Nebengeräusche der Upperclass

20. Jänner 2012, 19:13
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Der Handel mit Kunst hat sich verändert - In London werden die glamourösen Showrooms weniger, den Status als Hotspot Europas weiß die Metropole aber zu verteidigen

Das Erscheinungsbild der Londoner Bond Street hat sich verändert, zumindest aus der Perspektive kunstaffiner Flaneure. Viele der alteingesessenen Traditionsgalerien haben sich in den letzten Jahren in die Nebenstraßen oder ins Obergeschoß getrollt: Angesichts veränderter Kaufgewohnheiten ihrer Klientel lohnen die teuren Ladenlokale nicht mehr, oder die Eigentümer verkauften die Liegenschaften an Modeimperien. Dieses Schicksal traf jüngst auch Colnaghi, seit Anfang des Jahres residieren Konrad Bernheimer und Katrin Bellinger mit ihrer Altmeister-Entourage in den oberen Stockwerken der Nummer 15.

Bereits im Juni 2011 hatte Mallett Antiques den Pachtvertrag seiner knapp 12.000 m2 großen Location für 1,7 Millionen Pfund an Fendi verhökert. Statt eines glamourösen Showrooms (Jahresmiete 1,2 Mio.) leistet man sich stattdessen mehr Teilnahmen an Kunstmessen im Ausland und liebäugelt mit einem daraus resultierenden Kundenzuwachs, etwa aus dem Fernen Osten.

Zuwächse bei Mittelware

Es sind Nebengeräusche wie diese, die den Wandel des Handels mit Kunst begleiten, von dem London als wichtigste europäische Metropole dennoch profitiert. In den hiesigen Auktionssälen versteigerte Kunst wandert in die ganze Welt ab, nur eine Minderheit bleibt auch innerhalb der Landesgrenzen. Gesichert ist, dass die Umsatzeinbußen an der Themse weniger drastisch ausfallen als am Hudson, so viel Einblick hatten die offiziellen Bilanzen von Christie's und Sotheby's vor einem halben Jahr gewährt. Dabei scheint vor allem das Geschäft im mittleren Preissegment zu florieren, weniger das in der Upperclass, wie das Ranking der zehn höchsten 2011 in London verzeichneten Auktionszuschläge belegt. Gegenüber 2010 sank das aktuelle Wertvolumen (rd. 196 Mio. Pfund) dieses Spitzenfelds um 22 Prozent. Und während 2010 Protagonisten der Sparte Impressionist & Modern Art mit neun von zehn Platzierungen dominierten, präsentiert sich das Feld aktuell mit sechs Impressionisten und jeweils zwei Werken aus den Sparten Alte Meister und Contemporary Art etwas durchmischter.

Anders als in den Vorjahren spielten jedoch die Auktionen in der zweiten Jahreshälfte für dieses seit Juli 2011 unveränderte Spitzensegment - nobel formuliert - eine untergeordnete Rolle. Drei der zehn Topergebnisse (alle Sotheby's) brachten die Februar-Auktionen der Impressionisten hervor, weshalb im Vorfeld jetzt schon über die neuen Rekordkünstler gerätselt wird. Zu den Anwärtern gehören neben Gustav Klimt (Sotheby's: Seeufer mit Birken, 6-8 Mio. Pfund; siehe "Sinnesempfindung zum Quadrat") Juan Gris (Christie's: Le livre, 12-18 Mio.), Joan Miro (Sotheby's: Peinture, 7-10 Mio. Pfund), aber auch Henry Moore (Christie's: u. a. Reclining Figure: Festival, 3,5-5,5 Mio.). (Olga Kronsteiner, DER STANDARD/ALBUM - Printausgabe, 21./22. Dezember 2012)

  • Henry Moore, "Reclining Figure: Festival": Diese Skulptur aus dem Jahr 1951 
soll bei Christie's am 7. Februar wenigstens 3,5 Mio. Pfund bringen - oder auch 
deutlich mehr.
    foto: christie's

    Henry Moore, "Reclining Figure: Festival": Diese Skulptur aus dem Jahr 1951 soll bei Christie's am 7. Februar wenigstens 3,5 Mio. Pfund bringen - oder auch deutlich mehr.

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