2.700 Container und ein Passagier

22. Jänner 2012, 16:31
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Verena reist im Containerfrachter, der sie bei einer dreiwöchigen Fahrt nach Neuseeland bringt. Wir begleiten sie in ihrem Blog - mit Ansichtssache

Die Situation hat ein bisschen etwas von einem Agenten-Thriller: Fünf Tage vor Ankunft des Schiffes in Cartagena soll ich Kontakt zum Agenten aufnehmen, um weitere Informationen zu erhalten. Meine Mission droht allerdings schon gleich zu Beginn zu scheitern. Der Agent kann kein Wort Englisch und verzweifelt an meinem unterirdischen Spanisch. Er legt auf und hebt danach erst gar nicht mehr ab.

Ein hilfsbereiter Kolumbianer übernimmt die Kommunikation und kann zumindest herausfinden, dass sich die Telefonnummer des Agenten geändert hat. Mit der neuen Nummer klappt die Kontaktaufnahme dann auch ohne weitere Probleme. Ich erhalte die Information, dass die neue POB um 22 Uhr ist und die ETB um 23:59. Alles klar ...

Das Schiff ist der Containerfrachter Bahia Castillo und der Agent arbeitet, obwohl er Slim Cuentas heißt, nicht für den Geheimdienst, sondern für eine Frachtspedition. Im Hafen von Cartagena werden auf die rund 250 Meter lange Bahia Castillo nicht nur hunderte Container verladen, sondern auch meine Tasche. Um 22 Uhr wird der Lotse erwartet und nach Mitternacht, nachdem das Schiff am Terminal angelegt hat, kann ich dann endlich an Bord gehen.

Die nächsten drei Wochen werde ich als Passagierin auf einem Containerfrachter durch den Panamakanal fahren, den Pazifik überqueren und schließlich am anderen Ende der Welt, in Neuseeland, wieder von Bord gehen. Dafür muss ich weder Kartoffel schälen, noch das Deck schrubben, sondern nur einmal tief in die Tasche greifen.

Die Zeiten, in denen man noch "Hand gegen Koje" auf einem Frachter mitfahren konnte, sind schon seit längerem vorbei. Aus versicherungstechnischen Gründen heuern europäische Reedereien nur noch speziell ausgebildetes Personal an. "Landratten" müssen sich hingegen an auf Frachtschiffreisen spezialisierte Reisebüros wenden und je nach Strecke mit einem Fahrtpreis von 70 bis 100 Euro pro Tag
rechnen.

Im Gegensatz zu Kreuzfahrten, die Animation rund um die Uhr bieten, sind die Passagiere auf einem Frachters für ihre Bespaßung selbst zuständig. Dafür gibt auf der Bahia Castillo mehrere Möglichkeiten: es gibt einen Fitnessraum, ein Indoor-Swimmingpool, eine Bibliothek, einen DVD-Raum und drei Mahlzeiten. Außerdem sind die Kajüten auf einem Frachter zumeist geräumiger als auf einem Kreuzfahrtschiff. Da ist es dann auch zu verschmerzen, wenn die Einrichtung einen gewissen "Ost-Charme" versprüht. So fühle ich mich wenigstens ein bisschen an mein altes Zuhause in Moskau erinnert.

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