
Schuh schrieb über Qualtinger:

"Qualtinger war bisher der letzte Österreicher, der Österreich -dem Land, der Nation, dem Volk- ein Gesicht hatte geben können".
Jeder, der den Herrn Karl kennt, weiß, dass Schuh das nicht als Kompliment an Österreich gemeint hat.
Wegen solcher Äußerungen mag ich Schuh nicht.
Das ist die gleiche Infamie, mit der über "die Juden, die Amerikaner, die Neger, die Zigeuner usw. hergezogen wird.

J. Reichhart
01
23.1.2012, 15:40
lobhudelei statt kritik

herr zeyringer, das ist nix.

west bahn
02
22.1.2012, 12:54
Schuh: "Am gescheitesten wäre es, das Ganze neu zu gründen

Was? Den ORF. [...] Es müsste gelingen, den eingerissenen Methoden, die so selbstverständlich sind, dass sich alle wundern, warum sich überhaupt wer wundert, juristisch beizukommen."

Sehr lesenswertes Interview zum Nachdenken: http://diepresse.com/home/kult... er-Fetisch

ich sag so:
01
22.1.2012, 11:34

ich sags gleich, ich weiß es nicht. deshalb frage ich ganz ehrlich: hat franz schuh schon einen roman geschrieben? hat franz schuh schon ein bedeutendes philosophisches werk verfasst? wenn ja, bitte um titelangaben. würde mich wirklich interessieren. danke.

andkos
11
22.1.2012, 11:56
...

franz schuh ist weniger romanschreiber, als essayist und als solcher ist er literarisch im deutschen sprachraum unter den besten

hmm, bei philosophisch scheiden sich die geister, für mich ist es nicht philosophisch, zu dem, was soll man darüber neues schreiben? ich wüsste nicht was, aktuelle gute philosophische bücher, wiederholen nur bereits gedachte gedanken

die essays auf jeden fall sind sehr gut

chrilly donninger1
11
22.1.2012, 12:24
Der Zeyringer hat ihm mit dieser Über-Drüber

Laudatio einen Bärendienst erwiesen.
Er ist ein geschliffener Essayist. Ein Flaneur mit dem man ab und zu gern ein Stückerl mitflaniert. Auch wenn er mir dann wieder ein bisserl zu viel raunzt. Aber es hat selbst das Raunzen einen gewissen Stil
Gut gemachte, gehobene Unterhaltung.

Aber wenn er ihn dann in Foucault und Bourdieu Nähe stellt und ihm zum Übergenie macht reizt das einfach zum Widerspruch.

chrilly donninger1
14
22.1.2012, 10:50
Es ist ganz interessant zu beobachten

wie die Fangemeinde den grossen Kritiker F. Schuh lobt, aber auf Kritik am grossen Meister mit einer Rotstricherl-Allergie reagiert. Kritik ist offensichtlich nur super, wenn sie die eigene Meinung bestättigt.

Jake Gittes
26
22.1.2012, 10:10

Seitenblicke-Philosoph.

chrilly donninger1
18
22.1.2012, 10:41
Wir leben halt in einer Seitenblicke Gesellschaft

Da wird dann der Kurt Palm ein grosser Literat. Der F. Schuh ein Titan der auf die Zwerge Foucault und Bourdieu herunterblickt. Und nicht zu vergessen der grösste Denker aller Zeiten, Konfuzius Plato Lissmann.

mike1004
04
22.1.2012, 11:46
Meinungsforscher

Ist K.L.Piessmann nicht ein Meinungsforscher?
Der sagt dies und der sagt das.

chrilly donninger1
03
22.1.2012, 12:30
Er kann vor allem zu allem was sagen

Man kann aus einer Enzyklopädie ein Stichwort zufällig auswählen und der Lissmann wird sofort aus dem Stegreif ein Radiokolleg damit füllen.

manfred666
02
24.1.2012, 20:15
es gab ja das bonmot:

die schlechten stellen in menasses essays stammen von liessmann, die guten von schuh.
aber daß schuhfranz jetzt den "paradephilosophen" überrundet, wer hätte das gedacht?

chrilly donninger1
26
22.1.2012, 09:46
Einen Couch-Potato mit einem gewissen

Talent zum gehobenen Raunzen als Synthese von Bourdieu und Foucault zu preisen ist schon ziemlich skurrill.
Wenn man ihn als Parodie liest ist der Text aber gar nicht so schlecht.

ich sag so:
00
22.1.2012, 07:35

also irgendwie hat sich mir die schuh'sche gescheitheit noch nicht so richtig erschlossen. im prinzip mag ich ja so leute wie franz schuh sehr gerne, leute, die denken, unaufgeregt sind, schreiben, ein bissl am menschsein verzweifeln und trotzdem nicht allzu traurig sind. solche leute mag ich. aber beim franz schuh, da springt bei mir irgendwie kein funke über. obwohl ich an jeden text, den ich von ihm lese, mit dem größten wohlwollen herangeh, und jedesmal hoff und eigentlich fast überzeugt bin (weil irgendwann muss es ja schließlich klappen), diesmal wird das sicher was ganz was gescheites und traurig-amüsantes, bleibt hinterher immer nur ein anflug von enttäuschung und leere zurück.

chrilly donninger1
24
22.1.2012, 10:03
Er ist ein intellektueller Flaneur

Aber es fehlt ihm der Sinn für die harte Arbeit die die bedeutenden Denker ausgezeichnet hat. Foucault war ein fanatischer Arbeiter.
Er muss auch immer persönlich werden, weil er über die Welt zuwenig fundiertes Wissen hat. Diese Substanzlosigkeit hinterlässt den schalen Nachgeschmack.

Pyg Malia
20
22.1.2012, 11:50
Genau so

ist es. Und selbst unter "Flaneuren" gibt und gab es deutlich substantiellere. Valery. Benjamin sowieso. Schuh ist philosophisches Flanierertum, das unter Denken vor allem die Produktion von Bonmots versteht.

chrilly donninger1
01
22.1.2012, 12:25
Benjamin war ein Stachanow-Flaneur

krikri
13
22.1.2012, 04:34

im jahr 1984 wurde die ORF produktion aus den 70ern der letzten tage der menschheit in 14 folgen wiederholt und vor jeder folge sprach franz schuh eine einführung - bin ganz stolz diese rarität via mc heute auf zwei cds zu besitzen und versäume seit damals, wenn möglich, keine seiner öffentlichen äusserungen - herzliche gratulation zum österreichischen kunstpreis 2011!

relatio subsistens
53
22.1.2012, 01:40

Sorry Leute, wenn ich es sagen muss: Der Schuh ist völlig überschätzt. Typischer Österreich-Intellektueller für die Halbgscheiterln.

sysiphos
 
11
22.1.2012, 00:57
schön beschrieben.

ein bisserl dick trägt herr zeyringer hier zwar schon auf, aber wieso denn auch nicht? :-)) das buch ist jedenfalls extrem vergnüglich und gescheit.

chrilly donninger1
34
22.1.2012, 09:48
Er bringt halt Gestalt und Form in Einklang

F. Schuh ist kein grosser aber ein breiter Denker.

Steinbrecher Karl
22
22.1.2012, 10:07
Ihr Posting ist lustig,

allerdings bleibt immer ein fahler Beigeschmack: "Wieso er und nicht ich? Ich bin ein Tiefdenker, und trotzdem liest mich keiner. Ect.". Schreiben Sie! Publizieren Sie! Ich freue mich auf die Postings von Franz Schuh!

chrilly donninger1
33
22.1.2012, 10:30
Ich schreib genug und es lesen mich genug Leute

Meine Kolumnen in Schachzeitschriften über Gott, die Welt, das Waldviertler-Hochland und Computerschach haben eine grosse Fangemeinde.
Sie wurden auch ins holländische, englische und italienische übersetzt.
Nun beschäftige ich mich mit Finanzmathematik und gebe einen monatlichen Goldreport heraus. Der handelt von Gott, der Welt, das Waldviertler-Hochland und der Börse. Der Goldreport kommt auch gut an.

Der Unterschied zum Schuh ist: Meine Essays sind eine Mischung aus Gschichtln und Wissen.
Der Schuh schreibt nur Gschichtln, weil er nirgends fundiertes Wissen hat. Er kann sein Nicht-Wissen aber besser formulieren.

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