Bei den Protesten in Rumänien macht sich der Ärger über ein elendes Leben Luft
Nein, sagt Maria und zieht sich ihren Anorak noch fester zu. "Dass sie jetzt
die Krankenversicherung privatisieren wollen, das geht zu weit." Die 57-Jährige
hat 38 Jahre lange gearbeitet, in der Verkehrsbranche. "Und 190 Euro kriege ich
Pension." Von ihrer Nachbarin weiß Maria, dass sie mit 75 Euro auskommen muss.
Der EU-Beitritt habe "uns kleinen Leuten nichts gebracht", sagt die stille,
zarte Frau und wägt ihre Worte mit Bedacht. "Ins Ausland können wir ja sowieso
nicht reisen."
Es ist vor allem die Generation fünfzig plus, die hier jetzt schon seit vier
Tagen allabendlich bei leichten Minusgraden und eisigem Wind ausharrt - Männer
in Windjacken und Baseballkappen, etwa ein Drittel Frauen. Nur ein, zwei
Transparente haben sie sich gebastelt. Viele halten einfach ein DIN-A4-Blatt in
Klarsichtfolie hoch. "Schluss mit dem Diebstahl, der Arroganz, der Heuchelei,
der Demagogie", steht auf einem. Ein anderes behauptet trotzig: "Wir sind nicht
manipuliert, wir sind arm!" Immer wieder wird der Präsident geschmäht - als
"Mafioso", "Analphabet", sogar als "Ex-Pirat", eine Anspielung auf seinen
früheren Beruf als Schiffskapitän.
Proteste werden inzwischen aus 62 Städten und Ortschaften gemeldet. In Piatra
Neamt in der Region Moldau hat sich eine Gebetsrunde zusammengefunden und
erfleht den Rücktritt des Präsidenten. In Cluj, der größten Stadt Siebenbürgens,
traten die Opernsänger in den T-Shirts des staatlichen Rettungsdienstes Smurd
auf, an dessen Zerstörung der Protest sich entzündet hat. Das Auditorium
applaudierte stehend. Nicht immer geht es geschmackvoll zu. In Bukarest
verspeisten Demonstranten Coliva, einen süßen Brei, den man in Rumänien als
Leichenschmaus reicht - zum Zeichen dafür, dass sie sich Basescus Begräbnis
wünschen. Ein Künstler trat mit einer blutbefleckten Präsidentenmaske auf.
Erinnerungen an 1989
Ja, sie will Neuwahlen, sagt Maria, aber wen sie wählen will, weiß sie nicht.
"Die sind ja alle nicht besser." Einige Leute auf den Stufen zum
Caragiale-Denkmal schwenken rumänische Fahnen, auf denen das Wappen
ausgeschnitten ist. So haben es damals, 1989, auch die Demonstranten gemacht,
die den Diktator Ceausescu vertrieben haben. "Basescu = Ceausescu" steht auf
einer Tafel, und einer hat einem kopierten Basescu-Bild aus der Zeitung ein
Hitlerbärtchen aufgemalt. Alles konzentriert sich auf den Präsidenten. Er hat
alle Macht an sich gerissen. Jetzt trägt er auch für alles die Verantwortung.
"Zum Beispiel für die Abholzung der Wälder", sagt Maria. "Alles wird
kaputtgemacht, alles wird gestohlen."
Der Universitätsplatz ist kein guter Ort zum Demonstrieren. Die Kundgebung
nimmt sich verloren aus auf dem weitläufigen Areal. Aber der Platz wird voller
und voller. "Pass mal auf", sagt der 35-jährige Dan, "am Wochenende sind wir
20.000." Wenn dieser Platz wirklich voll ist, wird es eng für den Präsidenten.
Das sagt auch Cristian Pîrvulescu, ein Politik-Professor.
"Jos Basescu", rufen die Demonstranten immer wieder, "Nieder mit Basescu!"
Niemand hat ein Megafon dabei, niemand hält eine Ansprache. "Keine Gewalt",
haben Frauen auf ihre Tafeln geschrieben, nachdem sich am Montag gewalttätige
Fußballfans unter die Menge gemischt, den Boulevard blockiert und Brandsätze
gegen die Polizei geschmissen haben. Danach war der blasse Premierminister vor
die Kameras getreten und hatte, wie immer leicht beleidigt im Ton, sich über die
Ausschreitungen beklagt. Auch der Präsident hat schon reagiert und die
Entlassung des Staatssekretärs, an der sich der Protest entzündet hatte,
rückgängig gemacht. "Aber das interessiert uns schon nicht mehr", sagt Dan und
schlägt wegen der Kälte immer wieder die Hacken zusammen. "Basescu muss gehen." (DER STANDARD, Printausgabe, 19.1.2012)