Die Frau als Prestigeobjekt und Beweis der Heterosexualität

Interview20. Jänner 2012, 07:19
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Der WKR-Ball sei für die Burschenschafter ein wichtiges Signal, um ihre Männlichkeit zu betonen, meint der Rechtsextremismus-Experte Yves Müller

Der alljährliche Ball des Wiener Korporationsrings (WKR) sei für die Burschenschafter eine wichtige Institution, um "Frauen als Prestigeobjekt vor sich herzutragen" und zu "beweisen, dass man heterosexuell ist", sagt Rechtsextremismusforscher Yves Müller. Der Mitarbeiter des Vereins für demokratische Kultur hat sich auf Männlichkeitsbilder in der extremen Rechten spezialisiert. Die vermeintliche "Bedrohung durch den Feminismus" habe in den rechtsextremen Ideologien in den letzten Jahrzehnten an Bedeutung gewonnen, sagt er im Gespräch mit derStandard.at.

derStandard.at: Beim WKR-Ball in der Hofburg sind die sonst strammen Männerbünde einmal nicht unter sich, sondern begehen die Ballnacht mit weiblicher Begleitung. Wie wichtig ist so ein "gemischter" Event für schlagende Verbindungen?

Yves Müller: Gerade bei Burschenschaften haben Frauen ja eine Rolle als Anhängsel, sie können nie Teil dieser Gemeinschaft werden. Die Frau wird als Prestigeobjekt vor sich hergetragen, damit man als Mann beweisen kann, dass man nicht nur stark ist und viel Alkohol verträgt, sondern auch heterosexuell ist. Das muss natürlich immer bewiesen werden, gerade in einem Männerbund wie den Burschenschaften – in einer Gemeinschaft, wo nur Männer unter sich sind. Da besteht ja aus rechter Sicht immer die Gefahr, dass das in irgendeiner Form "schiefgeht". Das war schon im Nationalsozialismus so, dass dieser "Vorwurf" der Homosexualität erhoben wurde, sobald reine Männervereine unterwegs waren.

derStandard.at: Überspitzt gesagt: Einmal im Jahr ziehen die Männerbünde in die Hofburg, um der Welt zu sagen: "Wir sind nicht schwul"?

Müller: Ja, überspitzt könnte man das so sagen. Dazu kommt, dass bei der Hitlerjugend die homoerotische Komponente zum Teil stark ausgeprägt war – und genau das muss ein rechter Mann sehr stark von sich weisen. Deswegen sind Frauen in allen Männerbünden nie gänzlich verschwunden, sondern sind immer da – als passive Zuschauerinnen, als Spiegelbild der Heterosexualität.

derStandard.at: Was ist das für ein Männlichkeitsbild, das rechte Männer miteinander teilen?

Müller: Eines, das auf einer sehr starken Aufteilung zwischen Mann und Frau basiert. Es stellt den Mann als stark dar, als denjenigen, der für Familie und Volksgemeinschaft zu sorgen hat, der aber auch ständig bedroht wird – beispielsweise vom Feminismus. Diese Bedrohungsszenarien werden benötigt, um das eigene Männlichkeitsgefühl zu stärken. Es wird also eine Bedrohung konstruiert, um dann zu sagen: Bei uns wird das Bild des starken, soldatischen Mannes noch gelebt.

derStandard.at: Wenn der rechte Mann angeblich so stark ist, warum fühlt er sich vom Feminismus bedroht?

Müller: Genau da zeigen sich die Widersprüche dieses Männlichkeitsbilds. Einerseits pflegen sie ein sehr altes, traditionelles Bild und tun so, als sei dieses Bild unerschütterlich – und gleichzeitig muss auch dieses Bild immer neu verhandelt werden. In Deutschland musste sich dieses Bild ja auch wegen der Niederlage des Nationalsozialismus und des Zweiten Weltkriegs stark verändern.

derStandard.at: Wie wirkte sich die Niederlage im Zweiten Weltkrieg auf das Männlichkeitsbild der deutschen Rechten aus?

Müller: Durch die Niederlage wurde das Bild des soldatischen Mannes brüchig. Genau dieses Bild ist aber das tragende Bild im Rechtsextremismus, auch heute noch.

derStandard.at: Auf Bildern vom WKR-Ball sieht man neben jungen Männern zahlreiche bierselige, behäbige Herren mit schütterem Haar – wie geht das mit dem soldatischen Ideal zusammen?

Müller: Das sind dann wohl die Alten Herren, aber die waren ja auch mal jung und haben eine Zeit lang dieses Bild gelebt. Aber natürlich gibt es auch Widersprüche – einerseits gibt es das Bild des disziplinierten Mannes, und andererseits gehen die Treffen der Burschenschafter mit massivem Alkoholkonsum einher. Trotzdem gibt es gleichzeitig so etwas wie die männliche Askese im Rechtsextremismus. Es gibt zum Beispiel Neonazis, die sich vegan ernähren und keinen Alkohol zu sich nehmen. Gemeinsam ist allen, dass sich Neonazis ihre Männlichkeit sehr stark über den Körper konstruieren: Man muss den eigenen Körper stark halten – den individuellen Körper, aber auch den männlichen Körper als Kollektiv, als Teil des ganzen Volkskörpers.

derStandard.at: Der Kampf gegen Gender Mainstreaming nimmt mittlerweile viel Raum in rechtsextremen Ideologien ein, auch Anders Breiviks Manifest widmete dem Thema viel Platz. Warum ist das so?

Müller: Alte, traditionelle Männlichkeitsbilder sind brüchig geworden, und der vermutlich größte Bruch war die Zweite Frauenbewegung. Die männliche Autorität wurde zunehmend in Frage gestellt. Dadurch fühlen sich Männer aus rechten Zirkeln besonders genötigt, ihr eigenes Männerbild immer wieder neu zu reproduzieren. Das funktioniert am besten über Feindbilder: wenn man Feindbilder wie Feminismus oder Political Correctness schafft, wenn man so tut, als gebe es da Tabus in der Gesellschaft, gegen die man nicht vorgehen dürfe. Über diese konstruierten Bedrohungen lässt sich das eigene Männerbild gut stärken.

derStandard.at: Auch im Mainstream hört man immer öfter die Behauptung, dass Buben zu kurz kämen, dass es eine "Gleichmacherei" gebe, die nur den Mädchen nütze und den Buben schade.

Müller: Es gab in den letzten 15 Jahren eine Art Rückschlag in den Errungenschaften der Frauenbewegung. Die Feministinnen hatten gewisse Themen aufs Tableau gesetzt, die nun wieder verdrängt werden – und es gibt in breiten Kreisen der Gesellschaft das Denken, dass es "jetzt auch einmal genug" sei, dass man sich um Buben kümmern müsse, da diese die schlechteren Schulnoten einfahren würden. Was dabei übersehen wird, ist, dass Mädchen zwar öfter höhere Schulen abschließen als Buben – aber Frauen sind im Berufsleben trotzdem stark benachteiligt, sie verdienen viel weniger und haben schlechtere Aufstiegschancen.

derStandard.at: Vertragen rechtsextreme Männer weibliche Führungsfiguren?

Müller: Da hat sich in den letzten 20 Jahren wohl etwas getan – das ganz starre Bild der Frau als Heimchen am Herd war auch bei den Rechtsextremen nicht mehr zu rechtfertigen. Aber es sind ja nur sehr vereinzelt Frauen, die es schaffen, und wir sehen bei Alessandra Mussolini oder Marine Le Pen, dass sie den Nachnamen eines mächtigen Mannes tragen müssen, um etwas zu werden. Und wenn sie keinen bekannten Namen haben, dann ist es schon auch ein Kampf gegen Männer. In der NPD ziehen Frauen, die sich allzu sehr gegen die Ausgrenzung durch männliche Kollegen wehren, schnell den Kürzeren. Die Hauptaufgabe der Frauen in der Volksgemenischaft liegt darin, für Nachwuchs zu sorgen, den Erhalt der Gemeinschaft zu sichern.

derStandard.at: Im neofaschistischen Portal "Altermedia" wird das sogenannte "Weichei-Syndrom" bei Männern skizziert, das angeblich "durch die übertrieben pazifistische Weltanschauung der Bildungseinrichtungen stark begünstigt wird. Alles wird heute psychologisiert, problematisiert und 'verstanden', anstatt Verantwortungsbewusstsein, Maßhalten in allen Dingen, aber auch Verteidigungsbereitschaft und Selbsterziehung zu demonstrieren." Warum wollen Rechtsextreme nicht verstanden werden?

Müller: Rechtsextreme Erziehung lebt davon, dass Jungen und Mädchen in vorgefertigte Rollen gezwungen werden. In rechtsextremen Familien geht es weniger darum, die Kinder so gut wie möglich zu erziehen, sondern darum, diese Kinder als Teil der Volksgemeinschaft aufzubauen. Das kann man auch gut beobachten, wenn diese Töchter und Söhne in den Kindergarten oder in die Schule kommen – die Erzieherinnen sind da total hilf- und ratlos, weil man an diese Kinder selbst im Kleinkindalter gar nicht mehr herankommt, weil sie dermaßen indoktriniert sind. In Ostdeutschland gibt es da ganze Bauernhöfe, auf denen diese homogenen Gemeinschaften zusammenleben – unter fünf Kindern geht's da meist nicht.

derStandard.at: Nicht nur der Mann darf nicht "verweichlicht" werden, sondern auch die Gesellschaft – etwa durch "zu viel" Staat und Sozialpolitik.

Müller: Ja, die Sozialpolitik ist den Rechtspopulisten ein Dorn im Auge, weil durch sie ja die sogenannten "nutzlosen Esser" gefördert werden. Darum gibt es bei rechten Parteien auch immer wieder Vorschläge, Arbeitslose in eine Art Zwangsarbeitssystem zu schicken. Da zeigt sich auch ein Unterschied zwischen Neonazis und NPD auf der einen Seite und dem Rechtspopulismus auf der anderen Seite: Während Neonazis auch die Unterschicht ansprechen, zielt der Rechtspopulismus auf den breiten Mittelstand ab. Das sind ja keine Modernisierungsverlierer, sondern das sind relativ gut abgesicherte BürgerInnen, die Angst vor einer sozialen Deklassierung haben. Und diese Angst war in der Geschichte schon immer das zentrale Motiv, warum rechtspopulistische Parteien gewählt wurden. Es heißt: "Wir wollen nicht mehr für die Armen bezahlen." Und wie man an der Griechenland-Debatte gesehen hat, gilt das nicht nur im Land, sondern auch in der internationalen Politik. (Maria Sterkl, derStandard.at, 19.1.2012)

Yves Müller

ist freier Mitarbeiter des Vereins für demokratische Kultur in Berlin. Seine Arbeits- und Forschungsschwerpunkte sind Nationalsozialismus und Männlichkeit, neuere deutsche Geschichte sowie Rechtsextremismus. Er ist Mitherausgeber des Bands "Was ein rechter Mann ist ... Männlichkeiten im Rechtsextremismus", der 2010 im Karl Dietz Verlag Berlin erschienen ist.

  • "Der rechte Mann fühlt sich ständig bedroht - beispielsweise vom Feminismus": Yves Müller.
    foto: derstandard.at/mas

    "Der rechte Mann fühlt sich ständig bedroht - beispielsweise vom Feminismus": Yves Müller.

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