Im 21er-Haus wird das Konzept vom Gesamtkunstwerk als gescheiterte Utopie vorgestellt - Die Präsentation folgt jedoch wieder der visuellen Einheit vom Gesamtkunstwerk
Ein Trümmerfeld.
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Wien - Er hat tatsächlich am Gesamtkunstwerk gebaut: Christoph
Schlingensief hat in seinen installativen Konglomeraten nicht nur die
Künste vereint und dabei oft die Sinne ge- und überfordert, sondern die
Kunst - angetrieben vom Willen zur Veränderung der Gesellschaft - auch
mit dem Leben verbunden. Und so schmerzt es ein bisschen, wenn sein
Cello-TV (ein an Nam June Paik erinnerndes Objekt, über dessen Monitore
Bilder von wuchernden, kranken Zellen flimmern) ganz solitär in der Ecke
steht. Ganz so, als wäre es seinem, dem eigenen Krebs geschuldeten
"Fluxus-Oratorium" Eine Kirche der Angst vor dem Fremden in mir (2008)
gewaltvoll herausgeschnitten worden.
Aber die Ausstellung Utopie Gesamtkunstwerk im 21er-Haus will auch gar
keine Gesamtkunstwerke zeigen, sagt Kuratorin Bettina Steinbrügge. Die
gemeinsam mit Harald Krejci konzipierte Schau bilde vielmehr das
Gegenteil dieser Utopie ab: die Fragmentierung unserer komplexen Welt -
darin eine entfremdete Gesellschaft, in der die Sehnsucht nach einem
Gesamtkunstwerk, einem universellen Ganzen, in dem man aufgehen kann,
groß ist. (Die Schau folgt dabei Matthew Wilson Smiths Buch The Total
Work of Art: From Bayreuth to Cyberspace.) Also quasi eine Kirche für
Atheisten.
Das 21er-Haus ist freilich keine Fragmentierungshölle aus vereinsamten
Kunstwerken geworden, denn für das heilspendende Kollektiv sorgt Esther
Stockers Präsentationsdisplay: Große offene Kuben stapeln sich wie
Bauklötze im Raum, sorgen für Zusammenhalt und Happy End im Sinne
Richard Wagners, einem Vorreiter der romantischen, kollektiven, alles
verschmelzenden Idee: "Im Kunstwerk werden wir eins sein."
Den Hang zum Gesamtkunstwerk diagnostizierte Harald Szeemann bereits
1983 im Kunsthaus Zürich (und etwas später ebenhier im 20er-Haus). Seine
Schau reichte von Kurt Schwitters' die Grenzen zwischen Kunst und
Nichtkunst aufhebendem Merzbau bis zum Meltingpot
alternativ-revolutionärer Lebensformen, dem Monte Verità im Tessin.
Daran knüpft man nun an. Aber wie gesagt: Utopie Gesamtkunstwerk zeigt
keine Gesamtkunstwerke. Es gibt sie nicht - oder lediglich im
ursprünglichen, die Kunstdisziplinen vereinenden Sinn. Selbst wenn die
Konzepte, angefangen bei Hermann Nitschs Orgien Mysterien Theater über
Jonathan Meese bis Friedrich Kiesler, dem ganzheitlichen Kunstkonzept
huldigen, sind sie doch alle - folgt man der Argumentation der Schau -
zum Scheitern verdammt: Denn "ein Gesamtkunstwerk zu schaffen ist so
unmöglich wie die Quadratur des Kreises oder das Perpetuum mobile"
(Wieland Schmied).
Die kuratorische Frage nach dem, was ein Gesamtkunstwerk heute noch sein
kann, fällt also pessimistisch aus: Als Argument zieht man auch die
Moderne heran, deren Ideal von der Erneuerung der Gesellschaft
gescheitert ist. Vermag die Geschichte wirklich Ideale zu vernichten?
Soll man sich den Glauben ans Gesamtkunstwerk wirklich wegtheoretisieren
lassen? Es gibt doch einige gesamtkunstwerkliche Ideen, die die
Beschmutzungen des Begriffs durch totalitäre kommunistische wie
faschistische Spektakel recht unbeschadet überdauert haben: Beuys 7000
Eichen wurden gepflanzt. Und auch der von der Gruppe Wochenklausur 1993
etablierte Bus, der Obdachlose medizinisch betreut, fährt heute noch.
(Anne Katrin Feßler / DER STANDARD, Printausgabe, 20.1.2012)