Aus den toten Tagen des Wiener Bürgertums

18. Jänner 2012, 18:46

Arthur Schnitzlers "Flucht in die Finsternis" (1931)

Gegenüber manchen seiner Stoffe bewahrte Arthur Schnitzler (1862- 1931) eine kühle Reserviertheit, die sich vom stark emotionalen Gehalt des jeweiligen Themas merkwürdig abhob. Bereits in den 1910er-Jahren beschäftigte ihn die Fallstudie über eine Verfolgungspsychose. Die Erzählung Wahn wurde indes 1917 abgelegt, die Arbeit an dem Schmerzenskind erst 1930/31 wieder aufgenommen. Unter dem Titel Flucht in die Finsternis wurde der Text das letzte zu Schnitzlers Lebzeiten veröffentlichte Werk.

Es nimmt schon deshalb einen Sonderstatus in Schnitzlers Werkkatalog ein, als sich der Autor über manchen dunklen Beweggrund zur Niederschrift nur höchst widerwillig Aufschluss gab.

Ein Sektionsrat in den sogenannten "besten Jahren" (er ist 43) leidet an seelischen Verstimmungen. Auch die Heimkehr aus sechsmonatigem Urlaub stimmt ihn wenig froh: Roberts Bruder Otto hat in Wien die Ernennung zum außerordentlichen Professor der Medizin erreicht.

Nicht dass Robert seinem Bruder nicht von Herzen zugetan wäre. Dieser genießt unangefochten die Würden eines Familienoberhauptes. Roberts Vertrauen in den Älteren reicht sogar so weit, dass er ihm ein Schriftstück über sein Leben aushändigt: Sollte Otto an ihm, Robert, die "Vorzeichen einer Geisteskrankheit" mit unheilbarem Verlauf feststellen, so möge er ihn schmerzlos von seinen Leiden befreien.

Die Macht aber, die der psychisch Labile dem anderen über sich einräumt, wird ihm zum Hemmschuh auf dem Pfad zur Genesung. In Wien angekommen, bezieht Robert ein eher unstandesgemäßes Pensionszimmer. Im Hotelspiegel wird er gewisser nervöser Ticks an sich gewahr, außerdem zerfällt ihm sein Spiegelbild, eines Risses im Glas wegen, höchst beunruhigend in zwei Hälften.

Die Verdächtigungen, die Robert in der Verschwiegenheit seiner Gedanken gegen den gefürchteten Bruder vorbringt, verdichten sich zur fixen Idee. Unempfänglich gegen Freundlichkeiten, leidet er auch am steifen Zeremoniell der liberalen Großbürger, die sich unfähig zeigen, Gefühle der Herzlichkeit mit ihrer Umwelt zu teilen.

Roberts unaufhaltsamer Rutsch in den Untergang - er kostet im einigermaßen surrealen Rahmen eines Dorfwirtshauses Otto das Leben - ist ein wahres Meisterstück der Seelenerkundung. Weder eine flüchtige Geliebte (eine "brave" Klavierlehrerin) noch eine lebenskluge Verlobte verstehen es, den Paranoiker ruhigzustellen. Die Anwandlungen der Panik, der bedrückenden Angst veranlassen Robert, einfachste Erscheinungen als Zeichen schlechter Vorbedeutung zu lesen.

In meisterhafter Form verschränkt Schnitzler, der gelernte Arzt und Hypnotiseur, die Mutmaßungen seiner Figur mit den trügerischen Erläuterungen des allwissenden Erzählers. Auf dem Spiel steht mehr als das Schicksal eines bloß zufällig gewählten Individuums. Schnitzler, der gewissenhafte Tagebuchschreiber, notierte des Öfteren Verstimmungen, die das angespannte Verhältnis zu seinem Bruder Julius betrafen.

Darüber hinaus instrumentiert Flucht in die Finsternis nicht nur die Erkenntnisse der damaligen Psychoanalyse (Theodor Reik, Wilhelm Stekel). Schnitzler, der vor 150 Jahren geboren wurde, singt darin die Elegie auf ein Bürgertum, das, mit Blick auf die Katastrophe 1918, seinen eigenen Untergang überlebt hatte - um den Preis der Verkümmerung. (Ronald Pohl  / DER STANDARD, Printausgabe, 19.1.2012)

Die Serie mit Werken des Jahresjubilars wird unregelmäßig fortgesetzt.

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