Postmigrantisches Erfolgsstück "Verrücktes Blut" erstaufgeführt
Wien - Es bedarf einiger vertrauensbildender Maßnahmen, um eine
Schulklasse von halbstarken Migrantenkindern zur Lektüre von Friedrich
Schiller zu bewegen: Bildungsballast, so lehrt es die Erfahrung, dient
nicht in jedem Fall der interkulturellen Verständigung. Die zierliche
Klassenlehrerin (Karin Yoko Jochum) im Tweedkostüm hat sich der
ästhetischen Erziehung des Menschengeschlechts verschrieben. In
Verrücktes Blut, dem postmigrantischen Erfolgsstück von Nurkan Erpulat
und Jens Hillje, wird der deutsche Idealismus in terroristischen Dosen
an lärmende, ungezogene Türken-Kids verabreicht. Die Pädagogin bittet
mit vorgehaltener Schusswaffe zum improvisierten Bühnenspiel.
Der schillernde Text, mit dessen Erstaufführung die Wiener Garage X ihre
Reihe Pimp my Integration fortsetzte, ist ein echter Anti-Sarrazin. Er
macht Schluss mit einer Reihe von Dominanzvorstellungen, wie sie hier-,
aber auch andernorts durch leitkulturell verseuchte Gehirne spuken.
Immer dann, wenn man glaubt, Verrücktes Blut mache es sich im
Konsensbereich gemütlich und werfe mit Ghetto-Kids-Klischees nur so um
sich, biegt der Text schon wieder um die nächste Ecke. Die Frau Lehrerin
durchläuft in Volker Schmidts feiner Inszenierung ihrerseits ein
pädagogisches Programm: Sie muss um die Zustimmung der
Schutzbefohlenen, denen sie die Knarre vor die Nase hält, auch
leidenschaftlich werben. Selbstgewissheit paart sich mit dem Jammer der
Überforderung: Jochum schafft als schießwütige Frau Professor Kelich
einen hinreißenden Spagat.
Das flennende Klassenzimmer (Austattung: der Regisseur) beherbergt ein
paar eindrucksvolle Typen, die sich auch für die Intonation kerniger
Volkslieder nicht zu gut sind: voran Mustafa Kara als kleinkrimineller
Wohnsilo-Mafioso, dem wie seinen Mitschülern das "Schlampe"-Sagen
gründlich ausgetrieben wird. Was aber bleibet, stiften nicht die
Dichter, sondern die kulturelle Integration! (Ronald Pohl / DER STANDARD, Printausgabe, 20.1.2012)
Termine: 20., 21., 29., 30. 1.