Mit jedem Lebensmittelskandal wächst der Zuspruch des deutschen Konsumenten zu österreichischer Ware
Keine Grüne Woche ohne handfesten deutschen Lebensmittelskandal. Heuer sind es die in den letzten Wochen auf Hühnerfleisch gefundenen antibiotikaresistenten Keime, die auf der weltgrößten Lebensmittelmesse für Aufregung sorgen. Deutsche Verbraucherzentralen fordern, dass die deutsche Lebensmittelüberwachung mehr Biss bekommt, Massentierhaltung strengeren Regeln unterworfen und der Biolandbau mehr ausgebaut wird.
Mit jedem Lebensmittelskandal wachse der Zuspruch des deutschen Konsumenten zu österreichischer Ware, berichtet Stefan Mikinovic, Geschäftsführer der AMA Marketing. Um rund drei Milliarden Euro, plus 11,4 Prozent, gingen im Vorjahr österreichische Wurst-, Schinken und Speckwaren sowie Käse und Milchprodukte nach Deutschland. Damit gehen rund ein Drittel der agrarischen Exporte nach Deutschland. Das traditionelle Handelsbilanzdefizit bei Lebensmitteln ist 2011 auf 0,4 Milliarden Euro geschrumpft und sollte in zwei, drei Jahren Geschichte sein. Der größte Exportschlager hat freilich mit Agrar wenig zu tun: Er heißt Red Bull; um rund eine Milliarde Euro wird das Getränk allein in Deutschland verkauft.
"Jede Lebensmittelkrise hilft uns natürlich, wenn wir nicht betroffen sind", sagt der AMA-Chef. Hilfreich sei auch, dass sich wegen der vergleichsweisen Kleinteiligkeit von Landwirtschaft und Verarbeitung Kontrollen leichter durchführen lassen. So kam es auch zu einem Plus bei Frischgemüse, und dies trotz Ehec-Infektion. Die Exporte wuchsen um satte 31 Prozent - wohl wegen oder trotz einer Brüsseler Vermarktungshilfe von 2,2 Millionen Euro an Österreichs Gemüsebauern.
Nicht so gut lief es bei Eiern. Sowohl Deutschland als auch Österreich haben früher als von der EU vorgeschrieben auf alternative Haltungsformen umgestellt und die Produktion von Alternativeiern ausgebaut. Dieses Verbot der Legehennen-Käfighaltung macht sich nun in der Statistik bemerkbar. Eierexporte Richtung Deutschland gingen 2011 um 21,3 Prozent zurück.
Doch Skandale hin oder her, Österreich importiert noch immer mehr Geflügel aus Deutschland als umgekehrt Allerdings stieg der Export an Geflügelfleisch 2011 um 17 Prozent auf knapp 30.000 Tonnen bzw. knapp 80 Mio. Euro.
Die Eurokrise wird den Preisdruck verstärken, so der Experte. Besonders in Deutschland, aber auch in Österreich wird Geschäft zu den Diskontern wandern. (Johanna Ruzicka, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 20.1.2012)