Der französische Architekt Antti Lovag hat in den 1970er-Jahren Kugelhäuser gebaut, die das Wohnen von morgen revolutionieren sollten
Andrea Eschbach hat den in Vergessenheit geratenen Visionär in Südfrankreich besucht
Auf
einer Betonkugel liegt ein Teppich aus Moos, Metallstrukturen geben Efeu
Halt. Still ist es in diesem ganz speziellen Märchenwald hoch über
Tourettes-sur-Loup in den französischen Alpes-Maritimes. In den
bewaldeten Hängen dämmern Modelle und Prototypen, Gelungenes und
Verworfenes des hierzulande wenig bekannten Baumeisters Antti Lovag vor
sich hin.
Vier
Jahrzehnte ist her, dass auf diesem versteckten Grundstück in Roureou
eine Utopie Gestalt annahm. Wie eine gestrandete Ufo-Flotte liegt hier
ein gigantisches Anwesen aus Wohnkugeln, erdacht als Domizil für den
Pariser Börsenmakler Antoine Gaudet. Lovag ist ein Mann, um den sich bis
zum heutigen Tag zahlreiche Legenden ranken. Geboren als Antal Koski
1920 in Ungarn, wuchs er in der Türkei, Ungarn und Skandinavien auf und
studierte in Stockholm zunächst Schiffsbau. Sein Biograf und Archivar
Pierre Roche gibt an, Lovag habe im Krieg auf Seiten der Finnen, dann
der Russen gekämpft, sei bei der Flugstaffel Fallschirmspringer gewesen,
kurz vor Kriegsende mit einem Jagdflieger nach Schweden geflohen. 1945
nahm er eine neue Identität als Antal Lovag an, sein Geburtsjahr
datierte er kurzerhand vor auf 1925. Ein Jahr später segelte er von
Stockholm nach Frankreich, wo er in Paris die École des Beaux-Arts
besuchte und gelegentlich im Atelier von Jean Prouvé mitarbeitete. Dort
lernt er, dass man, "um ein Material beherrschen zu können, es zunächst
einmal verstehen muss".
Kampf dem rechten Winkel
1963 zog
es Lovag an die Côte d'Azur. Gemeinsam mit Architekten wie Pascal
Häusermann experimentierte er mit Formen, die von der Natur inspiriert
waren. Bald nannte sich Lovag konsequent Habitologe. Was dies genau
heißt, darüber lässt sich der Non-Konformist nur sehr vage aus. So
entspreche die von ihm entwickelte Art des Bauens den Bedürfnissen des
Menschen. Er entwerfe "Habitats", Wohnräume, für den Menschen. Nichts
weniger als das Modell für das Wohnen von morgen hat Lovag dabei im
Sinn. Für ihn bedeutet dies in erster Linie eine Rebellion gegen die
gerade Linie und den rechten Winkel: "Der rechte Winkel ist ein Angriff
gegen die Natur", befindet Lovag im Gespräch. Eine Begegnung mit dem
Industriellen Pierre Bernard aus Lyon wurde zu einem Wendepunkt in
Lovags Karriere. In Port-La-Galère entstand zwischen 1971 und 1980 das
"Maison Bernard": 26 Wohnkugeln wuchsen wie Pilze aus dem Boden. Der
Mäzen finanzierte daraufhin dem bewunderten Freund ein weiteres
Kugelhaus in Théoule-sur-Mer. Die Bauarbeiten begannen 1979, 14 Jahre
später erst ist die ondulierende Wohnlandschaft fertiggestellt. Eine
Herausforderung nicht nur für Lovag, sondern auch für den Bauherrn. "Ich
habe keine Kunden", sagt der Querkopf, "sondern Komplizen. Denn ich
habe zwei Bedingungen: Ich mache weder einen Kostenvoranschlag noch
einen Plan." Auf 1200 Quadratmetern und vier Ebenen verteilt gruppieren
sich 25 Kugeln. Das Gebäude ist ein Labyrinth, endlose Gänge mäandern
durch Salons, Suiten, Büroräume, Bibliothek, Konferenzsaal und Kino, im
Garten glitzern zwei Swimmingpools. Weiträumige Hallen wechseln sich mit
grottenhaften Räumen ab, helle Farben kontrastieren mit dunklen.
Bullaugen, Kuppeln und ellipsenförmige Fenster aus Plexiglas zaubern
Lichtspiele im Innern. Alles ist rund oder geschwungen. Lovag zeigt sich
als virtuoser Spieler: So finden sich auf dem Grund des Swimmingpools
drei Fenster, die die darunter liegenden Zimmer in eine Unterwasserwelt
verwandeln. Und die Küche lässt sich über Schienen komplett auf die
Terrasse drehen.
Für den
französischen Bildhauer César waren Lovags Bauten "riesige bewohnbare
Skulpturen". Ihrer Faszination konnte sich auch Pierre Cardin nicht
entziehen. Der französische Modemacher erwarb 1989 das avantgardistische
Haus für 50 Millionen Francs. Im Palais Bulle fühle er sich wie im
Weltraum, gab Cardin einmal zu Protokoll. David Bowies Weltraum-Song
"Space Oddity" passt perfekt zu einem anderen Bau Lovags: Wie bei einer
Mondlandung liegt das Interferometer-Laboratorium in der kargen
Landschaft der Hochebene von Calern. Das 1979 entstandene Sphärenhaus,
Teil der Sternwarte der Côte d'Azur, scheint aus einer fremden Welt zu
stammen. Ein Raumschiff der Forschung.
Alles ist in Bewegung
Lovags
Meisterwerk ist jedoch das Domizil für Antoine Gaudet. Zahllose
gigantische Seifenblasen bieten 1600 Quadratmeter Wohnfläche, verteilt
über das terrassierte Waldgelände. Im Laufe der sich hinziehenden
Bauarbeiten verlor Gaudet jedoch das Interesse. Der Bau, halb Vision,
halb Ruine, verfiel. Lovag, der seit 1970 gleich daneben in einer
kleinen grünen Wohnkugel wohnt, musste zusehen, wie sein Lebenswerk
immer mehr verkam.
2006
jedoch verliebte sich ein Millionär, der namentlich nicht genannt werden
will, in die ewige Baustelle. Der neue Investor schoss eine
zweistellige Millionensumme in die Fertigstellung seines "Traumhauses"
ein. Vier Jahre später war die Utopie Wirklichkeit geworden. Im Zentrum
des wohl schlüssigsten Werk Lovags steht eine große Halle, die Innen und
Außen wirkungsvoll verschränkt. Ein kleiner Bach fließt durch den Bau,
Palmen und Kakteen gedeihen in diesem Patio, riesige Felsen säumen den
Pfad. An die zentrale Halle schmiegen sich Kugelräume. Ein
lichtdurchflutetes Raumensemble, in dem alles den Lovag'schen Gesetzen
gehorcht: Keine Türen, außer der Haustür und WC-Tür. Das Mobiliar ist
beweglich, Wandschränke lassen sich verschieben, das runde Bett dreht
sich um die eigene Achse. Die Natur ist allgegenwärtig. Sogar
vorgefundene Kalkfelsen werden integriert.
Lovag,
dieser "Prophet des Runden", wie er einmal genannt wurde, lebt heute
vereinsamt. Den Funken, den er mit seinen Wohnutopien entzündet hat, hat
er jedoch weitergegeben. Wer nach seinen Gesetzen bauen wollte, den
nahm der Exzentriker in Workshops auf. Lovag blickt immer noch nach
vorn: "Die Vergangenheit interessiert mich nicht." Er ist längst wieder
auf der Suche nach einem Abenteurer, einem Komplizen im Geiste. (DER STANDARD, Printausgabe, 20.1.2012)
Buchtipp: Pierre Roche: "Antti Lovag. Habitologue", France Europe Editions, Nizza 2010