Wahlkampf in Wien

"Du bist der Jörg Haider der Türken"

Reportage | 19. Jänner 2012, 18:54
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    foto: robert newald

    Das Bild von Wahlkämpfer Ibrahim Beyazit prangt auf der Getränkedose, den Hintergrund zum Porträt geben Gastarbeiter der ersten Stunde ab - aus der Dose kommt ein Energydrink, kein Çay.

Ein türkischer Unternehmer will im Wirtschaftsverband mitmischen und Migranten besser positionieren - Vergleiche mit Jörg Haider sieht er als Kompliment

Wien - Etwa nach dem fünften Glas Çay, dem türkischen Schwarztee, kann es kritisch werden. Magenschmerzen, Herzrasen und unzählige Toilettengänge sind mitunter die Folge. Nicht so für Ibrahim Beyazit. Auf seiner Wahlkampftour trinke er täglich "so um die 15 bis 20 Gläser" von dem Gebräu, erzählt er lachend.

Beyazit will die türkischstämmigen Unternehmer in Wien - und davon gibt es immerhin rund 6000 - erreichen. Das heißt: Hände schütteln, Wangen küssen, Tee trinken. Am 24. Jänner wird er beim Sozialdemokratischen Wirtschaftsverband (SWV) als Obmann für seine Landsleute antreten, 220 sind bei der Abstimmung wahlberechtigt, die üblicherweise keine nennenswerte Aufregung verursacht. Wahlkämpfe finden - wenn überhaupt - nur intern statt.

Startposition Sonderschule

Doch wer mit offenen Augen durch die Stadt geht, wird Beyazits Plakate vielerorts entdecken. Im Hintergrund ist eine historische Aufnahme von einem Bahnhof abgebildet. Es zeigt die ersten türkischen Gastarbeiter, die 1964 in Berlin ankamen. Seit 25 Jahren ist der 43-Jährige bei der SPÖ, seit zwei Jahren tingelt er als Integrationsbotschafter durch Österreichs Schulen.

Ein türkisches Fernsehteam begleitet ihn und einen Teil seines 23-köpfigen Teams an diesem Dienstagvormittag auf Wahlkampftour. Auf dem Markt in Inzersdorf ist Beyazit schon da, bevor er aus dem Bus steigt: Er lächelt von Wänden und Fensterscheiben und appelliert an "deine Stimme für unsere Zukunft". Selbst seine Mobilnummer steht auf den Plakaten.

Mit zehn Jahren kam er nach Österreich und direkt in den Genuss einer Sonderschule. Heute leitet der gelernte Schlosser einen eigenen Betrieb mit sechs Mitarbeitern. Jetzt will er jungen Migranten ebenso Mut machen wie den Unternehmern. "Wir Migranten haben alle die gleichen Probleme: zu wenig Einfluss, und wir werden nicht gut vertreten."

Verpflichtende Deutschkurse? "Unbedingt"

Hemmschwellen gebe es genug auf dem Weg nach oben: das Gefühl, nicht akzeptiert zu werden, sich als Minderheit zu empfinden. Sprachbarrieren seien ein großer psychologischer Aspekt, warum vielen der Aufstieg so schwerfalle. Sollen Deutschkurse verpflichtend eingeführt werden?

"Unbedingt", meint Beyazit. Er habe in den vergangenen Wochen auf seiner Wien-Tour Menschen kennengelernt, die seit Jahrzehnten in Österreich leben und kein Wort Deutsch können. "Ich ziehe meinen Hut vor jedem, der es trotzdem schafft, sein Geschäft zu organisieren."

Wer aber sechs Tage die Woche, vom Morgengrauen bis zum Abend, im Laden stehe, habe einfach nicht die Zeit zum Deutschlernen. Das 25-Millionen-Euro-Budget von Integrationsstaatssekretär Sebastian Kurz (ÖVP) würde er in Sprachlehrer investieren, die direkt zu den Migranten gehen. "Alle Parteien haben beim Thema Integration etwas verabsäumt - auch die SPÖ", bilanziert Parteimitglied Beyazit. Das gelte im Übrigen für die Politik in ganz Europa.

Im Beisl Yusuf Aydin am Großmarkt gibt es erst mal Linsensuppe. Und Tee. Beyazit zündet sich einen Zigarillo an, sein Telefon blinkt im Minutentakt. Ali Celik, Mitglied im Agrar-Ausschuss der Wirtschaftskammer, setzt sich zu ihm. "Ohne Migranten geht es in dieser Stadt nicht, das weiß auch Häupl", meint der Gemüsegroßhändler. Aber der Kuchen sei nicht gerecht geteilt, Beyazit soll das ändern: "Wir müssen unser Stigma in der Wirtschaftskammer zur Geltung bringen." Die Frage nach Wut und Frustration wird am Tisch verneint. "Wir sind energisch und motiviert", kontert eine Wahlkampfhelferin, "die Zukunft von Österreich interessiert uns auch." "Nur werden wir weniger gefragt", sagt Beyazit.

TV-Sendung und Hotline

Die Hälfte der Kampagne finanzieren türkische Firmen, der Rest ist sein Eigenkapital. In Beyazits Programm geht es vor allem um Kommunikation, Weiterbildung und Förderung von Jungunternehmern. Sogar eine TV-Sendung und eine Hotline sind geplant.

Der Busfahrer, der die Delegation schweigend von Markt zu Markt gefahren hat, tritt an ihn heran: "Du bist der Jörg Haider der Türken." Diesen habe er 1989 bei seiner ersten großen Wahlkampftour durch Österreich chauffiert. Beyazit nimmt das als Kompliment: "Haider war zwar in der falschen Partei, aber einer der besten Politiker Österreichs." (Julia Herrnböck, DER STANDARD, Printausgabe, 20.1.2012)

Kommentar posten
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emanze c
00
24.2.2012, 02:12
so schlimmer cay?? *schmunzel*

nach 5 gläsern herzrasen uä? also soweit ich weiss ist schwarztee wenn lang gezogen nicht mehr anregend (mittlerweile wissenschaftlich bewiesen).. also diese physische reaktion kann ich mir schwer vorstellen. in einer türkischen familie kommt man schon bei verwandtenbesuchen auf 10-12 cay pro tag. gesund? wahrscheinlich nicht.. aber die probleme sind schon sehr dramatisiert..

Gilgamesh
48
24.1.2012, 12:36

".Er habe in den vergangenen Wochen auf seiner Wien-Tour Menschen kennengelernt, die seit Jahrzehnten in Österreich leben und kein Wort Deutsch können. "Ich ziehe meinen Hut vor jedem, der es trotzdem schafft, sein Geschäft zu organisieren.".."

Er zieht also den Hut vor Leuten die sich absolut weigern die Sprache des Gastlandes zu lernen...
"Nette" Einstellung und so weltoffen...

vito don´s schwester
15
14.2.2012, 18:07
ich ziehe auch den hut

vor putzfrauen, die kein wort deutsch können und trotzdem ihre kinder und familien ernähren,
vor bauarbeitern die seit jahrzehnten den buckel krumm machen, damit der wiener günstigen wohnraum bekommt.
ich würde auch den hut vor einem ziehen, der solchen wie ihnen einen spitz in den a.... gibt ob dieses arroganten faschogeschwätzes

doldi berg
 
10
ganzen absatz gelesen

Wer aber sechs Tage die Woche, vom Morgengrauen bis zum Abend, im Laden stehe, habe einfach nicht die Zeit zum Deutschlernen.

Tuncay Aydin
20
23.1.2012, 19:10

In ein paar Gremien, bzw Fachgruppen sitzen die Türken eh schon drinnen.z.B
KommR Akan KESKIN
Bundesspartenobmann-Stv. (koopt. mit Stimme) (Spartenpräsidium)
Wirtschaftskammer Österreich, Bundessparte Handel
Mitglied (Spartenkonferenz)
Wirtschaftskammer Österreich, Bundessparte Handel
Obmann-Stv. (Ausschuss)
Wirtschaftskammer Österreich, Markt-, Straßen- und Wanderhandel, Bundesgremium
weiteres Mitglied (gem. § 106 WKG) (Erweitertes Präsidium)
Wirtschaftskammer Wien
Mitglied (Spartenkonferenz)
Wirtschaftskammer Wien, Sparte Handel
Spartenvertreter/-in Handel (Spartenvertretung)
Wirtschaftskammer Wien, Sparte Handel
Obmann (Ausschuss),Bezirksrat,Kaufmann....
so muß man gluck sein noch noch erst fragen Sie eigene Freund bitte..

G-Man
00
20.1.2012, 17:48

aber ein schlechter Autrofahrer....

Halbmond
40
20.1.2012, 15:54

Ich finde es traurig das herr Beyazit haider als vorbild sieht.

Die ausländerfeindlichkeit hat in seiner ära die hochblüte gehabt,

jaenneke
03
23.1.2012, 22:29

vielleicht doch den text lesen vor dem posten?

oder zumindest den letzten absatz

hockshank
33
20.1.2012, 13:18

"Haider war zwar in der falschen Partei, aber einer der besten Politiker Österreichs."

genau, und Schüssel ist ein genialer rhetoriker.

und madonna ist eine spitzensängerin.

living reef
00
20.1.2012, 17:33
und der grasser - was ist der ???

Christoph ************
03
22.1.2012, 13:22

zu schön,
zu jung,
zu intelligent.

naked truth
06
20.1.2012, 17:13

Der Job eines Politikers ist es, viele Wähler für sich und sein Anliegen zu gewinnen. Der Job einer Sängerin ist es, Platten zu verkaufen. Darin waren Haider, Schüssel und Madonna durchaus erfolgreich, ob man das mag oder nicht. Und ich denke, in dem Zusammenhang ist auch das Statement des Busfahrers zu verstehen.

Zentner
05
20.1.2012, 20:00

Eine Sängerin ist doch keine Plattenverkäuferin!

hockshank
01
20.1.2012, 17:21

ich sehe das anders, für mich bedeutet erfolgreich nicht gleich gut, nicht alles ist als reiner "job" zu verstehen. das ist eben meine ansicht.

toast buster
01
20.1.2012, 16:05

Also aus heutiger Sicht, hatte Haider jedenfalls die erstaunlichsten und manipulativsten Sprechblasen.
Und Schüssels Rhetorik war zumindest gut genug, um einem Großteil einen Riesenbären aufzubinden (und viele schleppen den noch immer mit).

ava adore
18
20.1.2012, 14:21

Haiders politische Fähigkeiten sind unbestritten, Stichwort "Charismatic Leader", das muss man neidlos anerkennen, egal wie weit links der Mitte man politisch angesiedelt ist. Wofür er allerdings eingetreten ist und die Wege die er beschritten hat um seine Ziele zu erreichen sind natürlich wieder eine ganz andere Geschichte.

Nick Tameer
01
21.1.2012, 23:47

Freilich muss man als Linkerr schon recht begrifflos sein, wenn man sich von charismatischen Politikern beeindruckt zeigt.

Sukram's Panopticum
 
00

Charisma ist was schlechtes?

Seit wann?

hockshank
00
20.1.2012, 14:45

bitte, wenn sie meinen...

ava adore
12
20.1.2012, 15:04

Nicht nur ich, denke das ist eine allgemein hin anerkannte Meinung.

mitiligidi
12
20.1.2012, 15:44
LOL

scherz oder ?

hockshank
00
20.1.2012, 15:13

nicht meinerseits.

tony strasser
 
00
tja

die linken hatten es immer schon schwer zwischen objektivität und subjektivität zu unterscheiden....

ruthwinkler
00
20.1.2012, 12:46

Interessant. Allerdings hält sich die politische Bedeutung des SWV schon sehr in Grenzen.

Bushdoctor
11
20.1.2012, 12:04
Die Aussage...

...dass jemand ein guter Politiker ist oder war ist ja nicht damit gleichzusetzen, dass derjenige gute Politik gemacht hat und bedeutet schon gar nicht, dass man sich mit dessen Politik identifizieren muss. Es heisst einfach nur, dass derjenige in seinem Job und mit dem was er gemacht hat sehr erfolgreich war, ganz neutral und nüchtern gesagt.

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