Bestsellerautor Kehlmann

"Sehr viel schreiben, sehr viel wegwerfen"

Oliver Mark, 19. Jänner 2012, 10:58
  • Artikelbild
    foto: apa/pfarrhofer

    Daniel Kehlmann, österreichisch-deutscher Schriftsteller, lebt in Wien und Berlin. Sein Roman "Die Vermessung der Welt" verkaufte sich millionenfach.

Schriftsteller Daniel Kehlmann plauderte bei "Unitalks" über seine Studienzeit, stilistische Freiheiten und die guten Seiten von elektronischen Lesegeräten

Daniel Kehlmann ist ehrlich. "Als Autor wünsche ich mir, dass der Kindle verschwindet", sagt er, "als Leser finde ich ihn wunderbar." Die ambivalente Einstellung des Schriftstellers ist das Resultat von nackten Zahlen. Für Autoren fällt bei der Verbreitung ihrer Bücher auf elektronischem Wege weniger Geld ab. Nach den bisherigen Verkaufszahlen seiner Bücher ist Geld für Kehlmann kein Thema mehr, viel lieber redet er über Literatur. Seine Leidenschaft, die gerade transformiert wird.

Den Verlust der Haptik, also ein Buch in Händen zu halten, hält er für "verschmerzbar". Viel wichtiger sei ein anderer Punkt, nämlich die Demokratisierung von Wissen. Elektronische Lesegeräte wie Amazons Kindle ermöglichten sofortigen Zugriff auf große Teile der Weltliteratur, schwärmt der Leser im Autor. Komplizierte Vertriebswege werden obsolet, Bücher werden billiger.

Expansion der Bildung

Der digitale Segen besteht für Kehlmann darin, dass künftig Leute an den Rändern der westlichen Welt viel einfacher Zugang zu Bildung haben werden. "Man muss nicht mehr so reich sein, um an Texte heranzukommen", so der Bestsellerautor, der diese Woche in Wien auf Einladung von "Unitalks" mit Philosophieprofessor Konrad Paul Liessmann sein Studium Revue passieren ließ. Kehlmann ist Absolvent der Philosophie und Literaturwissenschaft, das Studium schloss er 1998 ab. "Unitalks" ist eine Veranstaltungsreihe des Alumniverbands, bei der Abgänger der Uni Wien zu Gesprächen eingeladen werden.

Die Philosophie habe ihn sehr geprägt, berichtet Kehlmann, dennoch war klar: "Was ich wirklich wollte, war schreiben. Ich wusste nur nicht, wann und ob es gelingt." Dass es letztendlich gelungen ist, beweist ein kurzer Blick auf Kehlmanns Schaffen. Der 2005 erschienene Roman "Die Vermessung der Welt" katapultierte ihn auf Platz zwei in der Liste der international bestverkauften Bücher. Im deutschsprachigen Raum ging der in zig Sprachen übersetzte Titel 1,5 Millionen Mal über den Ladentisch. Dimensionen, die für die meisten Autoren außer Reichweite sind.

Diplomarbeit und Roman

Kehlmann erzählt von einer "seltsamen Doppelexistenz", mit der er in der Endphase seines Studiums konfrontiert war. Seine Diplomarbeit, Thema war Friedrich Schillers Entfremdungstheorie, schrieb er parallel zu seinem ersten Roman "Beerholms Vorstellung". Ein "stilistisches Rollenspiel", durch das er sich manövrieren musste. Literatur versus Wissenschaft. Der Roman war vorher fertig. "In meiner Diplomarbeit habe ich dann angeführt, wo ich schon überall Lesungen hatte", sagt Kehlmann schmunzelnd. "Aus heutiger Sicht war das ziemlich uncool."

Absurdität prägt die Bücher

Die fünfeinhalb Jahre, die er ins Studium investierte, waren auf keinen Fall verlorene Jahre, betont der Absolvent, aber: "Aus mir wäre kein guter Philosoph geworden." Die Bedeutung der Philosophie für seine schriftstellerische Tätigkeit schätzt er als "sehr, sehr groß" ein. "Das prägt den Geist nachhaltig." Dementsprechend experimentiert Kehlmann in seinen Werken mit Referenzen auf Philosophen, die er teilweise in absurde Rollen schlüpfen lässt. In "Die Vermessung der Welt" taucht etwa Immanuel Kant als seniler Mann auf: "Es ist wunderbar, Figuren einfach auftreten lassen zu können." Als Parodie oder entfremdet in einem anderen Kontext. "Die Lebendigkeit meiner Figuren entsteht aus der Lebendigkeit der Sprache", sagt Kehlmann über den Schreibprozess. Sein Rat an junge Literaten: "Sehr viel schreiben, sehr viel wegwerfen." Nur so könnten sich Stil und Tonfall entwickeln.

In Bezug auf die Lehrbarkeit von "Schreiben" zeigt sich der Autor skeptisch. Kreativschmieden, die Schriftsteller am laufenden Band produzieren, führten zu einer stilistischen Uniformität, die dem Literaturbetrieb schade. Auf der anderen Seite bestehe der Nutzen solcher Einrichtungen wie dem Leipziger Literaturinstitut im Austausch mit Gleichgesinnten: "Dieser Kontakt ermöglicht ein sehr produktives Konkurrenzverhältnis." Als Kehrseite der Medaille konstatiert er einen "enormen Wettbewerbsdruck", der fürs Schreiben kontraproduktiv sei.

Weg der Vinylschallplatte

Besteller à la "Die Vermessung der Welt" werde es in 30 bis 40 Jahren nicht mehr geben, ist er überzeugt. Gedruckte Literatur werde zwar nicht zum kompletten Minderheitenprogramm verkommen, die Öffentlichkeit dafür schrumpfe aber. "Das ist nicht der Weltuntergang." Und: "Das Buch wird den Weg der Vinylschallplatte gehen." Die größere Gefahr sieht er nicht im Untergang des Buches, sondern im Abnehmen der Konzentrationsfähigkeit. Durch das ständige Jonglieren mit den Kanälen brauche es ein hohes Maß an Selbstdisziplinierung, um längere Texte zu lesen. Mit einem Klick entfernt man sich quasi tausende Kilometer vom eigentlichen Thema. "Hier sehe ich eine Bedrohung für die Literatur." Ein Paradoxon des Bildungsgutes in der digitalen Welt: "Man kann alles nachschauen, deswegen hat man es weniger präsent." Durch das Navigieren gehe vielerorts die Orientierung verloren.

Die Orientierung verloren hat Kehlmann bereits bei Texten, die sich analytisch mit seinen Werken auseinandersetzen. Innerhalb von nur wenigen Jahren ist er vom Diplomanden zum Gegenstand von Diplomarbeiten avanciert. "Manchmal liest man Einleuchtendes über seine Texte", sagt Kehlmann, allerdings sei es ungesund, so viele wissenschaftliche Abhandlungen über sich zu lesen. "Ich nehme das nicht so wahr." Außerdem seien diese Arbeiten schwer zugänglich. "Autoren schicken mir ihre Texte nicht." Und die Uni ist ein Mikrokosmos, an dem die Werke nicht zwingend digitalisiert werden.

Erfolg vor Augen kann blockieren

Den endgültigen Durchbruch schaffte der 37-Jährige mit dem im Jahr 2003 erschienenen Buch "Ich und Kaminski". Ein Patentrezept, wie man als Autor reüssiert, gibt es naturgemäß nicht, nur: "Beim Schreiben sollte man nicht nachdenken, mit welchem Inhalt man erfolgreich sei kann." Das ändere sich permanent, Fragen wie diese müsse man aus dem Kopf verbannen. "Ein innerer Dressurakt", so Kehlmann, denn: "Erfolg kann ein großes Hindernis bei der Arbeit sein."

Angesprochen auf die Rolle eines Schriftstellers als Kritiker in der Öffentlichkeit meint Kehlmann: "Man macht sich leicht zum Narren oder zum Clown." Er rät, nicht permanent als Mahner oder Kommentator von gesellschaftlichen Ereignissen in Erscheinung zu treten: "Ich möchte mich nur zu Dingen äußern, wo ich etwas zu sagen habe." Aus dem Fenster gelehnt hat sich der Künstler bereits. Und zwar 2009 bei den Salzburger Festspielen, als er in seiner Rede das "Regietheater" kritisierte und damit für Aufsehen sorgte. Dennoch sollten sich Schriftsteller nicht jedes Mal als "Lehrer des Volkes" stilisieren: "Wir wissen auch nicht mehr als andere." (om, derStandard.at, 19.1.2012)

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 58
1 2
Nevim
10

Die Meinung hier im Forum scheint ja durchaus gespalten zu sein. Ich habe nur einen Essayband von ihm gelesen ("Lob über Literatur") und das mit großem Genuss. Gut überlegt, schön geschrieben.

Fredauer
10
25.1.2012, 14:46
das hätte ich gern gehört

ich mag seine Texte, wär gespannt, wie er als mensch ist

emilie flöge
04
20.1.2012, 19:59

meingott, wie süß, ist der schnuckelich, sieht ja fast wie adam sandler aus (unverkleidet).
bleib so jungenhaft, dani, wir frauen tun dir nichts, wir beten dich an!

pölker
00
20.1.2012, 14:48
Wow, kaum geht es um Kehlmann ...

... marschiert sie wieder, die Parade der erbosten kleinen Leut.

mollwitz
04
20.1.2012, 19:46
... solang' die josefstadt gähnend applaudiert.

moroser poster
01
20.1.2012, 10:34
was ist denn das jetzt? plötzlich ist der post-mob

auf kehlmann-bashing eingestellt. aber so muss es wohl sein bei vergänglichem ruhm, dessen kriterium die zustimmung der menge ist. wenn nach dem "rätsel" des erfolgs der "vermessung" gefragt wird: es ist doch schon seit jahren so, dass pro saison ein schriftsteller (mann meist) den jackpot knacken darf/soll. ein roman- was mit "großem thema" - solide gearbeitet, bisserl manieristisch, aber nicht zu schwer zu lesen, wird zum bestseller und zu "weltliteratur" erklärt. das föjetong kriegt sich kaum ein, das genie gibt interviews und sein bestes, hüpft brav durch die vorgehaltenen reifen, benimmt sich und hat stets saubere fingernägel, ist geschneuzt und gekampelt. süßkind, ransmayer, schneider (???), dani k., bis es heißt: der nächste bitte .

Quintus Beckloeffel
03
20.1.2012, 09:48

Kehlmann gibt sich Mühe, sich in Themen einzuarbeiten (Mathematik, Logik, ..), von denen er nichts versteht, ohne dann der Hybris zu verfallen, den Experten zu spielen, sobald er ein paar elementare Zusammenhänge verstanden hat.

Die gewonnen Einsichten werden wohldosiert und ohne ärgerliche Wichtigtuerei in den Erzähltext eingebracht.

santiago nasar
02
19.1.2012, 20:56
mein lieblingsbuch,

das viel mit grenzen und überschreiten und dableiben zu tun hat: hundert jahre einsamkeit. dieser mensch hat weder eine ahnung davon, wie ein roman zu schreiben ist, und schon gar nicht hat er das dramatische aus der familie geerbt. aber wichtigmachen, na gut, bei den salzburger festspielen haben sie ihm ja aus der hand gefressen.

baroli
00
19.1.2012, 22:38

Jaaa, der gute alte Garcia Marquez, den sollte man wirklich nicht in einem Atemzug mit dem K. nennen.

santiago nasar
01
19.1.2012, 23:01
wissens,

ich, der santiago nasar darf das. er hat mir übel mitgespielt. und diese gschicht auch noch als chronik verkauft. ;-)

baroli
01
20.1.2012, 16:26

Ich würd ja Tantiemen von ihm verlangen.;-)

Quintus Beckloeffel
00
19.1.2012, 19:28

Naja, das Billigerwerden des Lesens per E-Book hält sich in Grenzen. Abgesehen von Literatur mit abgelaufenem Copyright gilt so etwa:
Gedrucktes Buch: 39,90
E-Book: 37,90

eliphasa
00
20.1.2012, 06:50

warum gerade der amazon kindle schnellen zugriff auf weltliteratur ermöglichen soll, wo man doch gerade bei amazon einfach bücher kaufen kann, ist nicht nachvollziehbar. zum zweiten mir bitte jemand vorhüpfen soll, dass die anschaffungskosten eines kindle und ein kindle-roman billiger sein soll, als ein taschenbuch. dass bücher billiger werden, ist genauso humbug, nur ein wort für österreich: buchpreisbindung.

humbert heller
07
19.1.2012, 18:59
einmallektüre

als ein kriterium für gute literatur bzw. literarizität gilt für mich die frage, ob ich freiwillig ein buch nocheinmal lesen will.
auf kehlmanns bücher trifft das m.e. nicht zu.
sie sind lesefutter (langweilig-bemüht die ersten vier und "ruhm", witzig gemeint der "kaminski" und die "vermessung").
meine frage also: wer liest freiwillig einen kehlmann ein zweitesmal? bzw. müßte nicht liessmann, der einmal ein leidlich guter literaturkritiker war (m. fritz, ransmayr et al.) nicht von allem literarisch bedeutenden absehen, wenn er sich kehlmanns werken widmet?

mollwitz
25
19.1.2012, 18:46
nennst du mich goethe, nenn' ich dich schiller

meingott, der conni und der dani.
hab' mich herrlich über den größenwahn der beiden amüsiert.
ein in österreich weltberühmter "paradephilosoph" und ein altkluger, "weltberühmter" bestsellerfabrikant plaudern ein bissel. das josefstädter publikum lauscht andächtig.
nebenbei: als akademischer lehrer kehlmanns galt doch bisher der (weltberühmte?) prof. hans-dieter klein, ein emeritierter cellospielender philosophiebeamter, "nedwohr", und nicht liessmann, der totengräber der alten studienordnung?

pölker
10
20.1.2012, 18:24
Arm.

TheWasteLand
01
20.1.2012, 10:37

Bitte! Kleins Füllwort war nicht "nedwohr" sondern "Nicht?" Metaphysik, nicht Logik! ;-)

Doe Frank
 
31
20.1.2012, 09:15

Neid ist auch eine Form der Anerkennung...

mollwitz
00
20.1.2012, 19:50
wie originell!

den satz hab' ich schon ca. 1000mal gelesen, wird aber nicht wahrer, denn: ich wünsche dem dani k. die schönheit, den reichtum und das zu erreichende alter khg's.

Steak vom Milchlamm
76
19.1.2012, 18:03
Das Vermesserbuch war ein Krampf für mich,

wer ein richtig gutes Buch lesen will, sollte sich einmal Dan Brown, das Sakrileg, reinziehen.

Doe Frank
 
13
20.1.2012, 09:16

Ist das ernst gemeint oder eine From von Ironie die hier zur Anwendung kommt?

Steak vom Milchlamm
00
20.1.2012, 10:40
Gute Frage

Naja, ich habe wie alle sein Buch natürlich gelesen, mir hat es nicht gefallen. Mir wäre ein Buch über Humbold und eines über Kant lieber gewesen, so waren es für mich jedenfalls so zwei Halbbiografien, wo ich aus keiner richtig klug wurde. Anderseits hat mir die Form des schreibens gut gefallen (wenn es also nur um das geht, war es gut, auch für mich). Das Sakrileg hab ich auch gelesen und ich fand es wirklich spannend, doch fand ich es, WIRKLICH SPANNEND, nein ganz ohne Schmäh mir hats gefallen.

Nun finde ich aber Dan Brown nicht als Wunderschreiberling, sondern als Gschichtldrucker welche man gerne aufzunehmen bereit ist. Ein Erzähler wird er nicht mehr werden.

Kehlmann, gut geschrieben aber Fad, Dan Brown, spannende Lektüre ohne Tiefg

pölker
00
20.1.2012, 15:44

Wieso Kant? Kann das sein, daß Sie Gauß meinen?

Steak vom Milchlamm
00
20.1.2012, 16:51

Doch schon länger her :-)

FritzFranzFrunz
07
19.1.2012, 18:44

der war gut :)

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 58
1 2

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.