Finnlands brütende Bühnenhelden

19. Jänner 2012, 18:01
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Das Baltic Theatre Festival ist nicht nur ein Treffpunkt für Theater aus dem Norden

Die Finnen haben keinen Strindberg, egal, sie haben ja Aki Kaurismäki. Ha! Dem Filmregisseur gilt zwar jede Sympathie, doch ist das noch kein Armutszeugnis für das zeitgenössische finnische Theater. Dieses hat genau aus dem scheinbaren Defizit, aus dem Fehlen einer höfischen Tradition, die etwa das deutschsprachige Stadttheater bis heute prägt, seine ganz eigene Kraft gezogen.

Heute, in Zeiten boomender Performancekunst und der Notwendigkeit an schnell ein- und auspackbaren Tournee-Werken, kann Finnland auf eine gut entwickelte Szene blicken. "Bei 5,2 Millionen Menschen haben wir 3,5 Millionen verkaufte Tickets pro Jahr", zeigt sich Jukka Hyde Hytti stolz; er ist Chefproduzent des Theaterverbands Tinfo, der über 120 professionelle Theater vertritt. Auch durch das finnische Nationaltheater Kansallisteatteri weht mit dem neuen Intendanten Mika Myllyaho frischer Wind. Ein Musiktheater wie Homo! - über die zukünftigen Folgen der Diskriminierung gleichgeschlechtlicher Partner - wäre in Österreich an so exponierter Adresse wohl nicht möglich.

Finnlands derzeit bekannteste Theatermacher sind Nya Rampen (demnächst bei den Wiener Festwochen) und Kristian Smeds, der mit außerformatigen Großproduktionen seit zwei, drei Jahren auch das südlichere Europa bereist: Im Vorjahr war er mit einem radikalen Openair-Kirschgarten in Wien. Die Anknüpfungspunkte mit dem deutschsprachigen Theater sind - bis auf Bertolt Brecht, der im finnischen Exil mit Hella Wuolijoki den Puntila schrieb - gering. Doch Gegenwartsautoren wie Werner Schwab, Roland Schimmelpfennig oder Jelinek stoßen auf Interesse. Besser ist die Schwermut der Nordländer aber mit der russischen Literatur kompatibel.

Zum Austausch mit Theaterschaffenden nicht nur im baltischen Raum wurde vor elf Jahren das Baltic Circle Festival in Helsinki gegründet; seit 2007 findet es jährlich statt. Auf einer Handvoll Bühnen quer durch Helsinki verteilt (besonders produktiv und syn-ergetisch erschien dabei das in einer alten Fabrik neu etablierte Performance Center nahe der nördlichen Stadtautobahn) waren bei der Ausgabe im vergangenen November neben finnischen und norwegischen Produktionen die österreichischen Performer Doris Uhlich und Oleg Soulimenko die Highlights.

Nun blickt umgekehrt das Wiener Koproduktionshaus Brut auf die Anrainerstaaten der baltischen See und zeigt in der Reihe Baltic Games u. a. die Produktion Two in Your House der russischen Offbühne Teatr.doc aus Moskau (24.-26. 1., Reportage siehe Artikel oben). Das Dokumentartheater erzählt die Geschichte des weißrussischen Dichters und Oppositionspolitikers Vladimir Neklyaev, der 2010 neben Alexander Lukaschenko als Präsidentschaftskandidat antrat. Am Tag der Wahl kam es zu Zusammenstößen, Neklyaev wurde zusammengeschlagen und unter Hausarrest gestellt.

Die Inszenierung von Talgat Batalov thematisiert die Überwachung und den im Eigenheim ausgeübten Terror des KGB, bleibt in der Darstellung der Koabhängigkeiten zwischen Ehepaar und Wachpersonal aber undemagogisch und kühn, gar witzig. Die absurd wirkende Platznot dieser unfreiwilligen "Wohngemeinschaft" lässt die Methoden der Regierung schlichtweg als affig erscheinen: Theater als Erhebung.   (Margarete Affenzeller aus Helsinki  / DER STANDARD, Printausgabe, 20.1.2012)

  • "Two in Your House" des Moskauer Teatr.doc.
    foto: oleg shakirov

    "Two in Your House" des Moskauer Teatr.doc.

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