Sinnesempfindung zum Quadrat

20. Jänner 2012, 18:52
posten

1901 malte Klimt das Bild "Seeufer mit Birken": Bis zur Entdeckung durch Sotheby's 2010 galt es als verschollen

Von den Erinnerungen des Sommers zehrte Gustav Klimt bis weit über den regnerischen Herbst und den nebeligen Winter hinaus. Mitten im Wald oder am Seeufer und später in seinem Wiener Atelier verdichtete er die Sinnesempfindungen solcher Sommertage auf Leinwand. Das Format blieb über die Jahre gleich, immer quadratisch, meist 110 mal 110 cm. Und anders als die beauftragten repräsentativen Porträts malte er diese Landschaften zum Vergnügen.

Sie seien formal kühner, sagen Fachleute, und in ihnen würde man dem ganzen Wesen seiner Kunst begegnen: der koloristischen Brillanz, der bis ins Detail durchdachten Bildkomposition und einer subtil gebändigten Sinnlichkeit.

Geflecht farbiger Tupfen

Klimt, der ungern reiste, da ihn schon an der österreichischen Grenze Heimweh befiel, fand seine Motive im idyllischen Salzkammergut am Attersee, ab 1900 in Litzlberg, später am noblen Westufer in Kammerl oder ab 1914 in Weißenbach am südlichen Seezipfel. Im Gegensatz zu den späten Arbeiten, die oftmals ein leuchtendes Geflecht farbiger Tupfen und damit die Klimt'sche Form des Pointillismus prägt, sind jene um die Jahrhundertwende undramatische, gänzlich ausgeglichene und ruhige Kompositionen. Sie "beschreiben ein stilles Dasein der Natur, ermöglichen ein Sich-Hineinversenken in deren leises, nur dem Einfühlsamen wahrnehmbares Weben", wie es Belvedere-Kurator Stephan Koja beschrieb (Gustav Klimt - Landschaften, 2002/2003).

Dazu kam Klimts Bedürfnis nach Rückzug in die Welt des Privaten, vor allem 1901, als sich der Konflikt um die Fakultätsbilder zuspitzte und er mit öffentlicher Ablehnung konfrontiert war. Fünf Landschaftsmotive entstanden im Sommer 1901, die ab November in der XII. Secessionsausstellung präsentiert wurden, darunter Seeufer mit Birken. Der hier dargestellte Weiher zitiert auch die Faszination für Wasser und dessen Symbolik, die in der Vorstellungswelt symbolistischer Kunst eine zentrale Rolle spielte. Ein Motiv, das auch vor Augen führte, "dass Malen etwas mit Denken, Träumen und Dichten zu tun hat", "dass es versunkene, verwachsene Falltüren der Seele zu öffnen vermag", wie es ein Kritiker 1925 formulierte.

1902 gastierte das 90 mal 90 cm große Bild bei einer Ausstellung in Düsseldorf, dann verschwand es in Privatbesitz. Die Fachwelt wähnte es als verschollen, bis es Philip Hook (Sotheby's Senior Spezialist Impressionist & Modern Art) in einer holländischen Privatsammlung entdeckte. Am 8. Februar buhlt es bei Sotheby's in London um einen neuen Besitzer, der um die sechs bis acht Millionen Pfund (7-9,4 Mio. Euro) bereithalten müssen wird. (kron, DER STANDARD/ALBUM - Printausgabe, 21./22. Jänner 2012)

  • "Seeufer mit Birken" überzeugt mit kontemplativer Wirkung.
    foto: sotheby's

    "Seeufer mit Birken" überzeugt mit kontemplativer Wirkung.

Share if you care.