"Österreicher müssen lernen, mit Veränderungen umzugehen"

19. Jänner 2012, 18:07
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Wiens Wohnbaustadtrat Ludwig gab bei einer Podiumsdiskussion ein eindeutiges Signal an alteingesessene ÖsterreicherInnen

Laut Europäischer Wertestudie liegt Österreich an der Spitze der Antipathie gegenüber MigrantInnen. Erschreckend, aber wahr: Hierzulande gibt es europaweit die meisten Menschen, die angeben, dass sie Mitmenschen aus anderen Kulturkreisen nicht als Nachbarn haben möchten.

Die Materie "Wohnen und Integration" wurde in den letzten Monaten sehr häufig diskutiert. So auch Mittwochabend in der Brunnenpassage im 16. Wiener Bezirk, wo der Verein "Wirtschaft für Integration" zu einer Diskussionsrunde zum Thema "Viele Kulturen, ein Wohnort - gemeinsam wohnen" einlud. Neben Problemen wie vermeintlichen Ghettos oder ghettoähnlichen Entwicklungen, Gentrifizierung und politischen Auswüchsen der Antipathie gegenüber ZuwanderInnen wurde auch das konkrete Thema Nachbarschaft ausführlich diskutiert.

Lärm kann positiv oder negativ besetzt sein

Nachbarschaftliche Probleme entstehen bekanntlich am häufigsten aufgrund von Lärmbelästigung. Dass aber Lärm per se nicht ein Problem sein muss, sondern häufig in den Köpfen der autochthonen ÖsterreicherInnen ethnisiert wird, konstatierte Jens Dangschat, Leiter des Fachbereichs Soziologie an der TU Wien. "Im subjektiven Empfinden hat Lärm immer mit der Quelle zu tun, und ist die Quelle positiv besetzt, dann ist Lärm nicht schlimm", so Dangschat. "Die eigenen Enkelkinder können schreien, wie sie wollen. Ist es aber ein Kind mit Zuwanderungshintergrund, dann stört das natürlich, dann sind es Plagen, dann passen die Eltern nicht auf, dann kommt dieser ganze Katalog an Vorurteilen und es gibt Schwarz-Weiß-Bilder."

Dangschat ortet das Problem, das viele alteingesessene ÖsterreicherInnen mit den "neuen" Bewohnern im Gemeindebau haben, in einer überforderten Nachbarschaft. Besonders ältere Menschen fühlen sich nicht mehr unter sich, immerhin war der soziale Wohnbau lange Zeit für Zuwanderer verschlossen. Nach der Öffnung der Wohnungsvergabe - zunächst für EU-Bürger, später auch für Drittstaatsangehörige - "haben es die Menschen vor Ort einfach nicht mehr hingekriegt, das Fremde als etwas Positives zu sehen. Die alteingesessenen Österreicher selbst fühlen sich diskriminiert, und in einer solchen Situation braucht man dann jemanden, an dem man sich die Füße abputzen kann", erklärte der Stadtsoziologe.

Auch ohne Zuwanderung gäbe es Probleme

Auch Wohnbaustadtrat Michael Ludwig (SPÖ) erachtete es als sehr wichtig, die Probleme, die es im Zusammenleben der Nachbarschaft gibt, offen auszusprechen. Klarerweise seien die älteren Menschen, die vor einigen Jahrzehnten in die Gemeindebauten eingezogen und auch gemeinsam alt geworden seien, irritiert. Doch das sei der Lauf der Dinge: Wenn junge Familien mit Kindern nachziehen, mit oder ohne Migrationshintergrund, werde die Hausgemeinschaft freilich verändert.

"Ich glaube, man muss lernen, mit diesen geänderten Bedingungen umzugehen, daran führt kein Weg vorbei", betonte Ludwig in der Podiumsdiskussion. "Denn unabhängig davon, ob zugewanderte Personen oder nicht - würden nur junge österreichische Familien nachziehen, würde es auch Konflikte geben. Dann wären es eben Generationskonflikte, die nicht migrantisch überformt sind, sie würden aber trotzdem bestehen."

Bessere Information und Kommunikation notwendig

Karina Jaros, Sonderschullehrerin und Obfrau der Sportunion Leopoldau, beobachtet als Bewohnerin der Großfeldsiedlung häufig Konfliktsituationen zwischen Nachbarn aus verschiedenen Kulturkreisen. Dennoch sieht sie die Tatsache, dass viele Menschen unterschiedlicher Herkunft an einem Fleck wohnen, nicht als das eigentliche Problem. "Man sollte bei der Wohnungsvergabe einfach mehr Information weitergeben", schlägt Jaros vor. "Ich sehe um zehn Uhr abends schreiende Kleinkinder in der Großfeldsiedlung herumlaufen, und das ist in unserer Kultur nicht gewünscht, die älteren Leute wollen schlafen, klar führt das zu Konflikten. Vielleicht nützt einfach eine bessere Information und bessere Kommunikation."

In diesem Zusammenhang verwies Claudia Huemer vom Wiener Nachbarschaftsservice "Wohnpartner" auf das Konzept ihrer "Begrüßungs-Buddys". Dabei werden Mieterinnen und Mieter, die neu in eine Wohnhausanlage zuziehen, von Nachbarn, die bereits dort wohnen, willkommen geheißen und erfahren über sie, wie alles läuft und was in der Hausgemeinschaft üblich bzw. unüblich ist. "Wenn man die Spielregeln kennt und sich an sie hält, dann kann man auch gut miteinander auskommen", ist sich Huemer sicher. Wenn man die neuen Nachbarn zudem in die Entwicklung von Regeln einbezieht, funktioniere das Zusammenleben besonders gut. (Jasmin Al-Kattib, derStandard.at, 19.1.2012)

  • Würden nur junge österreichische Familien in die Gemeindebauten nachziehen, wären die derzeit ethnisierten Konflikte eben Generationskonflikte, aber Probleme gäbe es allemal, so Wohnbaustadtrat Ludwig.
    foto: stanislaw zelasko

    Würden nur junge österreichische Familien in die Gemeindebauten nachziehen, wären die derzeit ethnisierten Konflikte eben Generationskonflikte, aber Probleme gäbe es allemal, so Wohnbaustadtrat Ludwig.

  • In der Brunnenpassage diskutierten am Mittwochabend: Michael Ludwig (Stadtrat für Wohnbau), Claudia Huemer (Teamleiterin Wohnpartner), Karina Jaros (Obfrau der Sportunion Leopoldau) und Jens Dangschat (Leiter des Fachbereichs Soziologie an der TU Wien). Münire Inam (ORF) moderierte die Gesprächsrunde.
    foto: stanislaw zelasko

    In der Brunnenpassage diskutierten am Mittwochabend: Michael Ludwig (Stadtrat für Wohnbau), Claudia Huemer (Teamleiterin Wohnpartner), Karina Jaros (Obfrau der Sportunion Leopoldau) und Jens Dangschat (Leiter des Fachbereichs Soziologie an der TU Wien). Münire Inam (ORF) moderierte die Gesprächsrunde.

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