Konzerthaus

Das Testament des König Lear

19. Jänner 2012, 18:08
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    foto: wiener konzerthaus

    Valery Afanassiev.

Pianist Valery Afanassiev gastierte in Wien

Wien - Als das Neue Testament der Klaviermusik hat Hans von Bülow Beethovens 32 Klaviersonaten bezeichnet (das Alte Testament stellte für ihn Bachs Wohltemperiertes Klavier dar); der finale Dreiklang dieser Hinterlassenschaft, Opus 109, 110 und 111, residiert im Parnass der Kompositionen für Klavier.

Valery Afanassiev zählt als Interpret weder zu den braven Am-Notentext-Klebern noch zu den Virtuosen. Und ein wirklicher Klangzauberer ist er auch nicht. Es ist die Aura einer Lear'schen Endnähe, die ihn und seine Sichtweise der Spätwerke umgibt, eine eigenwillige Mischung aus Versponnenheit und Trotz, aus Innigkeit und auch aus Ruppigkeit.

Etwas vom Leben Versehrtes haftet ihm an, oft schleicht er, humpelt er durch deutlich geschwinder zu absolvierende Werkteile. Oft schmiegt er sich an Motive wie an eine Geliebte, die er womöglich zum letzten Mal trifft. Die letzte technische Brillanz und Präzision scheinen dem Gilels-Schüler und Brüssel-Gewinner mit den Jahrzehnten abhandengekommen zu sein, Sechzehntelläufe werden mit sattem Pedaleinsatz eher vernuschelt präsentiert (1. Satz op. 111). Und wie unüblich breitbrüstig, mächtig das nachfolgende Arietta-Thema daherkommt!

Als ein Höhepunkt, weil ideal zu dieser erratischen, vergrübelt-improvisiert wirkenden Spielart passend, erweist sich das Adagio ma non troppo des Opus 110: außerhalb der Zeit, außerhalb alles Irdischen. Den frühlingsmilden, wiegenden Beginn der E-Dur-Sonate präsentiert der in Paris lebende, 64-jährige Russe schwerfällig-pastos, bald lässt eine Marotte des Mittsechzigers zum ersten Mal aufhorchen: Übergänge, die fast bis zum Stillstand zerdehnt werden.

Vor gut zwölf Monaten hatte Till Fellner an derselben Stelle dieselben Werke gespielt: klassisch, ausgewogen, fast tadelhaft tadellos. Es wären zahlreiche Dinge, die an Valery Afanassievs Spiel schulmeisterlich zu bekritteln wären, und doch: Es blieb hiervon mehr haften im Gemüt. Bescheidener, zum Ende wärmender Applaus.  (Stefan Ender / DER STANDARD, Printausgabe, 20.1.2012)

michel maik
00
20.1.2012, 16:05
Am Ende doch ein aussergewöhnliches Konzert!

Vor der Pause schien es mir schon recht uneinheitlich, zwar viele schöne Momente, aber immer wieder auch anscheinend technische Probleme, die die beabsichtigte Agogik zu hindern schienen und Inkohärenz verursachten.
Aber nach der Pause, die letzte Sonate (op 111), das war - für mich - schon eine richtig gute, große Interpretation aus einem Guss, und also ein Erlebnis.
Der Applaus am Ende war auch mehr als bloß "erwärmend", sondern begeistert und lang anhaltend!

WFL1
00
20.1.2012, 13:41
Die Aura des What-might-have-been

Afanassiev zählte in den 70ern und frühen 80ern zu den Top-Anwärtern auf den Thron von Gilels/Richter. Er war im engen Kreis der "Titelanwärter". Aber er hat es nicht geschafft, im Gegenteil: Er zog sich zurück ins Selbst-Exil (mit Pseudoaktivitäten wie Romaneschreiben und Weinsammeln). Sein Klavierabend war somit eine Wiederbegegnung mit einer Beinahe-Legende, 30 Jahre später. Und sein Konzert war - richtig, Hr. Ender - bemerkenswert. Trotz mancher Schwächen brach immer wieder faszinierende Interpretationskunst durch (2. Satz op. 111). Afanassiev ist, trotz seines Rückzuges, ein Großer geblieben.

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