1901 malte Klimt das Bild "Seeufer mit Birken": Bis zur Entdeckung durch Sotheby's 2010 galt es als verschollen
Von den Erinnerungen des Sommers zehrte Gustav Klimt bis weit über den
regnerischen Herbst und den nebeligen Winter hinaus. Mitten im Wald oder am
Seeufer und später in seinem Wiener Atelier verdichtete er die
Sinnesempfindungen solcher Sommertage auf Leinwand. Das Format blieb über die
Jahre gleich, immer quadratisch, meist 110 mal 110 cm. Und anders als die
beauftragten repräsentativen Porträts malte er diese Landschaften zum Vergnügen.
Sie seien formal kühner, sagen Fachleute, und in ihnen würde man dem ganzen
Wesen seiner Kunst begegnen: der koloristischen Brillanz, der bis ins Detail
durchdachten Bildkomposition und einer subtil gebändigten Sinnlichkeit.
Geflecht farbiger Tupfen
Klimt, der ungern reiste, da ihn schon an der österreichischen Grenze Heimweh
befiel, fand seine Motive im idyllischen Salzkammergut am Attersee, ab 1900 in
Litzlberg, später am noblen Westufer in Kammerl oder ab 1914 in Weißenbach am
südlichen Seezipfel. Im Gegensatz zu den späten Arbeiten, die oftmals ein
leuchtendes Geflecht farbiger Tupfen und damit die Klimt'sche Form des
Pointillismus prägt, sind jene um die Jahrhundertwende undramatische, gänzlich
ausgeglichene und ruhige Kompositionen. Sie "beschreiben ein stilles Dasein der
Natur, ermöglichen ein Sich-Hineinversenken in deren leises, nur dem
Einfühlsamen wahrnehmbares Weben", wie es Belvedere-Kurator Stephan Koja
beschrieb (Gustav Klimt - Landschaften, 2002/2003).
Dazu kam Klimts Bedürfnis nach Rückzug in die Welt des Privaten, vor allem
1901, als sich der Konflikt um die Fakultätsbilder zuspitzte und er mit
öffentlicher Ablehnung konfrontiert war. Fünf Landschaftsmotive entstanden im
Sommer 1901, die ab November in der XII. Secessionsausstellung präsentiert
wurden, darunter Seeufer mit Birken. Der hier dargestellte Weiher zitiert
auch die Faszination für Wasser und dessen Symbolik, die in der Vorstellungswelt
symbolistischer Kunst eine zentrale Rolle spielte. Ein Motiv, das auch vor Augen
führte, "dass Malen etwas mit Denken, Träumen und Dichten zu tun hat", "dass es
versunkene, verwachsene Falltüren der Seele zu öffnen vermag", wie es ein
Kritiker 1925 formulierte.
1902 gastierte das 90 mal 90 cm große Bild bei einer Ausstellung in
Düsseldorf, dann verschwand es in Privatbesitz. Die Fachwelt wähnte es als
verschollen, bis es Philip Hook (Sotheby's Senior Spezialist Impressionist &
Modern Art) in einer holländischen Privatsammlung entdeckte. Am 8. Februar buhlt
es bei Sotheby's in London um einen neuen Besitzer, der um die sechs bis acht
Millionen Pfund (7-9,4 Mio. Euro) bereithalten müssen wird. (kron, DER STANDARD/ALBUM - Printausgabe, 21./22. Jänner 2012)