Der Handel mit Kunst hat sich verändert - In London werden die glamourösen Showrooms weniger, den Status als Hotspot Europas weiß die Metropole aber zu verteidigen
Das Erscheinungsbild der Londoner Bond Street hat sich verändert, zumindest
aus der Perspektive kunstaffiner Flaneure. Viele der alteingesessenen
Traditionsgalerien haben sich in den letzten Jahren in die Nebenstraßen oder ins
Obergeschoß getrollt: Angesichts veränderter Kaufgewohnheiten ihrer Klientel
lohnen die teuren Ladenlokale nicht mehr, oder die Eigentümer verkauften die
Liegenschaften an Modeimperien. Dieses Schicksal traf jüngst auch Colnaghi, seit
Anfang des Jahres residieren Konrad Bernheimer und Katrin Bellinger mit ihrer
Altmeister-Entourage in den oberen Stockwerken der Nummer 15.
Bereits im Juni 2011 hatte Mallett Antiques den Pachtvertrag seiner knapp
12.000 m2 großen Location für 1,7 Millionen Pfund an Fendi verhökert. Statt
eines glamourösen Showrooms (Jahresmiete 1,2 Mio.) leistet man sich stattdessen
mehr Teilnahmen an Kunstmessen im Ausland und liebäugelt mit einem daraus
resultierenden Kundenzuwachs, etwa aus dem Fernen Osten.
Zuwächse bei Mittelware
Es sind Nebengeräusche wie diese, die den Wandel des Handels mit Kunst
begleiten, von dem London als wichtigste europäische Metropole dennoch
profitiert. In den hiesigen Auktionssälen versteigerte Kunst wandert in die
ganze Welt ab, nur eine Minderheit bleibt auch innerhalb der Landesgrenzen.
Gesichert ist, dass die Umsatzeinbußen an der Themse weniger drastisch ausfallen
als am Hudson, so viel Einblick hatten die offiziellen Bilanzen von Christie's
und Sotheby's vor einem halben Jahr gewährt. Dabei scheint vor allem das
Geschäft im mittleren Preissegment zu florieren, weniger das in der Upperclass,
wie das Ranking der zehn höchsten 2011 in London verzeichneten Auktionszuschläge
belegt. Gegenüber 2010 sank das aktuelle Wertvolumen (rd. 196 Mio. Pfund) dieses
Spitzenfelds um 22 Prozent. Und während 2010 Protagonisten der Sparte
Impressionist & Modern Art mit neun von zehn Platzierungen dominierten,
präsentiert sich das Feld aktuell mit sechs Impressionisten und jeweils zwei
Werken aus den Sparten Alte Meister und Contemporary Art etwas durchmischter.
Anders als in den Vorjahren spielten jedoch die Auktionen in der zweiten
Jahreshälfte für dieses seit Juli 2011 unveränderte Spitzensegment - nobel
formuliert - eine untergeordnete Rolle. Drei der zehn Topergebnisse (alle
Sotheby's) brachten die Februar-Auktionen der Impressionisten hervor, weshalb im
Vorfeld jetzt schon über die neuen Rekordkünstler gerätselt wird. Zu den
Anwärtern gehören neben Gustav Klimt (Sotheby's: Seeufer mit Birken, 6-8
Mio. Pfund; siehe "Sinnesempfindung zum Quadrat") Juan Gris (Christie's: Le
livre, 12-18 Mio.), Joan Miro (Sotheby's: Peinture, 7-10 Mio. Pfund),
aber auch Henry Moore (Christie's: u. a. Reclining Figure: Festival,
3,5-5,5 Mio.). (Olga Kronsteiner, DER STANDARD/ALBUM - Printausgabe, 21./22. Dezember 2012)