Unglückskapitän nahm den Mund zu voll

Seine Aussagen kurz nach dem Unglück dürften Francesco Schettino noch länger verfolgen

Francesco Schettino sagte einmal in einem Interview, er wäre zwar nicht gerne der Kapitän der Titanic gewesen, aber "ich denke, mit der richtigen Vorbereitung kann jede Situation durchgestanden und jedes Problem verhindert werden" .

Bei dem Gespräch 2010 konnte der 52-Jährige nicht ahnen, dass er einmal für das teuerste Schiffsunglück der italienischen Geschichte verantwortlich gemacht werden würde. Nach bisherigen Erkenntnissen soll er am Abend des 13. Jänner die mit rund 4200 Passagieren besetzte Costa Concordia gegen einen Felsen manövriert haben. Eigentlich habe er die nahe Insel Giglio grüßen wollen - "Verneigung" heißt das Manöver. Doch das Schiff kam der Küste zu nahe.

"Ins Rettungsboot gefallen"

Dass Schettino bei dem Interview 2010 den Mund vielleicht etwas voll nahm, wird ihm heute kaum jemand vorwerfen. Sehr wohl aber, was er nach der Katastrophe so sagte. Der seit 2002 im Dienst der Costa Kreuzfahrten stehende Seemann, der ab 2006 die Kapitänsmütze trug, gab bei der Befragung vor Gericht zwar zu, Fehler gemacht zu haben, allerdings sei er dabei "ein Opfer seiner Gedanken" gewesen. Auf den Vorwurf, er habe das Schiff zu früh verlassen, wandte er ein, er sei ins Rettungsboot gefallen.

Dass Schettino Seemann geworden ist, war dagegen kein Zufall. Der auf Urlaubsfotos der letzten Jahre meist braungebrannt in strahlend weißer Uniform abgelichtete Schiffsbefehlshaber stammt aus einer Seefahrerfamilie aus Meta di Sorrento, einem Ort bei Neapel im italienischen Kampanien. Er dürfte eine enge Beziehung zu seiner etwa 80 Jahre alten Mutter Rosa pflegen. Sie soll die Erste gewesen sein, die er nach dem Unglück anrief. "Es ist hier eine Tragödie passiert, bleib aber ruhig, ich habe noch versucht, die Passagiere zu retten" , soll er zu ihr gesagt haben.

Bevor Schettino Herr über ein 290-Meter-Schiff wurde, war er verantwortlicher Offizier für Sicherheit bei der Reederei Costa Crociere. Schettino soll regelmäßig für den Ernstfall trainiert haben. Ein Crew-Mitglied sagt, es habe ihn als "gut organisierten, kompetenten Menschen kennengelernt" .

Nun drohen ihm bis zu 15 Jahre Haft wegen fahrlässiger Tötung - es gilt die Unschuldsvermutung. Was Schettino in unbeschwerten Tagen einmal einer Zeitung sagte, nämlich, dass Menschen "glücklicherweise" Tragödien schnell vergessen, mag auf manche zutreffen. Die Tragödie der Costa Concordia aber wird ihn -und nicht nur ihn - noch lange verfolgen. (Gudrun Springer, DER STANDARD Printausgabe, 19.1.2012)

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