Arzt Raed Arafat löst eine Protestwelle in Rumänien aus
Nicht jeder in Rumänien kennt Raed Arafat, aber jeder kennt den von ihm
aufgebauten Rettungsdienst Smurd. In den 90er-Jahren hatte der nach
Rumänien emigrierte Palästinenser mit knappen Mitteln - er adaptierte
einen Opel Kadett zu einem Rettungswagen - angefangen. Heute gilt Smurd
europaweit als mustergültig, und selbst als Unterstaatssekretär ließ
Arafat es sich nicht nehmen, noch ab und zu einen Hubschraubereinsatz
mitzufliegen.
Bereits als Schüler gründete Arafat an der Schule in seiner Heimatstadt
Nablus eine Rettungseinheit. Als er mit 17 von zu Hause wegging, musste
er seinem Vater versprechen, in Rumänien aufs Polytechnikum zu gehen, um
Ingenieur zu werden. Einmal angekommen, wechselte er aber innerhalb von
24 Stunden zur Medizin. Gleich nach dem Studium begann er, mit
Unterstützung aus Großbritannien, Deutschland und Norwegen, in einem
Containerbau die erste moderne Notaufnahme Rumäniens aufzubauen. Heute
gibt es den Smurd-Dienst in 36 der 41 Landkreise. Er kann in Notfällen
14.000 Menschen mobilisieren.
Letzte Woche trat der heute 47-Jährige aus Protest gegen die
Gesundheitsreform von seinem Amt als Unterstaatssekretär im
Gesundheitsministerium zurück und löste damit in ganz Rumänien
Solidaritätsproteste aus. Arafat hatte sich mit Staatschef Traian
Basescu angelegt - und gewonnen. Das neue Gesundheitsgesetz wurde
zurückgezogen, und Arafat nahm auf persönliche Einladung von Premier Boc
sein Amt wieder auf, um an einem neuen Gesetz mitzuwirken.
"Die Proteste haben nichts mehr mit mir zu tun", sagt Arafat heute und
warnt vor einer Politisierung der Gesundheitsdebatte. Tatsächlich
versucht die Opposition die Demonstrationen zu vereinnahmen. Und
Ex-Staatschef Ion Iliescu stilisierte Arafat zum "neuen Tökes", in
Anspielung auf jenen Pastor, dessen Protest gegen das kommunistische
Regime 1989 Solidaritätskundgebungen ausgelöst hatte. Arafat selbst
hatte sich während der rumänischen Revolution freiwillig beim
Rettungsdienst in Cluj gemeldet, wurde jedoch heimgeschickt, weil das
Risiko bestand, dass er mit einem Terroristen verwechselt wird.
Heute ist er für viele "der informelle Gesundheitsminister", pragmatisch
und kompetent. Das macht ihn - ungewollt - zum Volkshelden. "Raed Arafat
hat mehr bewegt als die Regierung und die Opposition zusammen", sagt ein
Demonstrant. (DER STANDARD-Printausgabe, 20.01.2012)