Der Blues überlebt sein Begräbnis

19. Jänner 2012, 18:03
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    foto: 4ad

    Mark Lanegan erzählt Geschichten. Auch wenn er nicht singt.

Nach fast acht Jahren Pause veröffentlicht Mark Lanegan wieder ein Album unter eigenem Namen: "Blues Funeral"

Schön, aber das wäre noch besser gegangen.

Mark Lanegan erzählt Geschichten, nicht nur, wenn er singt. Sein Gesicht spricht ebenso Bände wie seine Finger und Handrücken. Sie dokumentieren mehr als einen Kontrollverlust, sind Dokumente eines Lebenswandels, der öfter als einmal vorzeitig ein Ende hätte finden können. Günstigerweise hatte der US-amerikanische Sänger ein Einsehen und entsagt seit einigen Jahren erlaubten wie unerlaubten Begräbnisbeschleunigern.

Bedenkt man den 47-Jährigen mit der Allerweltsbezeichnung Sänger, ist das natürlich ein Understatement. Lanegans Stimme ist eine Naturgewalt. Sie besitzt eine Autorität, die waidwunde Zärtlichkeit so authentisch zu vermitteln vermag wie einen Wüstensturm oder Thors Donnergrollen. Früher wurden solch Ausnahmeerscheinungen Kirchen errichtet, heute kriechen wir verbal zu Kreuze, umschmeicheln den seit den 1980ern Musik machenden Mann aus dem Umland von Seattle mit Superlativen, die ihm allesamt gebühren und kaum je gerecht werden.

Doch selbst die beste Stimme kann eine schlechte Geschichte oder einen mittelmäßigen Song nicht besser machen. Oder nur wenig. Das war zuletzt immer wieder Lanegans Problem. Er arbeitete mit zu vielen Leuten, lieh zu vielen Projekten seine Stimme. Permanent tourte er mit Bands wie den Gutter Twins, den Twilight Singers, den Soulsavers oder auch nur von einem Gitarristen begleitet sowie immer wieder mit Isobel Campbell. Mit der Schottin veröffentlichte er drei durch die Bank entbehrliche Alben, die zwar kommerziell erfolgreich waren, jedoch in narrativen Klischees und also nicht weiter originellen Songs erstarrten. Nancy and Lee auf fad. Das letzte Album unter eigenem Namen - Mark Lanegan Band - datiert mit 2004, nun fasste sich Mark Lanegan wieder ein Herz und nahm ein weiteres auf: Blues Funeral.

Der Titel lässt zwar das Klischeefass überlaufen, aber es kommt doch diversifizierter. Da gibt es einmal diese drei Songs: The Gravediggers Song, Riot In My House und Quiver Syndrome. Das sind die heftigsten Lieder auf diesem vermeintlichen Blues-Begräbnis. Sie tragen die Handschrift von Josh Homme; der ist das Mastermind der Queens Of The Stone Age und mit Lanegan schon lange verbunden. Dementsprechend könnten diese Stücke von einem QOTSA-Album stammen, sind Hausmarke und erinnern an gemeinsame Großtaten wie Hanging Tree oder die Zusammenarbeit für das letzte Mark-Lanegan-Band-Album Bubblegum.

Den Rest des neuen Albums prägt ein abgebremster, weitreichend elektronisch gelayouteter Blues-Entwurf, der mit Reizwörtern wie Bleeding Muddy Water, St. Louis Elegy oder Deep Black Vanishing Train das versprochene Thema berührt. Dazwischen taucht unerwartet ein Stück wie Ode To Sad Disco auf, das nach den Synthie-Poppern Depeche Mode klingt, in deren Vorprogramm Lanegan vor zwei Jahren mit den Soulsavers um die Welt tourte. Sagen wir so, Lanegans Stärken liegen anderswo - etwa in dem leichtfüßigen Gray Goes Black. Unentschlossen bis bleiern wirken indes einige der Midtempo-Balladen, denen weder die austauschbaren Beats noch His Masters Voice genug Profil verpassen können, um sie über das Mittelmaß zu heben.

Hier offenbart sich das Defizit, dass Lanegan über keine gewachsene Band verfügt, darum klingt Blues Funeral gegen Ende zusehends nach Stückwerk. (Karl Fluch / DER STANDARD, Printausgabe, 20.1.2012)

Mark Lanegan Band: "Blues Funeral" (4AD) erscheint am 6. Februar

Mark Lanegan Band live: 22. März, Arena Wien

Kommentar posten
11 Postings
hanni fridrich
00
20.1.2012, 14:42

naja eine band haette er eh gehabt.was die jetzt wohl so machen?

http://www.youtube.com/watch?v=GAmZsfFKCxU

sue taylor
00
20.1.2012, 19:07

Machen Soloplatten oder spielen bei anderen Bands mit. Die Screaming Trees werden wir wohl länger nicht mehr sehen. Sind ja auch schon 2000 aufglöst.

thomislav
00
20.1.2012, 12:16

ich muss gestehen, mich berührt seine stimme nicht in dem oben beschriebenen ausmaß.

sue taylor
00
20.1.2012, 11:34

Also die Alben mit der Campell sind irgendwie nicht so meins aber alles andere ist gut. Hab ihn 2010 nur mit einem Gitarristen gesehen, es war der Hammer. Allein bei Julia Dream von Pink Floys kam dir eine Gänsehaut!

Geteuch Nixon
06
20.1.2012, 11:01
und er schaut immer mehr dem

Ron Perlman ähnlich!

Andreas Schneider
01
20.1.2012, 11:59
kein wunder

langegan hat ja auch die selbe samtweiche stimme und den pflegeleichten/fröhlich-optimistischen grundton von perlmans figuren...

T. B.
00
20.1.2012, 09:14

so, so.

Melancholie des Abends1
00
19.1.2012, 21:49

http://www.youtube.com/watch?v=xWSAv6L0Tl8
- Nur eine von vielen Coverversions, aber immerhin eine sehr schöne, in der die samtig weiche Katze im vermeintlichen Tiger zum Vorschein kommt. Nahrung für unverbesserliche Träumer war dieser Song schon vormals, aber die Vortragsweise von M.Lanegan sagt mir, dass ich uns doch eine Chance geben sollte (seine Musik zu erkunden).

Tannenelch
00
19.1.2012, 21:14
"Er arbeitete mit zu vielen Leuten"

Etwas das ich an Mark Lanegan ehrlich gesagt nicht kritisieren möchte. Immerhin hat man so die Möglichkeit, ihn (unter unterschiedlichsten Rahmenbedingungen) auch live zu bewundern, worüber ich froh bin.

In der Früherwarallesbesserzeit war vielleicht die Qualität seines Outputs stärker, dafür dürfte er zwischendurch immer wieder 6-7 Jahre irgendwo bewusstlos herumgelegen sein. Da hat dann auch keiner was davon.

johann weissmueller
11
19.1.2012, 19:07

also ich finde keines der campbell/lanegan-alben wirklich entbehrlich

Laborchef Dr. Klenk
02
19.1.2012, 18:48
Die ganze Karriere von Lanegan ist ein Stückwerk !

Und zwar Stück für Stück ein grandioses ... :-)

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