Zeithistoriker untersucht Sozialstruktur der zwischen 1933 und 1938 vom Dollfuß-Regime Inhaftierten
Wien - Das im Oktober 1933
in Wöllersdorf bei Wiener Neustadt eingerichtete Lager wurde zum Synonym für das System der "Anhaltung" der
Ständestaat-Diktatur (1933-1938). Erstmals wird nun die Sozialstruktur der
Häftlinge empirisch genauer untersucht. In ersten Ergebnissen kommt der Wiener
Zeithistoriker Kurt Bauer dabei zu einem "in der Deutlichkeit überraschenden"
Schluss: Fast 73 Prozent der Inhaftierten waren Nationalsozialisten. Jene
Ständestaat-Opfer, die sich für ein unabhängiges und demokratisches Österreich
eingesetzt hatten, wurden durch den gestrigen Beschluss des "Aufhebungs- und
Rehabilitierungsgesetz" im Nationalrat nun rehabilitiert.
Die Möglichkeit der "Anhaltung" ohne richterlichen Befehl und auf bloßen
Verdacht hin wurde in Österreich am 23. September 1933 geschaffen. Bauer, dessen
von Jubiläumsfonds der Nationalbank und Zukunftsfonds der Republik gefördertes
Projekt noch im Laufen ist, hat die Daten von 11.500 Personen ermittelt, die in
Wöllersdorf und anderen Lagern, aber auch in Polizeigefängnissen und Arresten
"angehalten" wurden. Er geht aber von insgesamt rund 12.000 bis 14.000
Anhaltehäftlingen aus. Davon entfallen 72,79 Prozent auf Nationalsozialisten und
27,21 Prozent auf Sozialdemokraten und Kommunisten.
Reaktion auf "Juli-Putsch" 1934
Dieser deutliche Überhang nach rechts lässt sich, so Bauer, als Reaktion auf den nationalsozialistischen "Juli-Putsch" 1934
erklären. Dieser endete mit der Erstürmung des Bundeskanzleramts und der
Ermordung des christlichsozialen Kanzlers Engelbert Dollfuß. Generell wäre der
politische Druck von Seiten der Nationalsozialisten als stärker einzustufen.
Während Nationalsozialisten im Schnitt etwas länger festgehalten wurden (3,5
Monate gegenüber Kommunisten mit drei Monaten), änderte sich das Verhältnis nach
dem Juliabkommen 1936: Nach der österreichischen Annäherung an Nazi-Deutschland
wurden mehr Linke als Nationalsozialisten in Haft genommen. Generell könne aber
von einer Bevorzugung der Nationalsozialisten eher nur durch deutschnational
eingestellte Richter, nicht aber von Seiten der Sicherheitsbehörden ausgegangen
werden, meint der Historiker.
Unter den inhaftierten Linken stellten die Sozialdemokraten 63 Prozent und
die Kommunisten rund 37 Prozent. Hält man sich vor Augen, dass die
Kommunistische Partei bei den Nationalratswahlen 1930 nur 0,6 Prozent erhalten
hatte, die Sozialdemokratie hingegen 41,1 Prozent, so spiegelt die Statistik
wieder, dass der "aktive, illegale linke Widerstand zum überwiegenden Teil von
Kommunisten getragen" wurde, so Bauer.
Nur ein Prozent Frauen
Jung und männlich waren die Inhaftierten, nur ein Prozent davon waren Frauen.
Vor allem nationalsozialistische (im Schnitt 29 Jahre) und kommunistische (28)
Häftlinge waren durchwegs sehr jung. Die politisch etablierte Sozialdemokratie
erscheint hingegen als Partei der Frontgeneration des Ersten Weltkriegs mit
deutlich älteren Proponenten (36 Jahre).
84 Prozent der linken Inhaftierten kamen aus Wien und Niederösterreich,
während der Anteil dieser Bundesländer an der Gesamtbevölkerung 50 Prozent
betrug. Linke Hochburgen waren Wiener Arbeiterbezirke, aber auch
niederösterreichische und obersteirische Industriebezirke. Nationalsozialisten
kamen überdurchschnittlich oft aus der Steiermark und Kärnten (56 Prozent der
NS-Häftlinge, bei einem Anteil an der Gesamtbevölkerung von 21 Prozent) sowie
Salzburg.
Laut einem am Mittwoch im Nationalrat beschlossenen Gesetz werden alle
Personen rehabilitiert, die während des "Austrofaschismus" verurteilt,
angehalten bzw. ausgebürgert wurden, weil sie sich für ein unabhängiges und
demokratisches Österreich eingesetzt haben. Nationalsozialisten fallen nicht
unter diese Kategorie. (APA, red)