Das Baltic Theatre Festival ist nicht nur ein Treffpunkt für Theater aus dem Norden
Die Finnen haben keinen Strindberg, egal, sie haben ja Aki Kaurismäki.
Ha! Dem Filmregisseur gilt zwar jede Sympathie, doch ist das noch kein
Armutszeugnis für das zeitgenössische finnische Theater. Dieses hat
genau aus dem scheinbaren Defizit, aus dem Fehlen einer höfischen
Tradition, die etwa das deutschsprachige Stadttheater bis heute prägt,
seine ganz eigene Kraft gezogen.
Heute, in Zeiten boomender Performancekunst und der Notwendigkeit an
schnell ein- und auspackbaren Tournee-Werken, kann Finnland auf eine gut
entwickelte Szene blicken. "Bei 5,2 Millionen Menschen haben wir 3,5
Millionen verkaufte Tickets pro Jahr", zeigt sich Jukka Hyde Hytti
stolz; er ist Chefproduzent des Theaterverbands Tinfo, der über 120
professionelle Theater vertritt. Auch durch das finnische
Nationaltheater Kansallisteatteri weht mit dem neuen Intendanten Mika
Myllyaho frischer Wind. Ein Musiktheater wie Homo! - über die
zukünftigen Folgen der Diskriminierung gleichgeschlechtlicher Partner -
wäre in Österreich an so exponierter Adresse wohl nicht möglich.
Finnlands derzeit bekannteste Theatermacher sind Nya Rampen (demnächst
bei den Wiener Festwochen) und Kristian Smeds, der mit außerformatigen
Großproduktionen seit zwei, drei Jahren auch das südlichere Europa
bereist: Im Vorjahr war er mit einem radikalen Openair-Kirschgarten in
Wien. Die Anknüpfungspunkte mit dem deutschsprachigen Theater sind - bis
auf Bertolt Brecht, der im finnischen Exil mit Hella Wuolijoki den
Puntila schrieb - gering. Doch Gegenwartsautoren wie Werner Schwab,
Roland Schimmelpfennig oder Jelinek stoßen auf Interesse. Besser ist die
Schwermut der Nordländer aber mit der russischen Literatur kompatibel.
Zum Austausch mit Theaterschaffenden nicht nur im baltischen Raum wurde
vor elf Jahren das Baltic Circle Festival in Helsinki gegründet; seit
2007 findet es jährlich statt. Auf einer Handvoll Bühnen quer durch
Helsinki verteilt (besonders produktiv und syn-ergetisch erschien dabei
das in einer alten Fabrik neu etablierte Performance Center nahe der
nördlichen Stadtautobahn) waren bei der Ausgabe im vergangenen November
neben finnischen und norwegischen Produktionen die österreichischen
Performer Doris Uhlich und Oleg Soulimenko die Highlights.
Nun blickt umgekehrt das Wiener Koproduktionshaus Brut auf die
Anrainerstaaten der baltischen See und zeigt in der Reihe Baltic Games
u. a. die Produktion Two in Your House der russischen Offbühne Teatr.doc
aus Moskau (24.-26. 1., Reportage siehe Artikel oben). Das
Dokumentartheater erzählt die Geschichte des weißrussischen Dichters
und Oppositionspolitikers Vladimir Neklyaev, der 2010 neben Alexander
Lukaschenko als Präsidentschaftskandidat antrat. Am Tag der Wahl kam es
zu Zusammenstößen, Neklyaev wurde zusammengeschlagen und unter
Hausarrest gestellt.
Die Inszenierung von Talgat Batalov thematisiert die Überwachung und den
im Eigenheim ausgeübten Terror des KGB, bleibt in der Darstellung der
Koabhängigkeiten zwischen Ehepaar und Wachpersonal aber undemagogisch
und kühn, gar witzig. Die absurd wirkende Platznot dieser unfreiwilligen
"Wohngemeinschaft" lässt die Methoden der Regierung schlichtweg als
affig erscheinen: Theater als Erhebung. (Margarete Affenzeller aus Helsinki / DER STANDARD, Printausgabe, 20.1.2012)