Gemischte Reaktionen in Ungarn auf Premier-Rede
Der Auftritt des rechtspopulistischen ungarischen Ministerpräsidenten
vor dem EU-Parlament wurde in seiner Heimat geteilt aufgenommen. Victor
Orbán habe "Ungarn erneut gegen den Angriff der internationalen Linken
verteidigt", jubelte Gabriella Selmeczi, die Sprecherin der von Orbán
geführten Regierungspartei Fidesz, am Mittwochabend in Budapest.
Die grüne Oppositionspartei LMP beschuldigte den Premier eines
"doppelten Spiels". Gegenüber EU-Kommissionspräsident José Manuel
Barroso habe Orbán Verhandlungsbereitschaft gezeigt, während er im
Europaparlament "weiterhin eine harte Linie fuhr", erklärte
Vize-Fraktionschef Benedek Jávor. Ausbaden müssten das die Bürger, weil
sie den dadurch bewirkten Verlust des Anlegervertrauens am eigenen
Geldbeutel zu spüren bekämen.
Vielen Ungarn, die die Debatte am Mittwoch live über das Internet
verfolgten, fiel auf, dass die Sprache des Orbán-Lagers oft schlicht
nicht ins "Europäische" übersetzbar war. Als etwa der Regierungschef
seine letzte Replik mit den Worten einleitete: "Europa wird entweder
christlich sein, oder es wird nicht sein", wies ihn der
sozialdemokratische Parlamentspräsident Martin Schulz in seiner
Eigenschaft "als Katholik" in die Schranken: "Europa wird entweder
pluralistisch sein, oder es wird nicht sein."
Spindelegger in Budapest
Am Freitag reist der österreichische Außenminister Michael
Spindelegger in die ungarische Hauptstadt. Geplant seien Gespräche mit
Orbán und seinem Außenminister János Martonyi, hieß es am Donnerstag.
Über die Inhalte wurde zunächst nichts verlautbart. (DER STANDARD-Printausgabe, 20.01.2012)