Wien-Mariahilf

Gehörlose Lehrlinge: Wenn sich Apotheker gebärden

Bianca Blei, 23. Jänner 2012, 05:57
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    Die MitarbeiterInnen in der Marienapotheke waren von Anfang an von den gehörlosen Lehrlingen begeistert.

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    David Iberer ist der erste gehörlose pharmazeutisch-kaufmännische Assistent in der Geschichte der österreichischen Pharmazie.

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    Der 18-jährige Tolga Korkmaz ist nun im zweiten Lehrjahr.

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    Karin Simonitsch wollte mit der Einstellung von David eigentlich nur einem Freund einen Gefallen tun.

Österreichs erster gehörloser Apotheker in der Wiener Marienapotheke zwang die MitarbeiterInnen zum Umdenken

"Tolga!", ruft die junge Frau durch die Apotheke und öffnet eine Türe. Doch Tolga wird auf die Rufe nicht reagieren. Das weiß auch die junge Frau, doch es sei eben Angewohnheit, nach Leuten zu rufen. Der 18-jährige Tolga Korkmaz ist Lehrling in der Apotheke und gehörlos. Als seine Kollegin die Hand auf seine Schulter legt, dreht er sich um und lächelt. Die Inhaberin der Marienapotheke im sechsten Wiener Gemeindebezirk, Karin Simonitsch, verlangt nach ihm.

Während des Sprechens formt Simonitsch die Worte mit ihren Lippen und blickt den jungen Mann dabei ständig an. Langsam und deutlich sagt sie, was sie von ihm möchte. So fällt es Tolga leichter, von ihren Lippen zu lesen. Schließlich antwortet er mit einer Mischung aus Gebärden und gesprochener Sprache. Man versteht sich. Aber das war nicht immer so.

Ein Gefallen für einen Freund

Bereits 2007 stellte Simonitsch den ersten gehörlosen Lehrling in ihrer Apotheke ein und wollte damit eigentlich nur einem Freund einen Gefallen tun. Dessen Sohn David Iberer war wegen einer Fehlmedikation während der Schwangerschaft ohne ausgebildeten Hörnerv zur Welt gekommen. Beide Elternteile sind allerdings hörend und machten sich Sorgen um die Zukunft des Burschen. Deshalb versprach ihm Simonitsch eine Lehrstelle und hielt Wort. 2010 bestand der heute 22-jährige David seine Lehrabschlussprüfung und ist somit der erste gehörlose pharmazeutisch-kaufmännische Assistent in der Geschichte der österreichischen Pharmazie. 

Aufgrund seiner hörenden Eltern lernte David allerdings die Gebärdensprache nur rudimentär. Und auch logopädische Behandlungen verhalfen ihm nicht zu einer deutlichen Lautaussprache. Deshalb hatte er es in der Berufsschule besonders schwer. Für den Frontalunterricht bekam er zwar einen Dolmetscher des Bundessozialamts zur Verfügung gestellt, doch konnte er auch diesem nicht folgen. Seine Mutter begleitete ihn daher zu den Schulstunden und führte seine Mitschrift.

Gebärdensprachkurs

Eine Verbesserung für Davids Kommunikationsfähigkeiten hat sich auch ergeben, seit Tolga im Jahr 2010 ebenfalls eine Lehre in der Apotheke begonnen hat. "Die beiden helfen sich gegenseitig, und Tolga lehrt ihn auch ein wenig Gebärdensprache", sagt Simonitsch.

Gebärden mussten auch die MitarbeiterInnen der Apothekenleiterin lernen. Deshalb wurde mit der Einstellung von David ein Kurs in Gebärdensprache begonnen. Die KollegInnen seien auch von Beginn an von dem Plan, gehörlose Lehrlinge auszubilden, begeistert gewesen: "Die beiden sind eine Bereicherung für das Team und hochintelligent", so Simonitsch.

Kundenkontakt

Zu Beginn war es dennoch eine Umstellung für die MitarbeiterInnen. "Wenn man normalerweise einem Lehrling etwas neu erklärt, dann macht man es und spricht dabei", sagt Simonitsch. Mittlerweile hätten sich alle daran gewöhnt, zuerst etwas herzuzeigen und erst danach den Hintergrund zu erklären. Es passiere auch nicht mehr so oft, dass einem der beiden jungen Männer nach einem Gespräch noch einmal hinterhergerufen werde. "Da habe ich mich zu Beginn oft geärgert, weil sie natürlich nicht reagierten und ich nicht daran dachte, dass sie gehörlos sind", gibt die Leiterin zu.

In direktem Kundenkontakt stehen allerdings beide nur selten. Deshalb hofft Simonitsch auf mehr gehörlose Kunden, damit auf der einen Seite David und Tolga mehr Praxis sammeln und auf der anderen Seite die gehörlosen Menschen ihre Probleme und Bedürfnisse ohne Dolmetscher äußern können. Bis dato sind beide überwiegend im Lager und im Labor tätig. Sie helfen bei der Rezeptur, rühren Salben und nehmen Waren entgegen. Dabei seien die jungen Männer konzentrierter als alle anderen bei der Sache, erzählt die Apothekenleiterin, denn "sie werden durch keine Geräusche abgelenkt".

"Freikaufen"

Für die beiden Lehrlinge mussten auch Neuanschaffungen getätigt werden, die finanziell durch das Bundessozialamt unterstützt wurden. So wurde eine Brandmeldeanlage installiert, die auch durch Blinkzeichen vor Feuer warnt. Deshalb leistet Simonitsch auch gerne den verpflichtenden Beitrag von 232 Euro pro Monat an das Sozialamt (siehe "Wissen" am Ende des Texts).

"Freikaufen von einer gesellschaftlichen Verpflichtung", nennt das die Apothekenleiterin. Lehrlinge würden nicht als "begünstigte Behinderte" zählen, da ihr Arbeitsverhältnis nur befristet ist. David hat diesen Status aber nach seiner Lehrabschlussprüfung erreicht. "Ihn werde ich immer behalten", sagt Simonitsch. (Bianca Blei, derStandard.at, 23.1.2012)

Artikelupdate um 13.00 Uhr - letzer Absatz wurde angepasst.

Wissen:

Ausgleichstaxe

Um die Integration behinderter Menschen in den Arbeitsmarkt zu fördern, wurde für das Bundessozialamt der Ausgleichstaxfonds eingerichtet. Das Vermögen des Fonds besteht aus den jährlich eingenommenen Ausgleichstaxen. Unternehmen, die 25 oder mehr Dienstnehmer beschäftigen, sind verpflichtet, auf jeweils 25 Beschäftigte einen begünstigten Behinderten einzustellen (Beschäftigungspflicht). Wenn die Beschäftigungspflicht nicht erfüllt ist, wird dem Dienstgeber vom Bundessozialamt alljährlich für das jeweils abgelaufene Kalenderjahr eine Ausgleichstaxe vorgeschrieben. Diese beträgt derzeit monatlich 232 Euro (Stand 2012) für jede einzelne Person, die zu beschäftigen wäre. (Quelle: Bundessozialamt)

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 55
1 2
Briefmarkenkleber
30
24.1.2012, 19:08
Bumm!

Kronen Zeitung Verbrennungsmobil
 
15
24.1.2012, 08:33

Ich habe eine neue Stammapotheke!

Viva Zapata!
26
23.1.2012, 16:22
Ich nehme sehr selten Medikamente, aber....

ich kenne nun aber die Apotheke wo ich sie kaufen werde (trotz großen Umweg).

schaun Sie...
04
23.1.2012, 16:11
er ist nicht "Österreichs erster gehörloser Apotheker""

sondern der erste PKA.

Viva Zapata!
01
23.1.2012, 16:27

net idipfl-reiten ;)

JazzPianist
10
23.1.2012, 15:49

tolle story.
und nebenbei auch eine gute info, was das bundessozialamt alles so leistet !!!

sonja1978
06
23.1.2012, 13:48

Pharmazeutisch-Kaufmännischer Assistent.
Und das ist auch super.
Aber könnts des bitte ändern?!
Sie ist Apothekerin/Mag.a
und er ist PKA (freut mich außerordentlich, dass die beiden die Chance bekommen und diese scheinbar auch super nutzen).
Bitte Ändern. Danke.

hier sind nur gute menschen online, oder?
02
23.1.2012, 11:28

für mich eine wahre königin der herzen <3

Peter Hammer 06
318
23.1.2012, 09:41
Diese wunderbare Geschichte ....

...lässt mich sogar den durch Mikl-Leitner und Strache verursachten Zorn vergessen.

Odette
18
23.1.2012, 09:29
sowieso eine sehr angenehme Apotheke und

dieses neue Detail macht sie nur sympathischer!

Karl Krammer
02
23.1.2012, 09:27
"Deshalb leistet Simonitsch auch gerne den verpflichtenden Beitrag von 232 Euro pro Monat an das Sozialamt"

wieso sollte die Inhaberin der Marienapotheke einen Ausgleichsbeitrag zahlen, den a) nur Unternehmen mit >= 25 Beschäftigten zahlen müssen (eine Apotheke hat doch nicht so viele Angestellte) und b) ja ohnehin einen Gehörlosen beschäftigt, also gerade deshalb diesen Ausgleichsbeitrag nicht zahlen braucht, sondern im Gegenteil vom Sozialamt gefördert wird?

Protonenzerquetscher
01
23.1.2012, 11:30
Nicht jeder, der den Behindertenpass hat und

einen Grad der Behinderung von min. 50 hat, ist ein "begünstigter Behinderter", denn dies ist ein eigener Bescheid und somit ein zusätzlicher Eintrag im Pass. Doch mit dem Status als "begünstigter Behinderter" gibt ein berufliche Nachteile, auch wenn das Bundessozialamt und die Regierung von diesen Vorteilen schwärmen. Viele gehörlose und schwerhörige Menschen haben diesen Status nicht und wollen es auch nicht haben. Somit zählen diese Menschen (also die diesen Status nicht haben) nicht zum Kreis der "begünstigten Behinderten" und werde somit nicht zur "Behindertenquote" gezählt, was wiederum zu diesen Ausgleichszahlungen führt.

ad vocem
04
23.1.2012, 10:48
Vielleicht weil es vereinzelt doch noch Wirtschaftstreibende gibt ...

... die auch was für soziale Verantwortung über haben?

Abgesehen davon steht ein Teil der Lösung im Kleingedruckten:

"Die beiden gehörlosen Lehrlinge würden nicht als "begünstigte Behinderte" zählen, da in diese Kategorie nur beeinträchtigte Menschen mit einem Behinderungsgrad von mehr als 50 Prozent fallen würden."

Noesis Humanus
02
23.1.2012, 10:47
?

Diese Frage habe ich mir auch sofort gestellt. Sollte die Information richtig sein, dass die Apothekerin diesen Ausgleichsbeitrag tatsächlich leistet, dann müsste das ja einen der nachfolgenden Punkte bedeuten:
- Mitarbeiterzahl >75 (wenn die Annahme zutrifft, dass je 25 Mitarbeiter ein begünstigt Behinderter beschäftigt werden muss)
- Gehörloses zählen nicht als begünstigt Behinderte (was eigentlich ein Wahnsinn wäre?!?)
- Die Dame leistet einen freiwilligen Beitrag - sozusagen als Spende für das Bundessozialamt.

Wie dem auch sei, der Dame gebührt mein voller Respekt und den beiden jungen Männern wünsche ich viel Erfolg in ihrem Beruf!

Leslie Winkle
00
23.1.2012, 10:16
danke...

die letzten 2 absätze verstehe ich auch nicht. vielleicht könnte die autorin das noch klären...

der burli
00
23.1.2012, 09:21
"...da in diese Kategorie nur beeinträchtigte Menschen mit einem Behinderungsgrad von mehr als 50 Prozent fallen würden." - übel. ab 20% bitte!

a q
00
23.1.2012, 10:40

Schaut euch die Zeile genau an:
"Die beiden gehörlosen Lehrlinge würden nicht als "begünstigte Behinderte" zählen, da in diese Kategorie nur beeinträchtigte Menschen mit einem Behinderungsgrad von mehr als 50 Prozent fallen würden"

Sprich sie sind zwar gehörlos aber per Definition nicht mehr als 50% Behinderungsgrad. Und es ist wirklich die Frage ob diese Apotheke nicht schon 25 Beschäftigte braucht.

To post or not to post
05
23.1.2012, 09:35

Der Sinn dieser Grenze ist es, einen Anreiz zu schaffen, auch Menschen mit schwereren Beeinträchtigungen eine Chance auf dem Arbeitsmarkt zu geben. Menschen mit 20% Behinderung gibt es viel mehr, z.B. wird Typ 1 Diabetes meist schon mit 30% Invalidität eingestuft.

Da würden Unternehmen Ihre Verpflichtung erfüllen indem sie dann einfach einen Diabethiker oder andere 20% Beeinträchtigte einstellen, und Rollstuhlfahrer würden durch die Finger schauen.

Yerba Mate
110
23.1.2012, 08:40
Glückwunsch

und Hut ab vor allen Beteiligten!
Schöner Artikel, respektvoll ohne Schönmalerei.

Gerichtlich beeideter Deutschprofessor
 
459
23.1.2012, 06:41
"... und Tolga lehrt ihm auch ein wenig Gebärdensprache..."

Bianca Blei: fragen Sie Tolga doch einmal, ob er Sie auch besseres Deutsch lehren kann.

wiesengarten
01
23.1.2012, 22:11
Echt schlimm wäre gewesen: Tolga lernt ihm Gebärdensprache, aber das steht da nicht.

im Text steht: "Die beiden helfen sich gegenseitig, und Tolga lehrt ihn auch ein wenig Gebärdensprache", sagt Simonitsch.
Wenn man kritisiert, sollte man vorher den Text genau gelesen haben.

Ich habe selbst eine schwerbehinderte Frau eingestellt und nur gute Erfahrungen mit ihr gemacht. Ohne Zuschüsse vom Bundessozialamt.

Die Einstellung von behinderten Menschen ist ein Gewinn für beide Seiten, auch meine KlientInnen haben schon oft gestaunt über die Frau im Rollstuhl, die vollkommen selbständig ist.
Hörgeschädigte Menschen anzustellen ist allerdings wirklich mutig, vielleicht bringt der Artikel Menschen zum Nachdenken es auch zu wagen.

Gerichtlich beeideter Deutschprofessor
 
02
23.1.2012, 23:58
Das habe ich.

"... im Text steht: 'Die beiden helfen sich gegenseitig, und Tolga lehrt ihn auch ein wenig Gebärdensprache', sagt Simonitsch. Wenn man kritisiert, sollte man vorher den Text genau gelesen haben."

Ja, das steht jetzt im Text. Zuvor, als ich meinen Kommentar geschrieben habe, stand dort "ihm".

Manche Poster finden es kleinlich, so etwas zu kommentieren. Mag sein. Schlimmer finde ich, dass die Sprache immer schludriger wird und Fehler immer häufiger werden, weil es allen egal zu sein scheint.
Und weil Journalisten, die starke Multiplikatoren der Sprache sind, ihre Sprache nicht mehr beherrschen. Nicht mehr zu beherrschen brauchen. Weil's anscheinend eh wurscht ist.

Übrigens: "Die beiden helfen einander...", nicht "sich gegenseitig".

Scardanelli
21
23.1.2012, 15:33
ihr kommentar erinnert mich an meinem deutschprofessor...., groß das Wort und KLEIN der Sinn

in der schule der große zampano, außerhalb der gemäuer, eine gerichtlich beeidete Null....

S.Dhalli
 
21
23.1.2012, 14:03
i-tüpfel-reiter!

Peter Hammer 06
24
23.1.2012, 10:38
Zum VERZICHTBAREN gehört hier...

...jede Weisheit eines Deutschprofessors.

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