Pianist Valery Afanassiev gastierte in Wien
Wien - Als das Neue Testament der Klaviermusik hat Hans von Bülow
Beethovens 32 Klaviersonaten bezeichnet (das Alte Testament stellte für
ihn Bachs Wohltemperiertes Klavier dar); der finale Dreiklang dieser
Hinterlassenschaft, Opus 109, 110 und 111, residiert im Parnass der
Kompositionen für Klavier.
Valery Afanassiev zählt als Interpret weder zu den braven
Am-Notentext-Klebern noch zu den Virtuosen. Und ein wirklicher
Klangzauberer ist er auch nicht. Es ist die Aura einer Lear'schen
Endnähe, die ihn und seine Sichtweise der Spätwerke umgibt, eine
eigenwillige Mischung aus Versponnenheit und Trotz, aus Innigkeit und
auch aus Ruppigkeit.
Etwas vom Leben Versehrtes haftet ihm an, oft schleicht er, humpelt er
durch deutlich geschwinder zu absolvierende Werkteile. Oft schmiegt er
sich an Motive wie an eine Geliebte, die er womöglich zum letzten Mal
trifft. Die letzte technische Brillanz und Präzision scheinen dem
Gilels-Schüler und Brüssel-Gewinner mit den Jahrzehnten abhandengekommen
zu sein, Sechzehntelläufe werden mit sattem Pedaleinsatz eher
vernuschelt präsentiert (1. Satz op. 111). Und wie unüblich
breitbrüstig, mächtig das nachfolgende Arietta-Thema daherkommt!
Als ein Höhepunkt, weil ideal zu dieser erratischen,
vergrübelt-improvisiert wirkenden Spielart passend, erweist sich das
Adagio ma non troppo des Opus 110: außerhalb der Zeit, außerhalb alles
Irdischen. Den frühlingsmilden, wiegenden Beginn der E-Dur-Sonate
präsentiert der in Paris lebende, 64-jährige Russe schwerfällig-pastos,
bald lässt eine Marotte des Mittsechzigers zum ersten Mal aufhorchen:
Übergänge, die fast bis zum Stillstand zerdehnt werden.
Vor gut zwölf Monaten hatte Till Fellner an derselben Stelle dieselben
Werke gespielt: klassisch, ausgewogen, fast tadelhaft tadellos. Es wären
zahlreiche Dinge, die an Valery Afanassievs Spiel schulmeisterlich zu
bekritteln wären, und doch: Es blieb hiervon mehr haften im Gemüt.
Bescheidener, zum Ende wärmender Applaus. (Stefan Ender / DER STANDARD, Printausgabe, 20.1.2012)