Eine Spitzenplatzierung der 2010 in Österreich entdeckten Skulptur blieb 2011 bloße Theorie
Sie hätte das Zeug zum Star gehabt, und doch blieb ihr diese Anerkennung
verwehrt: jene Bronzeskulptur von Adriaen de Vries, die Christie's 2010 bei
einer Routineschätzung in Oberösterreich entdeckte und die im Juli 2011 in
London versteigert werden sollte. Offiziell waren die monetären Erwartungen auf
umgerechnet sechs bis neun Millionen Euro beziffert worden. Inoffiziell
spekulierte die Fachwelt auf ein Vielfaches, auf 20, wenn nicht 40 Millionen
etwa Johann Kräftner, der aus seinem Interesse namens der Sammlung des Fürsten
von und zu Liechtenstein kein Geheimnis machte.
Demgemäß wäre der 1626 ausgeführten mythologischen Figur - ob Herkules,
Bacchus oder Dionysos, darüber herrschte bis zuletzt Rätselraten - eine
Platzierung im Ranking der zehn höchsten Auktionszuschläge 2011 in London sicher
gewesen (siehe Tabelle). Einerlei, denn die 109 cm hohe Skulptur musste
wenige Stunden vor der Auktion zurückgezogen werden. Im Vorfeld war
bekanntgeworden, dass die Statue zuvor einen Schlosshof im oberösterreichischen
St. Martin im Innkreis zierte. Eine Herkunft, die STANDARD-Recherchen zufolge
dem Bundesdenkmalamt (BDA) vom Antragsteller trotz mehrmaliger Urgenzen
verschwiegen worden war. Relevant insofern, als das im Besitz der deutschen
Familie Arco-Zinneberg befindliche Schloss St. Martin seit 1940 unter
Denkmalschutz steht und die seit etwa 1700 dort den Hof zierende Bronze als Teil
des Ensembles wohl ebenfalls. Die Ausfuhrgenehmigung wurde zurückgezogen und
seitens des Ministeriums die Rückkehr der Statue angeordnet.
1200 reisewillige Kunstwerke
Seither befindet sich diese in Österreich, in sicherer Verwahrung und nicht
an ihrem ursprünglichen Standort. Das Risiko, das wertvolle und nach all dem
medialen Tamtam nun auch öffentlich bekannte Kunstwerk wieder im privaten
Schlosshof zu platzieren, wollen die Eigentümer verständlicherweise nicht
tragen. Der Verkauf scheint vorläufig kein Thema mehr zu sein.
Dass Ausfuhransuchen seit dieser Causa tendenziell negativ ausfielen, wie in
der heimischen Branche hinter vorgehaltener Hand gemunkelt wird, bestreitet
BDA-Präsidentin Barbara Neubauer vehement. Von den 1200 im Jahr 2011 gestellten
Ansuchen - zu je 50 Prozent vom Kunsthandel sowie von Museen - habe man
lediglich 13 die Ausreise verwehrt, bei weiteren fünf sei das Verfahren noch
nicht abgeschlossen. (kron, DER STANDARD/ALBUM - Printausgabe, 21./22. Jänner 2012)