Das Protestvideo der ORF-Redakteure ist - Pelinka hin oder her - mehr als ein Hit auf YouTube - Es eröffnet völlig neue Perspektiven der Mediendemokratie - Von Peter Plaikner
P wie ORF. Wenn der Name Portisch für das Volksbegehren der 1960er-Jahre steht, wird das Synonym Pelinka dereinst für das Aufbegehren der 2010er-Jahre herhalten müssen. Der eine in positiver Verbindung, der andere in negativer Verkehrung. Das ist für den Hugo, den Journalisten, der dann nicht Bundespräsident werden wollte, angemessen, aber für Anton und Peter, den Politikwissenschafter und den Chefredakteur, unnötige Sippenhaftung und für Niko, den Auslöser des Spektakels, zu viel der Ehre. Der Name der auslösenden Affäre lenkt ab vom beendenden Phänomen.
Es gründet auf YouTube, Facebook, Twitter. Für die Kaum-Nutzer des Internets, die Nicht-User von Social Media, die Fern-Seher der ORF-Information verdichten sich diese Online-Netzwerke am ehesten in der Person von Armin Wolf.
Einerseits das Gesicht der "ZiB 2", investiert er andererseits täglich wohl zumindest eine halbe Stunde in Twitter: Wortspenden von höchstens 140 Zeichen, kürzer als SMS. Rund 35.000 Menschen lesen das im Gratis-Abo. Knapp ein Drittel dieser Follower stammt aus Österreich.
Vom Lagerfeuer der Nation ...
Wolfs Tweets sind damit die bei weitem erfolgreichsten im Lande. Denn Twitter ist die elitäre Speerspitze - ein Tummelplatz der Multiplikatoren - der schönen neuen Medienwelt Zum Vergleich: Eine "ZiB 2" hat 500.000 bis 700.000 Seher, die "Zeit im Bild" doppelt so viel.
Das ist noch mehr Lagerfeuer der Nation, als die nackten Zahlen vermuten lassen. Denn für die herkömmliche Information erwärmt sich ein Publikum im Durchschnittsalter über 60. Hier findet sich vorwiegend jenes Drittel der Wählerschaft, gegen das nichts geht. Anders als im Internet, das zwar die Hälfte der Österreicher/innen täglich, aber ein Drittel nie nutzt. Ganz besonders bildet sich diese Altersschere bei Social Media ab. Von 2,7 Millionen Facebook-Accounts stammen bloß 85.000 aus der Generation 60 plus. Eine ähnliche Altersverteilung ist für Twitter und YouTube anzunehmen, jenes Online-Portal, in das im Sekundentakt Videos gestellt werden. Mit drei Milliarden Abrufen pro Tag sorgt es für zehn Prozent des gesamten globalen Internet-Verkehrs. Die Bild gewordene Musicbox der Digital Natives.
Wenn ausgerechnet der altbackenen Informationsabteilung eines öffentlich-rechtlichen Anbieters ein Hit in diesem Revier gelingt, ist das schon eine Sensation. Geschieht das nahezu ohne Hilfe des ORF-Massenprogramms, erscheint sie noch größer. Vollzieht sich dies in Kollaboration mit nahezu der gesamten Presse, entsteht eine demokratiepolitische Zukunftsperspektive, deren Dimension den beschämenden Anlassfall weit überragt.
Seit Montag haben an die 500.000 Bürger das Protest-Video der "ZiB"-Redaktion auf YouTube aufgerufen. Nichts anderes wird in Österreich derzeit mehr auf Facebook geteilt. Die 2:47-Minuten-Demo liegt damit weltweit in den aktuellen Top Ten der Nachrichtenkategorie des Videoportals.
Doch mehr noch als diese Daten zählt das Verdienst, das klassische (alte) Nachrichtenpublikum mit den engagierten (jungen) Info-Junkies zusammenzuführen. Gegen die ORF-Führung, aber für den ORF. Gegen den überbordenden Parteienstaat, doch für die vielstimmige Mediendemokratie. Sicher ein Ansatz zur liberalen Digikratie und vielleicht schon ein Same gegen die totalitäre Codeatur. Die Googles mögen dieser Welt den Rahmen geben, aber nicht seine Füllung. Wenn der Brückenschlag über den digitalen Graben zwischen Alt und Jung gelingt, sind wir wieder "das Volk" - so wie die Redakteure "der ORF" sind.
... zum Flächenbrand?
Das alles kann der "ZiB"-Protest sein, wenn er kein Strohfeuer bleibt. Diese nahezu nebenbei entzündete Social-Media-Flamme hat das Zeug zum gesellschaftlichen Flächenbrand. Denn im Gegensatz zu "Uni brennt" birgt sie die professionelle Verständlichkeit von Journalisten. Anders als "Rettet den ORF" wird sie vor allem von dessen inhaltlich maßgeblichen Mitarbeitern getragen. Die YouTube-Aktion zeigt, was eine Initiative wie "Mein Österreich" als Turbo braucht, während der Piratenpartei der Zugang zum ZIB-Stammpublikum fehlt.
Neben diesen Ausblicken zur grundsätzlichen demokratischen Partizipation wirkt sogar der zweite Aha-Effekt des Videoclips mit 55 Redakteuren bescheiden: Er ist das bisher beste Musterbeispiel für inhaltliche Konvergenz in Österreich - das komplementäre Zusammenspiel alter und neuer Medien.
Darin liegt die wahre öffentlich-rechtliche Peinlichkeit: Es stammt ausdrücklich nicht von der Institution - Österreichs Marktführer bei Fernsehen, Radio und Internet -, sondern ihren Mitarbeitern. Auf diese Weise verliert der ORF den Status als nationale Identifikationsfläche. Er kann diese Stellung nur zurückgewinnen, wenn er da weitermacht, wo der Protest ansetzt, statt dort, wohin ihn sein Generaldirektor geführt hat. (Peter Plaikner, DER STANDARD, Printausgabe, 20.1.2012)
Autor
Peter Plaikner (51) ist Medienberater und Politikanalytiker mit
Standorten in Innsbruck, Klagenfurt und Wien sowie Lehrgangsmanager für
Politische Kommunikation an der Donau-Universität Krems.