Linux-Desktop KDE 4.8 veröffentlicht - und unter der Lupe

25. Jänner 2012, 17:22
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Dolphin 2.0 mit neu geschriebener Dateiansicht als Highlight - Gemeinsamer Passwort-Speicher mit GNOME, zahlreiche Performance-Optimierungen

Nach einer Reihe von Betas und zwei Release Candidates hat das KDE-Projekt nun eine neue Version des eigenen Linux-Desktops zum Download freigegeben. KDE 4.8 fasst die Entwicklungen der letzten sechs Monate zusammen und bringt entsprechend wieder so manch Neues mit sich.

Dolphin

Besondere Zuwendung hat dabei der Dateimanager Dolphin erfahren. Für die Version 2.0 hat man die Dateiansicht vollständig neu geschrieben, um mit diversen grundlegenden Defiziten des bisherigen Ansatzes aufzuräumen. Bemerkbar macht sich dies nicht zuletzt in Performance-Fragen, Dolphin 2.0 geht spürbar flotter zu Werke als frühere Versionen der Software. Gerade bei der Darstellung von umfangreichen Verzeichnissen und beim Wechsel zwischen verschiedenen Anzeigemodi ist der Speed-Zuwachs augenscheinlich.

Features

Die Erneuerung der Code-Basis nutzt man dann auch gleich für weitere Verbesserungen der Software: So werden die Wechsel zwischen verschiedenen Ansichten nun mit einer Übergangsanimation visualisiert. Ebenfalls neu: Musste man sich früher eines fixen Gitters zur Anordnung bedienen, erfolgt diese jetzt dynamisch. Die NutzerInnen sehen dies unter anderem daran, dass besonders lange Dateinamen nicht mehr abgeschnitten werden. Auch sind bei gleicher Icon-Größe jetzt mehr Dateien/Verzeichnisse zu sehen als bisher, und der Klickbereich rund um ein Element muss nicht mehr gezwungenermaßen rechteckig sein, kann sich also enger an die Abmaße von Icons und Schrift halten.

Gruppenbildung

Die gruppierte Darstellung von Objekten ist nicht länger der Icon-Ansicht vorbehalten, funktioniert also auch in den Modi "Details" und "Kompakt". Zudem behebt der Rewrite diverse Schwierigkeiten mit der Tastatursteuerung und so manch andere, lange bestehende Bugs. Umgekehrt gibt es allerdings auch eine - kleine - Liste von "Regressionen", also Dingen, die in der Version 1.1 noch funktioniert haben, jetzt aber nicht mehr. Dazu gehört, dass das Verschieben von Kolumnen in der Detail-Ansicht - zumindest vorerst - nicht mehr funktioniert.

Gemeinsame Geheimnisse

Einen weiteren wichtigen Schritt in Richtung Cross-Desktop-Zusammenarbeit macht man mit KSecretsService. Dabei handelt es sich um die KDE-Implementation des SecretService-API, das auch beim GNOME Keyring zum Einsatz kommt. Somit ergibt sich endlich die Möglichkeit, dass die Programme der beiden großen Linux-Desktops den gleichen Ort zur Abspeicherung von Passwörtern und Co. nutzen. In der aktuellen KDE-Version ist dies allerdings noch mit einer gewissen Komplexität verbunden, müssen sich die NutzerInnen doch über eine Einstellung explizit für die Verwendung des gemeinsamen Speicherplatzes entscheiden. Auf Sicht soll KSecretsService aber die bisherige Lösung KWallet vollständig ablösen.

KWin

Vor allem für Verbesserungen "unter der Haube" wurde der aktuelle Entwicklungszyklus beim Fenstermanager KWin genutzt. Einen wichtigen Teil haben dabei diverse Performancearbeiten eingenommen, und das Ergebnis kann sich sehen lassen. Das Vergrößern/Verkleinern von Fenstern geht mit der neuen Version flotter vonstatten, auch der Blur-Effekt ist dank Caching jetzt wesentlich flinker. Dadurch ist es nun beispielsweise möglich, den Hintergrund eines Pop-ups schon während des Herausfahrens zu "verwischen" - bisher musste man aus Performancegründen darauf verzichten.

Effektvoll

Verbesserungen in Fragen der Skalierbarkeit des Effektsystems von KWin bringen, dass Effekte nun kommunizieren können, ob sie gerade aktiv sind - oder eben nicht. Dies führt dazu, dass sich eine hohe Zahl geladener Effekte nicht länger negativ auf die Performance auswirkt, sind doch meist gleichzeitig ohnehin nur ein bis zwei Effekte wirklich im Einsatz. Der Alt+Tab-Fensterwechsler wurde in QtQuick/QML neu geschrieben, was es ermöglicht, unkompliziert neue Arten der Visualisierung zu implementieren. In KDE 4.8 merken die NutzerInnen davon noch recht wenig, mit der kommenden Release soll es aber einen neuen Default-Look geben sowie die Möglichkeit, weitere Designs direkt aus dem Netz herunterzuladen.

QtQuick

Überhaupt ist der Wechsel auf QtQuick ein aktueller Entwicklungsschwerpunkt bei KDE, soll dieser auf Sicht doch die Erstellung von Anwendungen und Desktop-Bestandteilen erheblich vereinfachen. Mit der Aufnahme von QtQuick-Support in die Plasma Workspaces vollführt KDE 4.8 einen wichtigen Schritt in diese Richtung. Über die "Plasma Components" stehen EntwicklerInnen dabei standardisierte API-Implementationen von Widgets im nativen Plasma Look&Feel zur Verfügung. Auf eben diese Basis hat man denn auch gleich das Gerätebenachrichtigungs-Widgets portiert, für die NutzerInnen bleibt der Umbau allerdings praktisch unsichtbar.

Vermischtes

Darüber hinaus gab es viele kleinere Optimierungen quer durch den gesamten Desktop: So wurde die Bildschirmtastatur weiter verbessert und KAlarm auf Akonadi portiert. Der Powerdevil kann jetzt für jede "Aktivität" unterschiedliche Stromsparprofile anlegen und sich somit noch besser den jeweiligen Gegebenheiten anpassen. Es gibt eine neue Lösung für Splash-Screens auf Basis von QtQuick, allerdings bleibt der bisherige ksplashx-Ansatz - zumindest vorerst - weiterhin Default.

Icon Tasks

Ein durchaus interessanter Neuzugang ist das "Icon Tasks"-Plasmoid, das zunächst einmal eine alternative Fensterleiste für den KDE darstellt, die mit ihrem Fokus auf große Icons an Docks wie jenes von Unity erinnert. Im Verlaufe dessen Entwicklung hat man aber auch gleich einige grundlegende Verbesserungen vorgenommen, die in die libtaskmanager eingeflossen sind und jetzt auch von der Standard-Fensterleiste genutzt werden können. Dazu gehören ein verbesserter Support für Launcher und mächtigere Kontextmenüs.

Telepathy

Neben dem eigentlichen Kern-KDE seien noch zwei weitere signifikante Entwicklungen in diesem Umfeld zumindest kurz angemerkt: So schreitet die Entwicklung von KDE Telepathy, einem Instant-Messaging-Client auf Basis des - ursprünglich für Nokias Maemo/MeeGo entstandenen und auch bei GNOME genutzten - Telepathy-Frameworks, rasch voran. Mit der aktuellen Version 0.3 ist der Client in das "Extragear"-Repository gewandert, wo sich auch andere nichtoffizielle Apps wie Amarok und Digikam befinden. Damit wird nicht zuletzt signalisiert, dass KDE Telepathy jetzt stabil genug für den Alltagseinsatz ist. Auf Sicht hoffen die EntwicklerInnen, dass ihre Software zur Default-Lösung unter KDE wird.

GTK+-Integration

Vor allem für die Zusammenarbeit mit GNOME-Anwendungen interessant: Seit kurzem gibt es eine erste für GTK+3 portierte Version des KDE-Widget-Themes Oxygen. Damit lässt sich nun auch der Look von GNOME3-Anwendung weitgehend dem KDE-Aussehen angleichen - bisher war das ja nur für GTK+2-Programme möglich.

Fazit/tl;dr

Im Vergleich zu früheren Releases bringt KDE 4.8 nur wenige, wirklich sichtbare Neuerungen für den Desktop - sieht man einmal von der neuen Dolphin-Generation ab. Die NutzerInnen dürfen sich dafür aber über viele kleine Verbesserungen, Bugfixes und so manche wirklich merkliche Performance-Optimierung freuen. Trotzdem ist ein stückweit sichtbar, dass sich einzelne zentrale EntwicklerInnen derzeit auf andere Projekt - Stichwort: Plasma Active - konzentrieren. Freilich darf nicht vergessen werden, dass viel von dem dort Entwickelten auf Dauer wieder in den KDE zurückfließen wird.

Infra

Auch tritt einmal mehr die Infrastrukturarbeit in den Vordergrund: Diese ist zwar für die NutzerInnen weniger sichtbar, verspricht aber langfristige Verbesserungen, allen voran die Desktop-weite Nutzung von QtQuick/QML. Dieser Wechsel soll übrigens auch bei der Portierung von KDE auf den X.org-Nachfolger Wayland helfen, an der das Projekt derzeit ebenfalls arbeitet. Und dann steht natürlich der Wechsel auf die KDE Frameworks 5 an, mit denen die Software weiter modularisiert werden soll. Dies allerdings mit besonderem Bedacht darauf, große Brüche wie einst bei KDE4 zu vermeiden.

Ausblick

Während der Zeitrahmen solch "großer Brocken" immer schwer abzuschätzen ist, sind auch schon einige recht konkrete Pläne für die folgende KDE-Release bekannt, die wieder in sechs Monaten erscheinen soll. So ist ein neuer "Screen-Lock"-Mechanismus geplant, der direkt im Fenstermanager verankert ist, anstatt als externes Service zu laufen. Daraus erhofft man sich nicht zuletzt Sicherheitsverbesserungen, lässt sich doch erst so wirklich sicher stellen, dass bei Resume und Co. nie auch nur kurz ein Blick auf den Desktop zu erheischen ist. Der neue Screen-Lock war übrigens ursprünglich schon für KDE 4.8 vorgesehen, wurde aber kurz vor dem Inkraftreten der Feature-Freeze-Periode wegen offener Probleme noch einmal verschoben.

Metadaten

Weiter in die Zukunft hat man auch beim Dolphin-Projekt geblickt, dank der neuen Basis soll es mit Dolphin 2.1 möglich sein, beliebige Metadaten direkt in der Dateiansicht darzustellen. Dies kann dann für Spezialansichten genutzt werden, etwa eine eigene Musikdarstellung. Beim Fenstermanager KWin ist die Einführung von Javascript-Bindings geplant.

Download

KDE 4.8 kann ab sofort in Form des Source-Codes von der Seite des Projekts heruntergeladen werden. Zudem arbeiten zahlreiche Distributionen derzeit an der Aufnahme der zugehörigen Pakete - bzw. haben diese bereits vorgenommen. Als besonders flott haben sich in dieser Hinsicht in der Vergangenheit Arch Linux und Gentoo erwiesen, bei openSUSE hilft das bereits gewohnte KDE-Unstable-Repository weiter. (, derStandard.at, 25.1.2012)

Link

KDE

  • Die Dateiansicht des File Managers Dolphin wurde von Grund auf neu geschrieben. Zu den neuen Funktionen gehört die Möglichkeit, Elemente auch in der Detail-Ansicht gruppiert darzustellen.
    screenshot: andreas proschofsky

    Die Dateiansicht des File Managers Dolphin wurde von Grund auf neu geschrieben. Zu den neuen Funktionen gehört die Möglichkeit, Elemente auch in der Detail-Ansicht gruppiert darzustellen.

  • Auch die Darstellung von langen Dateinamen wurde verbessert. Darüber hinaus passt sich die Auswahlfläche jetzt enger an Icon und Schrift an.
    screenshot: andreas proschofsky

    Auch die Darstellung von langen Dateinamen wurde verbessert. Darüber hinaus passt sich die Auswahlfläche jetzt enger an Icon und Schrift an.

  • Der Alt-Tab-Switcher wurde auf Basis von QtQuick neu implementiert, rein äußerlich bemerken die NutzerInnen zunächst einmal wenig davon. Ein neues Design soll für die nächste Release kommen.
    screenshot: andreas proschofsky

    Der Alt-Tab-Switcher wurde auf Basis von QtQuick neu implementiert, rein äußerlich bemerken die NutzerInnen zunächst einmal wenig davon. Ein neues Design soll für die nächste Release kommen.

  • Das "Icon Tasks"-Plasmoid steht als Alternative zur Auswahl.
    screenshot: andreas proschofsky

    Das "Icon Tasks"-Plasmoid steht als Alternative zur Auswahl.

  • Ebenfalls auf QtQuick portiert: Der Gerätemanagementdialog von KDE 4.8.
    screenshot: andreas proschofsky

    Ebenfalls auf QtQuick portiert: Der Gerätemanagementdialog von KDE 4.8.

  • Oxygen-GTK verpasst nun auch GTK+3-Programmen den KDE-Look.
    screenshot: hugo pereira da costa / kde

    Oxygen-GTK verpasst nun auch GTK+3-Programmen den KDE-Look.

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