Kommentar von Michael Völker

Die Schlacht um den ORF

Kommentar | Michael Völker , 19. Jänner 2012, 19:51

Eine selbstbewusste Belegschaft hat einen ersten Etappensieg errungen

Um Niko Pelinka muss man sich keine Sorgen machen. Er wird sich abschütteln und weitergehen. Er hat einen anderen Job. Er ist tüchtig, das sei ohne Zynismus gesagt. Aber es ist gut, dass er diesen einen Job am Küniglberg nicht bekommen hat. Gut auch für ihn, noch besser für den ORF.

Der ORF, vor allem aber die vielen engagierten Kolleginnen und Kollegen, die in den vergangenen Tagen auf die Barrikaden gestiegen sind und ihrem Unmut, ihrem Zorn, ihrer Empörung Luft gemacht haben - sie sind die Sieger dieser Auseinandersetzung. Gratulation. Sie haben ihren Chef in die Knie gezwungen. Zu Recht und mit redlichen Mitteln.

Der ORF insgesamt geht aus dieser Auseinandersetzung gestärkt hervor, sein Direktor allerdings ist angeschlagen. Er ist der Verlierer dieser Job-Groteske. Er hat sein Gesicht verloren und muss jetzt um seine Glaubwürdigkeit kämpfen. Es ging ja nicht nur um Pelinka, es ging um viel mehr, aber Pelinka war die perfekte Projektionsfläche für diese grundsätzliche Auseinandersetzung.

Es geht um politische Einflussnahme in einem angeblich unabhängigen Medium, das im Besitz der Republik steht, also den Bürgerinnen und Bürgern gehört. Diese Unabhängigkeit wurde - und wird - von der Politik nicht geachtet. Die SPÖ glaubt, hier nach Belieben schalten und walten zu können. Die ÖVP im Übrigen auch, sie stellt sich derzeit nur nicht ganz so ungeschickt an. Und wenn die Grünen, wenn die FPÖ oder das BZÖ glauben, sie können hier mitspielen und politisches Kapital aus Vereinbarungen und Abmachungen schlagen, dann tun sie es auch. Ganz ungeniert.

Darum ist der Sieg der Belegschaft über einen möglichen Büroleiter Pelinka umso größer einzuschätzen. Unterstützung aus der Politik gab es keine. Gar keine.

Dass die redaktionelle Freiheit im ORF heute größer ist als je zuvor, ist richtig. Das liegt an der ORF-Belegschaft, die das Übliche eben nicht als üblich hinzunehmen bereit ist, die Zustände nicht mehr toleriert, nur weil das halt immer schon so war. Die Redaktion ist mündiger geworden. Auch die Konsumentinnen und Konsumenten sind mündiger geworden, sie haben die Debatte um die jüngsten Postenbestellungen sehr aufmerksam mitverfolgt und sie in diversen Foren, am Arbeitsplatz oder auch im Freundeskreis eifrig kommentiert.

Dass jemand, der gerade noch Fraktionschef des SPÖ-Freundeskreises im ORF-Stiftungsrat war und die Wiederwahl von Wrabetz zum ORF-Generaldirektor dirigiert hat, daraufhin sein Büroleiter wird, das geht nicht. Das ist höchst unanständig. Und es war auch unglaublich ungeschickt von Wrabetz, das nur nebenbei.

Es gehen aber noch ganz andere Sachen nicht: Dass sich die Landeshauptleute die Intendanten "ihrer" Landesstudios selbst aussuchen dürfen - geht nicht. Dass Stiftungsräte, die bisher in dieser Funktion nur ihren Parteien verpflichtet waren, direkt in leitende und einflussreiche Jobs im ORF gehievt werden - geht nicht. Dass die Parteien so schamlos bedient werden, dass etwa auch die FPÖ mit einer Morgengabe für einen ihrer Günstlinge abgefunden wird - geht nicht. Dass politische Tauschgeschäfte wichtiger sind als die fachliche Qualifikation - geht nicht.

Die Schlacht um die Unabhängigkeit des ORF wurde am Donnerstag mit dem Rückzug von Pelinka nicht entschieden, sie wurde erst begonnen. (DER STANDARD; Printausgabe, 20.1.2012)

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Posting 1 bis 25 von 51
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-joB
00
23.1.2012, 21:18
Eine Empfehlung: Armin Thurnhers Kommentare im Falter

CyberKeiler
00
20.1.2012, 17:49
bitte, die spö hat es doch nicht notwendig

dort einen politkommisar hinzuschicken. ideologisch sind die beschäftigten dort ja ohnehin auf linie.

der grund der aufregung war die sehr hohe einstufung eines jungen quereinsteigers, der noch dazu in den genuss spezieller steuerlicher rechte kommen hätte sollen. das hat den alteingesessenen mitarbeitern sauer aufgestoßen. darum haben sie sich erregt. und nicht wegen der parteizugehörigkeit. der alex war doch selbst sekretär. noch dazu in der selben partei

higgs - wozu?
00
20.1.2012, 17:40

jaja, eines der wichtigsten propagandainstrumente - von sowas bzw. seinem einfluß auf sowas trennt man sich halt schwer

...and miles to go before I scream
00
20.1.2012, 17:12

Mich freut, dass die politischen Besetzungen vom Tisch sind. Aber natürlich, eins sei auch gesagt: Es ist relativ leicht, als Belegschaft Widerstand zu leisten, wenn einem nichts passieren kann. In jedem normalen Unternehmen, wenn die MA so auf die Barrikaden steigen, werden sie wegen Rufschädigung fristlos entlassen.

-joB
00
23.1.2012, 20:56
Politische Besetzungen vom Tisch?

Wer glaubt denn das?

CyberKeiler
00
20.1.2012, 17:52
in einem normalen unternehmen

gibt es auch andere kriterien für die vergabe eines arbeitsplatzes.

wenn nach sachlichen kriterien ausgewählt wird und die wahl auf den am besten geeigneten bewerber fällt, können andere mitarbeiter auch nur schwer etwas dagegen sagen.

-joB
00
23.1.2012, 20:54
"sachliche Kriterien"

bei einer Personalwahl - wie schafft man das?

CyberKeiler
00
23.1.2012, 21:12
zum beispiel

durch ein externes unternehmen. in anonymisierter form. nachdem die kriterien v o r h e r festgelegt wurden.

roko1950
14
20.1.2012, 13:27
"Medium im Besitz der Bürger...."

Was für eine Formulierung !
Dieses Medium war seit der Gründung im Besitz der jeweiligen politischen Rädelsführer. Die Bürger durften nur dafür (per Zwang) bezahlen !!!

BalduindasWaldgespenst
31
20.1.2012, 11:58
Nach dieser eher emotionalen Debatte um Pelinka, ist

es jetzt wichtig die Diskussion sachlich und vernünftig weiterzuführen, daher sage ich: Privatisierts den Saftladen endlich. Ich meine, würde Raiffeisen wirklich ein so viel schlechteres Programm machen als der ORF derzeit? Wärei denn eine Doku-Soap über Josef Pröll beim Zuckerrübenzählen so viel weniger unterhaltsam, als ein Dominik Heinzl der Lugner stalked oder in einen Getreide-Silo hineinzufilmen weniger anrüchig, als die gefühlten, hunderten Arschfalten, die man beim Golpaschin'schen investigativen Bumbs-Journalismus zu sehen bekommt? Und von wegen österreichischer Identität: Warum soll CSI-irgendwo ohne Werbung österreichischer sein als mit Werbung? Privatisieren, Gebühren halbieren und Ö1, ORF3 u SportPlus damit finanzieren.

alexander lukacs
02
20.1.2012, 12:57

Privatisieren ist nicht der Sinn eines öffentlich/rechtlichen Senders. Der sollte eigentlich der Fluchtpunkt sein, wenn man nicht werbeunterbrochene Castingshows und Reality Soaps sehen will. Ist er in seiner derzeitigen Form nicht, sollte er aber sein.

Eher sollte man sagen, schmeisst die Parteien raus. Es wäre schon ein gewaltiger Fortschritt, wenn der ORF den Standards von ARD und noch mehr des ZDF gerecht würde.

zeitfuchs
00
20.1.2012, 13:03
bei Ihrer Argumentationslinie

müsste man alle politisch denkenden Staatsbürger, ja sogar die Politik selbst abschaffen. Das geht doch nicht, bitte. "Unpolitische" ORF-Mitarbeiter, das ist total unrealistisch...

CyberKeiler
00
20.1.2012, 17:56
der orf schafft es nicht einmal

eine "berichterstattung" zu stande zu bringen. da gibt es nur vorekautes und vorverdautes. mit entsprechenden kommentaren und mimmik, damit der dumme seher, dem das selbst anscheinend nicht zugetraut wird, die "informationen" auch richtig zuordnet.

grimsvotn eyjafjallajökull
00
20.1.2012, 17:11

Unpolitisch brauchen die Mitarbeiter ja nicht zu sein aber objektiv und wie die Geschlossenheit quer durch alle Parteien im Aufstand gegen den politischen Postenschacher zeigt, sind sie das auch. Jedenfalls gebührt allen Beteiligten Respekt.

alexander lukacs
00
20.1.2012, 13:13

Auf die Gefahr hin, dass ich den Sarkasmus übersehen hätte: politisch denken ist etwas ganz anderes als Apparatschik.

-joB
00
23.1.2012, 21:00
Dann bitte nenne man es so

V. S.
02
20.1.2012, 11:08
>Und es war auch unglaublich ungeschickt von Wrabetz

"Ungeschickt" ist nicht das richtige Wort.
Leute, wie dieser GI meinen sich alles erlauben zu können, was impliziert, dass es auch keines "geschickt seins" bedarf.

Sie haben auch recht.
Betreffs hier ist es ALLEINE der ORF-Belegschaft zu verdanken, dass der GI auf den Legalitätsboden gezwungen wurde.

Betreffs der Megakorruption, die das ganze Land im Würgegriff hat, ist die "normale" Bevölkerung, also Frau und Herr SouveränIn gefordert endlich ihre Hintern zu heben.

zeitfuchs
32
20.1.2012, 09:59
die logische Konsequenz

aus dem ORF-Debakel: Privatisierung mit gleichzeitiger Abschaffung der Zwangsgebühren. Und bitte: unverzüglich!

tobidammit
04
20.1.2012, 10:57

immer wieder diese Privatisierungsvorschläge... damit der ORF ein zweites RTL wird, dass sich um Inhalte garnichts mehr schert. billige Produktion für gute Quoten. das kann doch nicht das Ziel sein.

wenn schon, dann höchstens Teilprivatisieren (ORF1) und dafür ORF 2 und 3 ausbauen, auf das Niveau von Zdf, Ard, + deren Kulturkanäle samt Mediathek(!)

zeitfuchs
00
20.1.2012, 12:10
...damm it.

immer wieder diese Zurufe von außen...

StringerBell
01
20.1.2012, 12:09

naja, manche haben halt gern einfache antworten...
wenn der ORF dem styria verlag gehört ist er dann sicher ur unpolitisch...^^ facepalm

Ein Staat ohne öff.rechtl. RF ist auf dem besten Weg in die komplette Tyrannei der Murdochs, Berlusconis, Fox-News und anderer...

zeitfuchs
00
20.1.2012, 12:20
was soll dieses Argument?

diese Tyrannei haben wir doch schon. Wenn die Time Warners, Disneys etc. nicht wollen gibt's doch keinen einzigen Spielfilm oder John Wayne im ORF-Programm, dann bleibt uns Österreichern maximal ein Unterhaltungsprogramm à la MA 2412. Erpressung ist doch die täglich gelebte Realität im internationalen Entertainment Business.

Flann O'Brien.
02
20.1.2012, 09:01

Mich würden Völkers Kriterien für "Tüchtigkeit" interessieren. Ein Schmalspurstudium zu absolvieren und mit politischer Rückendeckung nach oben zu fallen, gehört in meiner Welt nicht zur Tüchtigkeit.

Thegoodshepherd
00
20.1.2012, 12:27
Danke und bravissimo für Ihren Kommentar!!!!

site:°~+*-||!#.\>
44
20.1.2012, 00:46
ORF-Kuschel-Kommentar – will der Völker einen Job beim ORF?

"Er ist tüchtig": Blödsinn, ein Kind aus einer derart wohlhabenden Familie studiert was Vernünftiges (Physik, Medizin, Nachrichtentechnik, u.dgl.) und arbeitet was Produktives.

"Der ORF geht aus dieser Auseinandersetzung gestärkt hervor": Quatsch, nach dem Skandal ist wohl jedem klar, dass der ORF ein Parteifreunderlsumpf ist, der abgeschafft gehört.

"Darum ist der Sieg der Belegschaft": Unsinn, das ist ein Sieg der Boulevard-Zeitungen und empörter Bürger, und der Beweis, dass kritische Zeitungen viel in dieser Bananenrepublik bewegen könnten.

Unerwähnt bleibt, dass die charakterlose Belegschaft (Wolf, Rafreider & Co) nun Wrabetz wieder bewundernd in den Allerwertesten kriecht.

Und die Posten-Ausschreibung einfach abgesagt wurde.

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