Schönheitskorrekturen

Der Körper als "permanentes Bearbeitungsobjekt"

20. Jänner 2012, 10:13

Tagung "Wahnsinnig schön" setzt sich mit der "Problemzone Körper" auseinander

Graz - Lippen aufspritzen, Fett absaugen, chirurgisch modellierte Nasen und Hüften: Der moderne Mensch "managt" nicht nur sein Leben, er gestaltet auch die "Problemzone Körper" nach Belieben um. Warum das so ist, beleuchtet die Tagung "Wahnsinnig schön" bis Samstag im Grazer Minoritensaal aus unterschiedlichen Perspektiven. Bisher sei Schönheit einfach ein undemokratisches Schicksal gewesen, jetzt werde sie scheinbar für alle machbar und ihre Erhaltung zu einer grenzenlosen Dauerbeschäftigung, meinte der Grazer Soziologe Manfred Prisching am Donnerstag.

Aus politisch korrekter Sicht zählen die inneren Werte eines Menschen, nicht das Äußere. Gleichzeitig würden zahllose Studien zeigen, dass schöne Babys mehr Liebe erhalten, schöne Kinder von ihren Lehrern bevorzugt werden, bei Gericht besser beurteilt und schöne Menschen eher Karriere machen als "hässliche", gab Prisching zu bedenken. Aus seiner Sicht scheint die Menschheit zunehmend dem Schönheitswahn zu verfallen. "Was lange Zeit nur als arge Ungerechtigkeit galt, weil es unterschiedliche Lebenschancen erzeugt habe, wird heute zu einer Selbstverständlichkeit und zu einem Zwang", so der Soziologe auf der Grazer Psychiatrisch-Psychosomatischen Tagung.

Schönheitserschaffung wird zur Dauerbeschäftigung

Die Idealisierung der Schönheit habe mittlerweile "etwas Unbarmherziges" an sich: "Wenn lauter Selbstoptimierer unterwegs sind, kommt es zum Zwang: Wer es nicht schafft, seinen Körper hinreichend zu gestalten, gilt als Verlierer", so der Soziologe. Und weil durch die Nähe zur Vollkommenheit die zu überwindende Kluft nur noch deutlicher sichtbar werde, drohe selbst der Körper zu einem "permanenten Bearbeitungsobjekt" und die Erschaffung und -haltung von Schönheit zu einer Dauerbeschäftigung werden. "Das Self-Enhancement wird grenzenlos", zeichnete Prisching die künftige Entwicklung vor.

Ein Plädoyer gegen Schönheits-Korrekturen und -reparaturen im Gesicht hielt die deutsche Pädagogin und Professorin für Allgemeine Erziehungswissenschaft an der Ruhr-Universität Bochum, Käte Meyer-Drawe: Das menschliche Gesicht könne im sozialen Miteinander nicht ersetzt werden, es sei ein "Ausdrucksorgan", das vom Menschen "erzählt": "Im Gesicht sind wir in eminenter Weise für den anderen präsent. Man trägt es vor sich her wie ein Geständnis".

Der Ausdruck des Gesichts bringe das Innenleben seines Trägers hervor, exzessive Retuschen würden es töten, so die Referentin. Die Expressivität des Gesichtes könne durch den Eingriff empfindlich gestört werden und die angestrebte Schönheit einen artifiziellen Charakter erzeugen, warnte Meyer-Drawe. Zu überlegen sei hier im Hinblick auf eine kosmetische Operation auch, welche Konsequenzen die Tilgung der Lebensspuren - von den positiven Lach- bis zu negativen Sorgen- und Zornesfalten- auch für die Anderen als kommunikatives Gegenüber habe. (APA)

 

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