Demonstranten schießen sich auf Basescu ein

Reportage | Norbert Mappes-Niediek aus Bukarest, 18. Jänner 2012, 17:17
  • Artikelbild
    foto: epa/robert ghement

    Die Gesundheitsreform wurde abgesagt, die Proteste in Bukarest gehen weiter.

Bei den Protesten in Rumänien macht sich der Ärger über ein elendes Leben Luft

Nein, sagt Maria und zieht sich ihren Anorak noch fester zu. "Dass sie jetzt die Krankenversicherung privatisieren wollen, das geht zu weit." Die 57-Jährige hat 38 Jahre lange gearbeitet, in der Verkehrsbranche. "Und 190 Euro kriege ich Pension." Von ihrer Nachbarin weiß Maria, dass sie mit 75 Euro auskommen muss. Der EU-Beitritt habe "uns kleinen Leuten nichts gebracht", sagt die stille, zarte Frau und wägt ihre Worte mit Bedacht. "Ins Ausland können wir ja sowieso nicht reisen."

Es ist vor allem die Generation fünfzig plus, die hier jetzt schon seit vier Tagen allabendlich bei leichten Minusgraden und eisigem Wind ausharrt - Männer in Windjacken und Baseballkappen, etwa ein Drittel Frauen. Nur ein, zwei Transparente haben sie sich gebastelt. Viele halten einfach ein DIN-A4-Blatt in Klarsichtfolie hoch. "Schluss mit dem Diebstahl, der Arroganz, der Heuchelei, der Demagogie", steht auf einem. Ein anderes behauptet trotzig: "Wir sind nicht manipuliert, wir sind arm!" Immer wieder wird der Präsident geschmäht - als "Mafioso", "Analphabet", sogar als "Ex-Pirat", eine Anspielung auf seinen früheren Beruf als Schiffskapitän.

Proteste werden inzwischen aus 62 Städten und Ortschaften gemeldet. In Piatra Neamt in der Region Moldau hat sich eine Gebetsrunde zusammengefunden und erfleht den Rücktritt des Präsidenten. In Cluj, der größten Stadt Siebenbürgens, traten die Opernsänger in den T-Shirts des staatlichen Rettungsdienstes Smurd auf, an dessen Zerstörung der Protest sich entzündet hat. Das Auditorium applaudierte stehend. Nicht immer geht es geschmackvoll zu. In Bukarest verspeisten Demonstranten Coliva, einen süßen Brei, den man in Rumänien als Leichenschmaus reicht - zum Zeichen dafür, dass sie sich Basescus Begräbnis wünschen. Ein Künstler trat mit einer blutbefleckten Präsidentenmaske auf.

Erinnerungen an 1989

Ja, sie will Neuwahlen, sagt Maria, aber wen sie wählen will, weiß sie nicht. "Die sind ja alle nicht besser." Einige Leute auf den Stufen zum Caragiale-Denkmal schwenken rumänische Fahnen, auf denen das Wappen ausgeschnitten ist. So haben es damals, 1989, auch die Demonstranten gemacht, die den Diktator Ceausescu vertrieben haben. "Basescu = Ceausescu" steht auf einer Tafel, und einer hat einem kopierten Basescu-Bild aus der Zeitung ein Hitlerbärtchen aufgemalt. Alles konzentriert sich auf den Präsidenten. Er hat alle Macht an sich gerissen. Jetzt trägt er auch für alles die Verantwortung. "Zum Beispiel für die Abholzung der Wälder", sagt Maria. "Alles wird kaputtgemacht, alles wird gestohlen."

Der Universitätsplatz ist kein guter Ort zum Demonstrieren. Die Kundgebung nimmt sich verloren aus auf dem weitläufigen Areal. Aber der Platz wird voller und voller. "Pass mal auf", sagt der 35-jährige Dan, "am Wochenende sind wir 20.000." Wenn dieser Platz wirklich voll ist, wird es eng für den Präsidenten. Das sagt auch Cristian Pîrvulescu, ein Politik-Professor.

"Jos Basescu", rufen die Demonstranten immer wieder, "Nieder mit Basescu!" Niemand hat ein Megafon dabei, niemand hält eine Ansprache. "Keine Gewalt", haben Frauen auf ihre Tafeln geschrieben, nachdem sich am Montag gewalttätige Fußballfans unter die Menge gemischt, den Boulevard blockiert und Brandsätze gegen die Polizei geschmissen haben. Danach war der blasse Premierminister vor die Kameras getreten und hatte, wie immer leicht beleidigt im Ton, sich über die Ausschreitungen beklagt. Auch der Präsident hat schon reagiert und die Entlassung des Staatssekretärs, an der sich der Protest entzündet hatte, rückgängig gemacht. "Aber das interessiert uns schon nicht mehr", sagt Dan und schlägt wegen der Kälte immer wieder die Hacken zusammen. "Basescu muss gehen."  (DER STANDARD, Printausgabe, 19.1.2012)

Kommentar posten
20 Postings
zimbo
 
01
19.1.2012, 09:33
Wohlstandsprojekt EU.

bula sagt
04
19.1.2012, 02:26
ähnlich den österreichern

haben die rumänen das vertrauen in den grossteil der politiker verloren; egal ob regierung oder opposition.
so hat basescu nur mehr 18% grosses vertrauen, 74% wenig vertrauen, 8% keine antwort oder weiss nicht.
bei emil boc nur mehr 15% gv, 76% wv, 10% ka
(quelle evz.ro, evenimentulzilei).
dass die polizisten trotz vorvorjähriger lohnkürzung bis 25% noch immer brav auf die leute einprügeln, ist bedauer- aber nicht verwunderlich.

Mormoloc
01
19.1.2012, 10:28
Dabei hatten die Polizisten doch im Spätsommer 2010 selber heftig demonstriert.

Ich kann mich noch an den 'Skandal' erinnern, als einige vorm Cotroceni ihre Dienstmützen (Staatswappen dran!) zu Boden warfen und Basescu daraufhin nie mehr wieder von der Polizei eskortiert werden wollte.

GhostInside
02
19.1.2012, 09:24

noch verwunderlicher ist, dass sich fast alle Völker gegen Verschlechterungen zur Wehr setzen, nur die Österreicher nicht.

Scherberich
 
00
19.1.2012, 16:41
ja, verschlechterungen

man darf natürlich nicht unkritisch sein, aber die Situation in Österreich sollte man nicht mit der in Rumänien vergleichen.
Österreich hat noch viel, sehr viel Raum nach unten.

Mormoloc
00
19.1.2012, 16:53
Doch, vergleichen sollte man. Natürlich nicht gleichsetzen.

Natürlich ist Österreich (so wie D) sehr sehr weit weg von den Zuständen in Rumänien. Aber daß permanent nach unten nivelliert wird, führt zu gewissen Annäherungen.

zimbo
 
00
19.1.2012, 09:43
Das sind die 8Jahre Schüssel, die deb letzten Widerstand gebrochen haben.

Spekulant Gusi und Faymann (=keine abstimmungen) waren auch keine Demokraten.

Undertaker89
151
18.1.2012, 21:33
Ich kenne unsere Mindestpension nicht,

aber 190 Euro sind umgerechnet 760 rumänische Lei. Mit diesem Geld lässt es sich dort unten relativ angenehm leben.
Die 300 Euro der Nachbarin sind natürlich ein Witz, aber auch ein Lehrer verdient zB in den ersten Jahren dort unten nicht mehr!

Anton72
04
19.1.2012, 14:58
Keine Ahnung wovon Sie sprechen!

Das Preisniveau in Bukarest (wenn man einfach lebt, nicht privilegiert) entspricht dem Preisniveau kleiner Ortschaften im Burgenland oder der Südoststeiermark. Leben Sie dort einmal mit 190 EUR. Benzin kostet 1,5 EUR pro Liter! Gas. Wasser, Strom sind auch nicht viel billiger als bei uns.

Eine Mietwohnung ist unter 400 EUR nicht zu haben, und dann ein kleines Loch. Schöne Wohnungen in Bukarest (so um die 120 m2) in guter Lage kosten 1000 bis 2000 EUR/Monat!

Bitte vorher nachdenken, und dann posten!

Scherberich
 
03
19.1.2012, 12:53
stimmt nicht

190 Euro sind in Rumänien genauso viel Wert wie in Österreich, viele Sachen sind sogar teurer(Treibstoff z.B.).

Das stimmt schon seit 10 Jahren nicht, dass das Leben im Osten billiger ist.

Herbert Paulischin1
01
19.1.2012, 11:18
... relativ angenehm leben...

Ihr Kommentar kann nur auf unglaublicher Dummheit oder völliger Uninformiertheit beruhen. Als Philanthrop gehe ich von Letzterem aus.
Deshalb als Info-Quelle: www.punkto.ro
Als Einstieg vielleicht: http://www.punkto.ro/articles/... _der_Straß
enkundgebungen-3521.html
Lesen's das - versuchen Sie dann, das was Sie gelesen haben zu verstehen - gehn's ins Winkerl und schämen Sie sich!

Michail Bakunin
03
19.1.2012, 09:37

Wurde dir mit der Urne zu oft auf den Kopf geschlagen?

Allmächtiger Fürst F.U.T.
03
19.1.2012, 09:07

Oje, du hast aber wirklich viel Ahnung vom Leben. Wahrscheinlich ein Muttersöhnchen, der daheim lebt und alles hinten reingeblasen bekommt und von seinem Taschengeld nur Leberkässemmeln kaufen muss.

Weil sie gerade hier bei uns ist habe ich mal meine Schwiegermutter die in Bukarest in einer Eigentumswohnung lebt gefragt, wie weit man mit 760 Lei kommt. Für ihre Wohnung zahlt sie schon mal 400 Lei pro Monat Betriebskosten. Naja, und um die restlichen 360 Lei kann sie dann ja recht angenehm leben.......

U-Bahn Steuer
01
19.1.2012, 10:30

diese 400,- sind, nehm ich einmal an, die administrationskosten, die auch die heizung beinhalten...

da hat man aber noch keinen strom und kein gas bezahlt, für die man noch einmal einen 100er abziehen kann

aber die restlichen 260,- erlauben "dort unten" tatsächlich ein leben, das man sich in österreich nicht einmal zu träumen wagte!

E Pie
 
02
19.1.2012, 08:56
ich habe den vorigen sommer...

auch in rumänien verbracht, aber das mit 760 ron angenehm leben kann möchte ich nicht behaupten. in den supermärkten ist alles gefühlte 10% teurer als in österr., sprit, gas ect auch nicht wirklich billiger. unser appartment gemietet für 6 monate kostet ca. 350 euro inkl. / monat ! cu stima...

bula sagt
06
19.1.2012, 00:37
selbst unter einbeziehung des heutigen

kurses von 4,3, also ca. 817 lei, muss man schon gratis logis und bescheidene ansprüche haben.
dazu muss man bedenken, dass die preise bei billa etc für lebensmittel und waren des täglichen gebrauchs (vor allem der grossen konzerne als hersteller) bis zu 20% über dem österreichischen preisniveau liegen.

RFD
03
18.1.2012, 23:06
Nomen est omen.

Ihr Nick passt ganz gut zu Ihrer Meinung.

Mormoloc
03
18.1.2012, 22:32
Mit 760 Lei angenehm leben?

Bitte? Wann sind Sie zum letzten Mal dort auf dem Markt gewesen oder haben eine Stromrechnung bezahlt?

E Pie
 
02
19.1.2012, 09:00
möchte noch was hinzufügen zu meinem kommentar

in ungarn muß man die polizei fürchten, in rumänien dann die autofahrer und ich war angenehm überrascht bei den rumänischen verkehrskontrollen. polizisten haben gegrüsst, waren korrekt (bei den strafen der geschwindigkeitsübertetung) und keiner hat wie in der vergangenheit versucht privat abzukassieren. achtung! bald in jedem dorf wird per modernsten radar durch die verkehrspolizei kontrolliert.....den raum sibiu und die leute waren ausgesprochen gastfreundlich, danke !

ichbinsofrei.net
05
18.1.2012, 21:30
Hier Infos

vom Anarcho-Syndikalistische Infodienst Rumänien (ASIR)
http://asinforomania.wordpress.com

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.