"Bis zwei Jahre begreifen Kinder nicht, was ein Gefängnis ist"

Interview20. Jänner 2011, 06:15
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Sieglinde König, Psychologin in der Justizanstalt Schwarzau, über Kinder in Haft

derStandard.at: Wie wirkt sich ein Leben in Haft auf die kindliche Entwicklung aus?

Sieglinde König: Das Zusammenwirken von mehreren ungünstigen Bedingungen kann eine negative Auswirkung auf das Kind haben. Zum Beispiel, welche Wirkungsfaktoren die Mutter in Haft gebracht haben: Umwelt, falsche Freunde, Geldnot, Drogengebrauch. Wenn diese negativen Faktoren weiterhin bestehen bleiben - was meistens der Fall ist -, üben diese langfristig einen negativen Einfluss auf das Kind aus.

derStandard.at: Ab wann begreifen Kinder, in welcher Situation sie sich befinden?

König: Diese Frage ist nicht leicht zu beantworten. Sicher ist, dass Kinder bis zum zweiten Lebensjahr nicht begreifen, was ein Gefängnis ist. Ab dem dritten Lebensjahr werden die Außenkontakte wichtig, dazu gibt es allerdings einen Kindergarten. Mit guten Erklärungen wird sich das Kind darauf einstellen, etwa warum Mutter und Kind nicht hinausgehen dürfen, wenn sie wollen.

derStandard.at: Was spricht für die Mitnahme eines Kindes ins Gefängnis?

König: Manchmal wirken sich die Jahre im Gefängnis sogar positiv auf die kindliche Entwicklung aus. Weil die Mutter in Haft kaum Risikofaktoren ausgesetzt ist und weil die Langeweile der Haftsituation zwingend dazu führt, dass sich die Mutter Zeit für ihr Kind nimmt. Wenn das Jugendamt nicht ganz sicher ist, ob eine Kindesabnahme besser für das Kind wäre, ist eine Haftsituation zudem eine gute Möglichkeit, die Mutter-Kind-Beziehung zu beobachten. In Haft wird relativ schnell deutlich, ob die Mutter in der Lage ist, eine gute Beziehung zum Kind herzustellen, und nicht überfordert ist.

derStandard.at: Was können Mütter und Aufsichtspersonal tun?

König: Mütter können möglichst ehrlich und offen Erklärungen für die Situation geben. Das Personal kann eine möglichst ruhige und kindgerechte Atmosphäre schaffen.

derStandard.at: Wie kann ein Leben in Freiheit gelingen?

König: Schwer, nämlich nur dann, wenn ein günstiges Leben in Freiheit für die Mutter vorhanden ist. Aber in Freiheit beginnen die negativen Bedingungen wie Geldnot oder Drogensucht meist von vorne.

derStandard.at: Wie sehen Sie die Gesamtsituation?

König: Viele der Frauen in Haft weisen psychische Störungen bzw. Persönlichkeitsstörungen auf. Das Aufwachsen eines Kindes bei einer persönlichkeitsgestörten Mutter ist schwierig und zieht meist Langzeitfolgen mit sich. Dies findet allerdings auch in Freiheit sehr oft statt, und auch dort bekommen diese Kinder kaum Unterstützung. Daher finde ich prinzipiell die Frage wichtig, ob diese Kinder bei ihren Müttern oder Eltern gut aufgehoben sind - ob in Haft oder in Freiheit. (Susanne Wolf, derStandard.at, 20.1.2012)

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