Gewalt in der Pflege

Nicht wegsehen, sondern handeln

19. Jänner 2012, 08:05

Vier Millionen ältere Menschen werden allein in Europa misshandelt

öln - „Die Ausmaße der Gewalt in der Pflege werden von unserer Gesellschaft ignoriert und tabuisiert", sagt der Geschäftsführer des Kuratoriums Deutsche Altershilfe (KDA), Peter Michell-Auli. Vier Millionen ältere Menschen werden allein in Europa misshandelt. Das geht aus einem aktuellen Bericht der Weltgesundheitsorganisation WHO hervor. Etwa 2500 Opfer sterben an den Folgen der Misshandlungen. Das KDA informiert in der aktuellen Ausgabe des Fachmagazins ProAlter über Gewalt in der Pflege.

Rund 70 Prozent der pflegebedürftigen Menschen werden im häuslich-familiären Umfeld versorgt. Angehörige schlittern oft unvorbereitet oder unfreiwillig in eine Pflegesituation hinein. Viele Familien leiden zusätzlich unter ungelösten familiären Konflikten, Doppelbelastungen durch Beruf und Pflege oder externe Faktoren wie Schulden. „Dies kann zu verzweifelten Reaktionen und Überlastungserscheinungen in Form von Gewalt und Misshandlungen führen", erklärt Christine Sowinski, Leiterin des Bereichs Beratung von Einrichtungen und Diensten im KDA.

Hinter verschlossenen Türen

Nur ein Bruchteil der Misshandlungen kommt überhaupt ans Licht. „Die Gewalt findet hinter verschlossenen Türen statt und wird häufig vom Umfeld gedeckt", sagt Sowinski. Es ist davon auszugehen, dass deutlich mehr als die von der WHO genannten vier Millionen älteren Menschen in Europa unter Misshandlungen leiden. „Fest steht, dass die Gefahr für Übergriffe auch mit der Komplexität der Ausgangssituation, der Dauer der Pflegebedürftigkeit und dem Grad der Hilflosigkeit der Pflegebedürftigen steigt", erklärt Sowinski. Das Gewaltpotenzial könne nur gemindert werden, wenn über Gewalt in der Pflege auch gesprochen würde. Jedes Eingreifen, jede erfolgreiche Beratung und jedes Entlastungsangebot habe unmittelbare positive Folgen für von Gewalt betroffene Menschen. „Es ist höchste Zeit, effektive Präventions- und Deeskalationsstrategien zu entwickeln und diese konsequent umzusetzen", sagt Michell-Auli. (red)

Weiterlesen im Schwerpunkt Menschlichkeit in der Medizin:

Misshandlung beginnt mit schlechter Pflege

Kommentar posten
22 Postings
Hugo Wiesinger
00
19.1.2012, 12:10
Solange Kinder

wie selbstverständlich mißhandelt werden, ist es kein Wunder, dass sie später "zurückschlagen".
Wobei damit ist der tägliche Umgang mit den Kleinen in den Institutionen und Familien gemeint, nicht "Ausrutscher", welche schon lt. Gesetzt verboten sind.

odrr
11
19.1.2012, 09:05

ein bewusstsein und eine ausseinandersetzung, dass das altern und das sterben, ein teil unseres lebens ist, wurde wahrscheinlich helfen.

die distanzierung und die projezierte angst, spielen auch eine rolle.

die alten, pflegebeduerftigen menschen sind auf jeden fall "ausgeliefert", egal wo.

gesund sterben
12
19.1.2012, 10:52

Bessere gesellschaftliche anerkennung des pflegeberufs, verpflichtende medizinische ausbildung mit krankenpflegerdiplom, höhere bezahlung, psychologische tests, psychologische unterstützung könnten vielleicht schon etwas ändern. und vor allem kontrolle!!!
ehrlich, ich verstehe alte menschen, die lieber den freitod wählen, als sich in dieses abhängigkeitsverhältnis begeben zu müssen. denn wie man es dreht und wendet: gewickelt und gewaschen werden zu müssen wie ein baby ist für den betroffenen ein verlust der eigenen würde.

odrr
00
19.1.2012, 11:11
wie ich gelesen habe, geht es ja auch um die gewalt durch angehoerige , wenn die pflebeduerftige person in haeuslicher pflege ist.

da koennte man evtl. auch manche von ihnen vorgeschlagene massnahmen anbieten/vorschreiben?

da(pflege durch angehoerige) wird glaube ich vieles "frei" aus der vergangenheit, sicher auch im positiven und eben auch im negativen sinn.
die eltern/aelteren! werden wieder zu kindern, die kinder zu den eltern; anscheinend birgt diese umgehr auch viel aggressionspotential, jetzt mal unabhaengig von der arbeit und verantwortung.

die wuerde des menschen ist ein heikles thema, vor allem im letzten lebensabschnitt.
es gibt ja auch transkulturelle studien, soweit ich weiss, die in grossfamilielebende kulturen mit kulturen vergleichen,wo die persoenliche freiheit gross geschrieben wird, wobei die ersteren "besser" abschneiden.

gesund sterben
01
19.1.2012, 18:25

ja, es geht auch um den privaten bereich. ich habe den öffentlichen bereich herausgegriffen, weil es hier ebenso zu vernachlässigung, grobheiten bis hin zur misshandlung von wehrlosen kommt. und hier kann man- im gegensatz zum privaten bereich- sehr wohl etwas unternehmen. aber das engagement nützt den wahlwerbenden parteien (noch) nichts, deshalb muß man wahrscheinlich warten, bis das problem zum himmel schreit. das wird schon bald sein.
derzeit bleibt halt sehr wenig für diese "verlorene" generation in den öffentlichen altersheimen übrig.

odrr
01
19.1.2012, 18:30

eigentlich schreits schon zum himmel,oder?
ein krampf eben,leider.

anders and
 
20
19.1.2012, 16:23

ich bezweifle, dass in einer Studie eine Kultur besser abschneidet als die andere,

die eine Kultur hat die mehr gepflegte Eltern,
die andere mehr zufriedene Schwiegertöchter -

es kommt immer darauf an, was genau untersucht wird.

odrr
00
19.1.2012, 17:11

aha, posting von 17:04 ist erschienen, aber die von knapp vor 17h nicht! ? :-/

odrr
00
19.1.2012, 17:04

zusaetzlich habe ich noch folgendes gefunden.

focus: pflege der aelteren

http://en.wikipedia.org/wiki/Elde... ifferences

anders and
 
20
19.1.2012, 17:14

Ich habe meine Bachelor-1-Arbeit zu dem Thema geschrieben (Literaturliste von 4 Seiten) - der Wikipediaeintrag ist was den Rückblick in die Vergangenheit angeht wirklich nur lächerlich.

Dass in der Slowakei oder am Balkan die Pflege von Angehörigen noch verbreiteter ist als bei uns ist natürlich richtig.
Was man gerne übersieht sind der dort häufige Hass zwischen Mutter und Schwiegermutter, die verdeckten Aggressionen die zu verdeckter Gewalt führen und die Unzufriedenheit der Frauen.

Wenn man schon auf die bessere Pflege in anderen Kulturen hinweist, dann sollte man auch auf die psychischen Kosten dafür hinweisen.

odrr
00
20.1.2012, 10:55

wau, 4 seiten literatur,.....da kann ich mit den betreuten diplomarbeiten und dissertationen auf keinen fall mithalten.

wissens was, ihr ton und die art gefaellt mir nicht.
warum so ueberheblich..?

und ich sehe,das mein laengeres posting von 16:57, viel spaeter freigeschalten worden ist, wo ich auf die verwendung vom wort "besser" eingehe.
natuerlich gibt es unterschiede zwischen den kulturen, auch in der pflege, wenn sie das nicht bestaetigen koennen,wundert mich das.
transkulturelle pflege,medizin,psychologie...da ist in den letzten 15 jahren viel weitergegangen. und so alt koennen sie ja nicht sein......welche buecher ueber transkultur haben sie denn auf ihrer literaturliste?

anders and
 
20
20.1.2012, 11:31
Da hab ich mich ein wenig im Ton vergriffen, aber ich war geschockt was für banaler Unfung zur Geschichte der Pflege in Wikipedia angeboten wird.

Wenn Sie mein obiges Posting gelesen haben wissen Sie, dass ich Unterschiede in der Pflege sehe.
Mein Standpunkt ist, dass man nicht auf die Pflege allein sehen sollte sondern Gesamtkosten und Nutzen der einzelnen Kultursysteme miteinander vergleichen sollte.

Zur Schwiegertochter: die ist es doch in vielen Kulturen, die für die Pflege zuständig ist!

Zur "transkulturellen Pflege" - ich halte das Konzept für überbewertet. Entweder haben Migranten schon Erfahrung mit dem Zielland, dann ist Kommunikation mit der Pflege einfach. Oder sie haben überhaupt keine Erfahrung - dann muss man ohnehin auf sprachkundige Kollegen zurückgreifen.
Ich arbeite seit 5 Jahren in der Pflege und weiß wovon ich spreche.

odrr
00
20.1.2012, 11:48

bei der transkulturellen pflege ,geht es doch bitte nicht nur um die sprache!
ehrlich,wie sehr haben sie sich schon mit transkultur schon befasst?
ich moechte nicht wie sie mit meinen literaturseiten und erfahrungsjahren(eigentlich jahrzehnte im biopsychosozialen bereich) angeben,weil das oft eben nichtssagend ist,es kommt immer auf den persoenlichen einsatz aus.

tut leid, aber wenn sie das auf die sprache und sprachkenntnisse reduzieren,wenn wir ueber transkultur diskutieren,ist mir das zu wenig.

anders and
 
20
20.1.2012, 11:58
Ich reduziere es nicht auf allein auf die Sprache - die war hier nur als Verkürzung für "sich an die andere Kultur angepasst haben" gemeint.

Was man bedenken soll: Pflege ist sehr oft transkulturell. Wenn Sie alte Menschen aus einer armen Bauernfamilie, aus dem alten Wiener Bürgertum, aus einfachen Arbeiterhaushalten, aus einer Soldatenfamilie, aus einer sehr katholischen Familie pflegen, dann sind das alles transkulturelle Situationen.

Hinter der Kultur steht aber immer ein Mensch, der nicht einfach als schlichtes Produkt der Kultur zu sehen ist und sich nicht darauf reduzieren lässt.

Eine aufmerksame, wertschätzende, sich selbst hinterfragende Pflege für alle ist wichtig, dann braucht es keine transkulturellen Spompanadln, die nur allzu leicht zu falschen Gewissheiten führen.

odrr
00
20.1.2012, 12:22

gut mit dem bin ich jetzt zufrieden.
alles kann uebertrieben werden(falsche gewissheiten)

und in meinem ersten posting(16:57/gestern),gehe ich schon auf die verschiedenen subkulturen ein,das ist klar.

und natuerlich ist nicht zuerst die kultur zu sehen.
natuerlich steht zuerst der mensch da, doch wir konnten schon eben mit transkultureller arbeit schon viele "fremde probleme" zuerst verstehen und dann loesen. sei es in heiklen bereichen wie pädiatrie, (akut)geriatrie, (psycho)onkologie,psychiatrie(!ohne transkulturelle kompetenz sehr schwierig) oder in den anderen bereichen.

anders and
 
20
20.1.2012, 12:26

Beispiele aus der Geriatrie würden mich interessieren

odrr
00
20.1.2012, 13:17
vor allem in deutschland und auch in oesterreich gibt es auch immer mehr geriatrische patienten der ersten immigrantengeneration,welche in den 50ern.60ern und 70ern einwanderten.

gerade diese,da es keine integrationsmassnahmen gab,sind heutzutage, noch immer sprachlich und kulturell isoliert.
zur krankheit allgemein, haben sie eben auch ganz eigene kulturelle vorstellungen.
die kinder und enkel der 1. generation integrieren sich schon mehr in die neue kultur und das schafft wieder probleme.
dieses wissen,diese punkte werden vermehrt im gesundheitsbereich vermittelt,vor allem in D.
alleine die religioesen kenntnisse oder eben was fuer eine stellung kranke in der anderen kultur haben.konkrete beispiele kann ich natuerlich verstaendlicherweise nicht geben.

anders and
 
20
20.1.2012, 13:53

Ich hatte selbst schon Serbinnen und eine muslimische Bosnierin mit geringen Deutschkenntnissen gepflegt - ich kenne das.

Allerdings kann ich Ihnen nicht sagen welche kulturelle Vorstellung zu Krankheit, Kranken und Religion in unserer eigenen Kultur herrschen - das ist sehr unterschiedlich und vielschichtig; nicht anders als in anderen Kulturen. Deshalb sollte man bei niemandem bestimmte Einstellungen erwarten.

Und dafür brauche ich dann eine interkulturelle Ausbildung?

Dass Sie kein Beispiel geben können liegt nicht an den rechtlichen Schranken- eine anonymisierte, leicht abstrakt gehaltene Begebenheit mit ein paar geänderten Details wäre juristisch und moralisch überhaupt kein Problem. Aber Sie finden halt kein konkretes Beispiel.

odrr
01
20.1.2012, 14:21

"Aber Sie finden halt kein konkretes Beispiel"

hmmm, ziemlich unhoefliche schlussfolgerung und feststellung wiedereinmal.
na, leben sie sich weiter aus im forum,ich hoffe,dass sie im alltag mehr EQ an den tag legen.

dass mit den subkulturen haben wir auch schon geklaert,warum die wiederholung wieder, das ist ziemlich langweilig und destruktiv, ihre art,wie schon geschrieben.

anders and
 
20
20.1.2012, 14:47

Es ging in meinem Posting eindeutig nicht um Subkulturen - ich kann in unserer Leitkultur keine eindeutigen Vorstellungen zu Krankheit, Kranken und Religion erkennen.

Die Haltungen der Leitkultur sind eben auch mehrschichtig und ambivalent.

Dass ich Ausflüchte als Ausflüchte bezeichne wirkt unhöflich, dessen bin ich mir schon bewusst. Muss eine Diskussion wirklich so ehrlich sein?

odrr
00
19.1.2012, 16:57

"zufrieden schwiegertoechter"?

die rede ist doch die pflege von aelteren durch ihre angehoerige!

das wort besser habe ich natuerlich absichtlich unter anfuehrungszeichen gesetz.
und es ist nun mal so,dass gewisse kulturen traditionell, und gesellschaftliche subkulturen (z.b. unterschiede zwischen land/stadt/verstaedterung/ oder unterschiede zw. beguetert/arm) mehr wert auf die pflege der eltern legen oder nicht.
fuer 750 zeichen,auch ein diffiziles thema.
ich meine z.b. allgemein und ueberspitzt(klischeehaft) ausgedrueckt:menschen in grossfamilien u/od am land pflegen ihre angehoerigen eher selbst als kleinfamilien u/od. staedter.
siehe z.b. amerikaner chinesischer kultur: fast keine obdachlose und wenige in "altersheimen".

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