Mit Interventionen im öffentlichen Raum setzen sich Teilnehmende eines Lehrgangs an der Universität für Angewandte Kunst auseinander. Die Ergebnisse sind "Mit sofortiger Wirkung" zu sehen
Wien - Es gibt Künstler, die können sich nicht heraushalten. Ihnen ist
es nicht genug, ein williges und empfangsbereites Publikum frontal mit
ihren Werken zu konfrontieren. Ihre Kunst soll verändern, möglichst mit
unmittelbarer Wirkung. Zu diesem Zweck gehen sie mit ihren Werken, die
dann Performance, Aktion oder Installation heißen, mitten hinein in das,
was sie verändern wollen: in den Alltag, wie er sich stetig und träge
durch den öffentlichen Raum schiebt.
Insofern sind die Teilnehmer des berufsbegleitenden "/ecm"-Lehrgangs für
Ausstellungstheorie und Praxis an der Universität für angewandte Kunst
mit ihrer selbstkuratierten Ausstellung ein gewisses Wagnis eingegangen.
Sie haben einige der bekanntesten Installationen und Performances von
den 1960er-Jahren bis heute sowie fünf eigens für diese Ausstellung
entwickelte Interventionen mit der Verpflanzung in den Project Space Mit
sofortiger Wirkung sozusagen domestiziert.
Wer zur rechten Zeit am rechten Ort war, konnte die aktuellen Eingriffe
oder, genauer gesagt, die künstlerischen Aktionen im öffentlichen Raum
live erleben.
So gerieten Passanten am Wiener Karlsplatz Oliver Hangls La-La-La ins
Netz: Summende und singende "Agenten" infiltrierten - oder
malträtierten? - Vorübergehende mit einem Ohrwurm, mit Falcos Kommissar.
Auf der Mariahilfer Straße konnte man Marusa Sagadin begegnen. Als MC
for you vor ort spazierte sie mit einem überdimensionalen Ghettoblaster
an den Geschäften vorüber und spielte in voller Lautstärke ihren
selbstproduzierten "Werbe"-Jingle. Indem der Text frappierend an
bekannte Werbebotschaften erinnert, enthüllt er schnell auch deren
Inhaltslosigkeit.
Passanten als Akteure
Einen Konsumaufruf der anderen Art streute das Institut für
Alltagsforschung aus: Die Künstler verloren rund um den Karlsplatz
absichtlich einige Geldbörsen. Sie enthielten einen kleinen Geldbetrag
und unterschiedliche Handlungsanweisungen: "Dies ist eine Maßnahme des
Instituts für Alltagsforschung zur Verschönerung Ihres Alltags ...".
Unter anderem wurde man aufgefordert, jemandem, den man schon lange
nicht mehr gesehen hatte, ein Geschenk zu kaufen. Die Passanten,
solcherart selbst zu Akteuren geworden, wurden um Rückmeldungen gebeten.
Mit sofortiger Wirkung sind auch Interventionen von Anna Witt und
Marlene Haring (sie stellte vor Geschäftseingängen Spiegel auf, in den
sich die Käufer selbst sehen konnten) dokumentiert.
Außerdem zu sehen legendäre Aktionen wie etwa Valie Exports Tapp- und
Tastkino (1968), Günter Brus' Wiener Spaziergang (1965) oder Christoph
Schlingensiefs Bitte liebt Österreich - Erste österreichische
Koalitionswoche (2000).
Die Fotos, Texte und Zeitungsausschnitte zu den Aktionen werden auf
bewegbaren Ständern präsentiert. Sowohl deren räumliche Anordnung als
auch die jeweiligen Infotexte erlauben den Besuchern zahlreiche
Querverbindungen. Und damit haben die Ausstellungsmacher aus dem Wagnis
einen Gewinn gemacht:
Zwar können sie die Arbeiten nicht in dem Umfeld präsentieren, für das
sie entwickelt worden sind. Aber es gelingt ihnen ein nachvollziehbarer
und verständlicher Überblick über die Unmittelbarkeit von Kunst. Auch
wenn diese Ausstellung streng genommen keine Intervention in den Alltag
ist, so zeigt sie dennoch nachhaltige Wirkung. (Andrea Heinz / DER STANDARD, Printausgabe, 19.1.2012)