Krankheitsdauer verkürzt sich um rund einen Tag

20. Jänner 2012, 09:40

Der Einsatz von Grippemedikamenten zeigt bei Kindern nur moderate Wirkung - Komplikationen werden reduziert

Boston/London (APA) - Ursächlich gegen Influenza A-Viren wirksame Arzneimittel können offenbar die Häufigkeit von Komplikationen reduzieren. Bei Kindern haben sie einen moderaten Effekt mit der Verkürzung der Symptomdauer um rund einen Tag. Das geht aus zwei Studienanalysen hervor, bei denen bereits durchgeführte wissenschaftliche Untersuchungen erneut systematisch ausgewertet wurden.

Rund um die Frage, wie wirksam die beiden Arzneimittel mit sogenannten Neuraminidase-Hemmern (Oseltamivir/Tamiflu und Zananmivir/Relenza) wirklich sind, darüber gibt es seit Jahren Streit unter den Experten verschiedener Fachrichtungen. Der Wiener Chemotherapeut Wolfgang Graninger, von der Universitätsklinik für Innere Medizin I der MedUni Wien am AKH, sagte dazu im Jahr 2002 beispielsweise bei der Vorstellung von Tamiflu: "Die Krankheitsdauer wird um rund zwei Tage gesenkt. Insgesamt kommt es zu einer 40-prozentigen Verringerung der Symptome. Die Rate der Sekundärkomplikationen wird um 55 Prozent verringert." Voraussetzung für eine optimale Wirkung ist jedenfalls, dass das Arzneimittel möglichst früh eingenommen wird, längstens binnen 48 Stunden auf Auftreten der Influenza-Symptome.

Noch mehr Verwirrung

Später tauchten - mit deutlicher Kritik an den Herstellern und ihren Studien - Zweifel auf. Sogenannte Meta-Analysen, bei denen alte Daten zusammen gefasst und neuerlich analysiert werden, sollten ein breiteres Bild bieten. Doch die erzeugten noch mehr Verwirrung: In der ersten Auswertung von zehn Studien ergab sich ein deutlich positives Bild. Die Autoren belegten eine Reduktion von auf Influenza nachfolgenden Pneumonien mit Antibiotika-Bedarf um 55 Prozent. Autoren des sogenannten Cochrane-Netzwerkes wiederum schieden in einer zweiten, nachfolgenden Analyse acht der zehn Studien aus. Die Daten aus den restlichen Untersuchungen zeigten ihnen zufolge zwar eine um 45 Prozent verringerte Komplikationsrate von Influenza-Infektion bei einer Behandlung mit Tamiflu. Doch für einen statistisch signifikanten Effekt reichte offenbar die Datenmenge nicht aus.

Die Autoren Miguel Hernan und Marc Lipsitch einer vor kurzem in "Clinical Infectious Diseases" veröffentlichten Studie von der Abteilung für Epidemiologie der Harvard School of Public Health (Boston) haben in ihrer Meta-Analyse die Daten von insgesamt elf wissenschaftlichen Untersuchungen zusammen gelegt und zusammen noch einmal ausgewertet. Das geschah mit finanzieller Unterstützung der Nationalen US-Gesundheitsinstitute (NIH).

Influenza-Medkamente bei Kindern

Deren Verdikt spricht wieder für einen statistisch signifikanten positiven Effekt. "Eine unabhängige Re-Analyse von elf randomisierten (Probanden per Zufall ausgewählt, Anm.) klinischen Studien, dass eine Oseltamivir-Behandlung die Gefahr von Komplikationen der unteren Atemwege, bei denen Antibiotika verabreicht werden müssen (speziell Pneumonien, Anm.) insgesamt um 28 Prozent verringert, um 37 Prozent bei Patienten, bei denen die Influenza auch per Laboruntersuchung bestätigt war.

Eine brandneue Analyse der Cochrane Collaboration (18. Jänner), einem Netzwerk, das mit Überblicksarbeiten zu klinischen Studien nach eigener Aussage für mehr Objektivität sorgen will, beschäftigt sich mit den Influenza-Medikamenten bei Kindern. Darin schreiben die britischen Autoren: "... die Behandlung mit Neuraminidase-Hemmern war nur mit mit einem moderaten klinischen Nutzen bei Kindern mit bewiesener Influenza verbunden." Die Krankheitsdauer hätte sich um rund einen Tag verkürzt.

Je nach Studie betrug demnach die Reduktion der Dauer der Symptome zwischen eineinhalb Tagen (um rund ein Viertel - statistisch signifikant) und nur rund zehn Stunden. Fast um drei Tage verkürzte sich allerdings die Krankheitsdauer bei Kindern mit Influenza, wenn die Erreger gegen Tamiflu bereits resistent waren und die Therapie mit dem anderen Medikament erfolgte.

 

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Klarstellung

Nachdem die meisten Kommentare hier von Leuten geschrieben werden, die von Klinischen Studien nicht den Hauch einer Ahnung haben, sei folgendes angemerkt:
Nach jeder vollendeten Klinischen Studien muss der Studienreport mit den Ergebnissen an die Behörden und Ethikkommissionen geschickt werden. Dies ist unter anderem im ICH GCP, Volume 10 und den lokalen Gesetzen geregelt. Es kann hier also nicht davon gesprochen werden, dass Ergebnisse zurückgehalten werden!
Beim Einreichen eines Zulassungsantrages stehen den Behörden ALLE Ergebnisse von den Klinischen Studien vor ihrer Entscheidung zur Verfügung.

ICH-GCP:
http://www.emea.europa.eu/docs/en_G... 002874.pdf

60% der Tamiflu-Studien zurückgehalten!!

Tamiflu-Hersteller Roche hat 60% der Studiendaten nie veröffentlicht - warum wohl....?
http://www.medizin-transparent.at/belege-fu... fragwurdig

stat. auswertung im auftraggeberinteresse

komplikationsminderung
wg. der meds?
oder einfach deswegen
weil klinisch engmaschigen überwachung

wieviele der studienpatienten- also kinder - welche in Ö. als probanten gar nicht rechtlich konform eingesetzt werden dürfen-
erkrankten an sogen. krankenhauskeimen -nosokomialen Infektion-?

und wie argumentiert man mit diesen daten den einsatz des zur potenz teureren meds.?

-weil die studien an häusern mit medizinern mit eigenen interessen- publikationen genauso wie monetärer anreiz von zusatzeinkommen über die privatwirtschaft....-gemacht werden ?

Ich finde es ja nett, dass sich scheinbar etwas Statistik-Wissen in die Gesundheitsrubrik eingeschlichen hat - aber statistische Signifikanz alleine ist für die Interpretation einer Studie ab einer gewissen Stichprobengröße eigentlich irrelevant.

Ihr Posting verstehe ich nicht ....

Alles was unten in Zahlen diskutiert wurde, ging um Effektgrössen, nicht um Signifikanzniveaus ... Insofern ist Ihr Pladoyer eigentlich an der Diskussion etwas vorbei, oder? (Inhaltlich stimmt natürlich, was Sie schreiben).

Naja, es wird im Artikel 3 x von "statistischer Signifikanz" geschrieben, so als ob das in diesem Kontext von Bedeutung wäre, einmal davon sogar in irreführender Weise. ("Die Daten [...] zeigten [...] eine um 45 Prozent verringerte Komplikationsrate [...]. Doch für einen statistisch signifikanten Effekt reichte offenbar die Datenmenge nicht aus." => Dabei dürfte es sich wohl doch eher um ein Verständnisproblem des Autors/der Autorin handeln, alles andere wäre absurd.)

AHA, verstanden ....

Sie haben sich auf den Artikel bezogen, nicht auf die Postings. ....
Ja, stimme zu, da gab es wohl mehr als nur EIN Verständnisproblem beim Autor/in.

Es geht ja nicht bloß um das Vertreiben des Virus, also der Krankheit an sich, sondern auch um Lebensqualität, also um Schlucken ohne Schmerzen, Durchschlafen ohne Hustenanfall, 37,8 Grad erhöhte Temperatur statt 39,8 Grad Fieber, etc.

mit medikamenten dauerts eine woche, ohne halt 7 tage...

Wenn man zum Arzt geht sagt der eh meistens bleiben sie eine Woche zuhause.
Auf den realen Krankenstand haben Medikamente sowieso keinen Einfluss.

im gegenzug verlängert sich der bilanzgewinn der pharmalobby um einige nullen - ein tag im tausch gegen jede menge nullen - ein super geschäft, für die pharmalobby

eine Hundegrippe wird's ja nie geben:

geh - was mei Fifi - schiebt's euch eure Medikamente in Orsch (Düringer)

Eine Bitte an den Standard: Kann man bei solchen Reports bitte die Studien verlinken?

Teil 2

Tamiflu tötet die Grippeviren nicht ab, sondern verhindert ihre Vermehrung- weshalb es wichtig ist, dass es früh eingenommen wird. Je früher man es einsetzt, desto effektiver wird der Krankheitsverlauf beeinflusst. Mit den Viren muss das körpereigene Abwehrsystem selbst fertig werden, was natürlich schneller gelingt, wenn die Virenanzahl klein ist und nicht immer neue dazu kommen (was Tamiflu verhindert).

Leider geht aus dem Zeitungsartikel für mich nicht hervor, ob man auch die Zeit der Einnahme von Tamiflu bei der Auswertung berücksichtigt hat.

noch ne Kasuistik ....

ohne gesicherte Diagnose, ohne Kontrollgruppe, und von der Stichprobengrösse n=1.
Die Idee von Meta-Analysen ist es, genau von so einem kasuistischen, hypothesenbildenden Denken zu einem vernünftigen empirischen Schluss zu kommen.

Man muss aber auch hier - auch wie bei den Alternativverfechtern - sagen, dass

eine Annekdote noch keine Basis darstellt.

Wenn die Pharmafirmen Studien und Daten zurückhalten dann bleibe ich skeptisch!

Siehe:
http://www.bmj.com/press-rel... hhold-key-

Was die Autoren selber sagen: ....

"After the appearance of these articles, Roche asked us to perform an independent data analysis. We agreed to do so because the question is of considerable public health importance, particularly in the context of a recent influenza pandemic. The agreement specified that we receive full access to efficacy and safety data from the 10 trials (we later requested data from additional trials), assistance from Roche statisticians in answering data-related questions, and complete freedom to publish any results. Neither we nor our institution received any funding for this work from Roche."
*********** In diesem Falle also kein Schubladen-Bias, wie es scheint. **************

Unwissenschaftlich arbeitende Studienautoren zu finanzieren hat Roche gottseidank abgelehnt

Die wollen auch noch für ihren Pfusch belohnt werden .
Das hätte mir als Roche Aktionär weh getan. (seelisch)

nur gut, dass die Roche-Aktionäre beurteilen können,

ob Harvard-Leute "unwissenschaftlich" arbeiten oder nicht.

Tamiflu

Ich habe einmal mit Tamiflu eine Grippe behandelt und hatte nach einem Tag der Einnahme ausser einer leichten Müdigkeit keinerlei Symptome mehr. Allerdings habe ich das Medikament bereits 1 1/2 Stunden nach dem Auftreten der ersten Anzeichen genommen. Da hatte ich bereits fast 40 Grad Fieber, das einige Stunden nach der ersten Tablette deutlich sank. Den ersten Krankheitstag habe ich größtentreils verschlafen, danach bin ich wieder ( unter Tamiflu-Therapie) arrbeiten gegangen.
Bei einer Grippe ohne Tamiflu dauert das hohe Fieber tagelang, und ich habe wesentlich länger zur Erholung benötigt.

super

unter medikamenteinfluss arbeiten gehen,
halb krank und dann noch die Kollegen anstecken
solche mitarbeiter brauch ich

Applaus!

braver schleimer alles richtig gemacht kriegst einen Römer in Gehorsam

und warum bleiben sie nicht zuhause, einen tag nachdem sie 40 grad fieber hatten????
unverantwortlich, da schon hinaus zu gehen.

Denke das Ablaufdatum der Tamiflutablette naht. Keine Vogelgrippe, keine Schweinegrippe im Anmarsch - und noch so viele Tabletten! Die Pharmaindustrie lässt grüßen!

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