Die wunderbare Welt der israelischen Siedler

Blog | 18. Jänner 2012, 15:52
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    foto: derstandard.at/hackl

    Ein Haus in der Siedlung Psagot. Im Hintergund: Ramallah.

Siedler distanzieren sich von den Radikalen. Doch schlechte Nachrichten gibt es für den Frieden trotzdem

Es sind nicht viele, die von Jerusalem aus am frühen Vormittag in den Bus mit der Nummer 179 enteigen. Dabei wird er vom Staat durch Subventionen gefördert. Nur einen Euro kostet die einstündige Fahrt in die Siedlung Psagot bei Ramallah. Die Reise führt durch die steinigen Hügel des Westjordanlandes. Doch Westjordanland, das gibt es für die meisten Siedler hier nur in der Theorie. "Dieses Land, Judäa und Samaria, hat uns Gott vor 3000 Jahren gegeben", erklärt Eliran, der den Bus hier tagtäglich von Jerusalen nach Psagot steuert. 

Über eine Umfahrungsstraße fährt der Bus weiter in den Norden Jerusalems. Dabei überquert er völlig unbemerkt die sogenannte Grüne Linie, oder Waffenstillstandslinie von 1949, die bislang als Basis für eine Zweistaatenlösung des israelisch-palästinensischen Konflikts gilt. Demnach ist schon der Ostjerusalemer Stadtteil Pisgat Zeev eine nach internationalem Recht illegale Siedlung, auch wenn die Reihenhäuser hier wie ein ganz normaler Vorort anmuten.

Bald passiert der Bus den israelischen Kontrollpunkt Hizma. Und erst hier wird klar, dass eine Grenze überquert wird. Israelische Siedler fahren hier Tag für Tag durch die Hügel des Westjordanlandes, vorbei an palästinensischen Orten, auf eigenen Straßen. Am Weg von einer Siedlung zur nächsten beschreibt die Route von Bus 179 eine Realität, in der es scheinbar kein Palästina gibt. Doch die Minarette und Hochhäuser von Ramallah weichen nicht aus dem Blickfeld, und sind ständige Erinnerung daran, dass dieser Schein trügt.

"Gleich sind wir in Psagot", sagt er Busfahrer sichtlich erfreut. Alle anderen Fahrgäste sind schon ausgestiegen. "Ein wunderbarer Ort", fügt er hinzu. Psagot sieht aus wie ein perfektes Ferienstädtchen. Vor den Einfamilienhäusern sind Hängematten zwischen den Bäumen gespannt. Eine Gruppe Kindergartenkinder spielt am Basketballplatz. Nur der Blick auf das dichte Siedlungsgebiet von Ramallah dürfte manchen Bewohnern nicht besonders gefallen.

Ramallah, das ist von Psagot nur einen Steinwurf entfernt. "Sie leben dort, und wir leben hier. Wenn sie Probleme wollen, dann sollen sie. Aber wir suchen nichts als Frieden", meint ein Ultraorthodoxer Mann vor der jüdischen Religionsschule von Psagot.

"Jordanien wird Palästinenserstaat"

Auch Tamar Asraf, die Sprecherin des Binyamin Regionalverbands, der die Interessen von 43 Siedlungen vertritt, unterstreicht die friedlichen Absichten der Siedler. „Ich lebe hier, und habe nichts gegen die Palästinenser", sagt sie, während sie im Konferenzzimmer eine offizielle Landkarte vom Regionalkreis Binyamin am Tisch ausbreitet. Darauf sind nur die jüdischen Siedlungen und illegalen Außenposten eingezeichnet, jedoch weder Ramallah, noch ein anderer palästinensischer Ort. Wasserfälle und Weingüter sollen Touristen in die Region locken. Eine Grafik zeigt ein rotes Herz, das symbolisch die israelische Fahne in die Erde steckt.

Sie unterstütze die Zweistaatenlösung, sagt sie, hat dabei jedoch ihre ganz eigenen Vorstellungen. Die Zone C des Westjordanlandes, die auch jetzt unter israelischer Kontrolle steht und mehr als die Hälfte des Gebiets ausmacht, solle von Israel annektiert werden. Und die 2.6 millionen Palästinenser, die im Westjordanland leben, würden Autonomie im restlichen Territorium bekommen. Das sei jedoch nur vorübergehend. „Irgendwann wird Jordanien ohnehin der Palästinenserstaat", sagt sie zuversichtlich. Spätestens dann wäre die Sache gelöst.

So radikal diese Positionen auch sind: Von der zunehmend gewalttätigen und anti-staatlichen Siedlerjugend distanziert sie sich, und auch die meisten anderen Siedler, klar.

Gemeint ist eine Gruppe radikaler Siedler, die mit Angriffen auf palästinensische Gebäude und Autos, sowie gegen die israelische Armee, in letzter Zeit für Aufsehen gesorgt hat. Bei den Angriffen hinterlassen sie meist Graffiti mit dem Wort "Preisschild". So wollen sie so den "Preis" erhöhen, den der Staat Israel bezahlen muss, um einen der illegalen Siedler-Außenposten abzureißen, in denen sie im Westjordanland leben.

"Das sind nur Kinder, die das Gefühl haben, vom Staat verlassen worden zu sein", meint Asraf. Die Ursache für deren Verhalten sei „ein schwieriger familiärer Hintergrund", sowie der Zorn auf den Staat Israel, der die Container in denen sie leben, immer wieder abreißt. "Sie haben das Gefühl, vom Staat bespuckt zu werden", sagt sie. Jeder illegale Außenposten, der abgerissen wird, würde letztlich mehr von diesen Leuten produzieren.
Im Gegensatz zur aggressiven Strategie dieser radikalen Gruppe, versuchen die gewöhnlichen Siedler über die Lobby des Yesha-Rats, der alle Siedlungen vertritt, die Politik für ihre Interessen zu instrumentalisieren.

Die Siedlerlobby

"Heute, da die Palästinenser ständig einem Stopp des Siedlungsbaus fordern, ist der Yesha-Rat extrem stark", erklärt der Parlamentsabgeordnete Otniel Schneller, der aus dem national-religiösen Lager kommt, jedoch Teil der Partei Kadima ist. "Die Leute in der Regierung wissen: Wenn ihre Politik vom Yesha-Rat mitgetragen wird, dann werden die Siedler sie auch wiederwählen", meint Schneller. Er selbst war in den 80er Jahren Generaldirektor des Siedlerrats. Im Prinzip sei der Rat ein Medium zwischen den Siedlern und der Regierung. Soll etwa ein illegaler Außenposten abgerissen werden, wie das zurzeit im Fall der nach israelischen Recht illegalen Siedlung Migron der Fall ist, versuche das Gremium eine Brücke zu bauen, und eine Lösung zu finden.

Der Status quo scheint für Siedler und Regierung zurzeit das Beste zu sein. Von dem was die internationale Gemeinschaft, die US-Regierung, die Palästinenser und das Nahost-Quartett im Sinne einer Zweistaatenlösung verstehen, ist die heutige Siedlergemeinschaft jedenfalls Lichtmeilen entfernt. "Eines ist klar", meint Schneller. "Wenn die internationale Gemeinschaft und die Palästinenser so weitermachen wie heute, dann werden wir in Judäa und Samaria bleiben." (Andreas Hackl, derStandard.at, 19.1.2012)

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 37
1 2
der schwitzbär der schwitzt sehr
20
20.1.2012, 01:09
Es gibt auch "ganz normale" Siedler

die sich weder auf rassistische Differenzierung noch auf einen brennenden Dornbusch berufen:

Einwanderer, die sich dort angesiedelt haben, weil es billiger ist

Die gehören eigentlich immer miterwähnt. Man darf nicht schon wieder den Fehler machen, arme Polen und Russen die sich nichts zuschulden kommen lassen, in Sippenhaft mit vermeintlich "bösen" zu nehmen

Nicht jeder Siedler ist also verdrängerisch motiviert. Ein guter Teil der Israelis leben dort einfach nur und tun niemandem etwas böses.

emanze c
00
"Ein guter Teil der Israelis leben dort einfach nur und tun niemandem etwas böses."

Na gut, dass Sie so viel Mitgefühl für Menschen haben, die sich illegal und von religiös-völkischem Wahn getrieben auf fremdem Land ansiedeln. Dementsprechend haben Araber mehr Legitimität (weil noch nicht so lang vertrieben) in Andalusien. Also sollen sich jetzt Araber einfach gegen den Willen der Spanier in Andalusien ansiedeln - von überlegener Militärmacht geschützt, auf besseren Strassen, die nur sie und nicht die Spanier im Land der Spanier benutzen. Und wenn spanische Kinder Steine auf die Panzer werfen kann's passieren, dass sie von Scharfschützen - in Spanien - erschossen werden. Auf spanische ReporterInnen wird dann noch Tränengas geworfen.

Echt jetzt?!

der Kobold
12
20.1.2012, 21:57
ja klar,

man kann auch aus eigenen wirtschaftlichen Interessen gegen das Völkerrecht verstoßen...

Martin Dobes
 
10
20.1.2012, 09:04
eine richtige Beobachtung

macht aber die Sache an und für sich nicht unproblematischer.

Die bisweilen irrwitzige Verschwendung von Ressourcen in die Siedlungen wird in einer Zeit der wirt. Krise nicht auf Dauer weitergehen können. Jair Lapid hat bereits als seine erste Parole in seinem letzten Artikel seiner Wochenendkolumne die Frage "Wo ist das Geld [hingekommen]?" aufgeworfen.

Und es ist klar, das es nicht nur bei den religiösen zu finden sein wird.

Ein nicht unerheblicher Anteil der isr. Bev. ist der ganzen Siedlungssache bestenfalls neutral eingestellt. Und je mehr klar würde, dass die Siedlungen letztlich zu allererst Israel schaden, würde sich schnell eine Stimmung zu ihrer Räumung in der isr. Öffentlichkeit breit machen.

prusiner
00
19.1.2012, 20:42
wie werden diese Siedlungen

eigentlich wirtschaftlich am Leben erhalten?

strike_back_mw3
20
20.1.2012, 08:05

indirekt indem du bei Hofer / Aldi einkaufst.
Direkt durch den Staat Israel und privaten Spendern.

Adam Markus
21
19.1.2012, 23:46

Sie zahlen kaum Steuern, profitieren von den billigen Arbeitskräften (Palästinenser) und werden vom Militär beschützt.

Martin Dobes
 
101
19.1.2012, 14:05
Tja, so viel dazu, wie sinnvoll es ist, Verhandlungen vom Siedlungsstopp abhängig zu machen

Entweder, man will politische Tatsachen nicht wahrnehmen, weil man mit ihnen nicht arbeiten will oder weiss, oder man ist selbst gar nicht an Verhandlungen interessiert, und stellt deshalb Forderungen, die zwar grundsätzlich richtig und berechtigt sind, jedoch zeitlich falsch gestellt werden.

Und dem guten Hackel diesmal meine Hochachtung. Prägnant, objektiv, die Lage grundsätzlich so dargestellt, wie sie sich eben bietet.

Tower Hill
03
20.1.2012, 06:09
"...jedoch zeitlich falsch gestellt werden..."

Was dann die Frage aufwirft, wann denn der richtige Zeitpunkt wäre, Forderungen zu stellen "...die grundsätzlich richtig und berechtigt sind..."?

Martin Dobes
 
00
20.1.2012, 08:57
endlich jemand, der ein posting auch liest und den Standpunkt dahinter erkennt ...

Nachdem Verhandlungen zunächst einmal begonnen haben (gegenseitige Anerkennung, Grenzen, Rahmenwerk für bilaterale Bez. und Projekte [Wasser! Kann FÜR beide Staaten nur DURCH beide Staaten gelöst werden]) dann ist der Zeitpunkt gekommen, wo die pal. Seite den Siedlungsstopp für ein Weitergehen in der eingeschlagenen Richtung ganz berechtigt als Vorbedingung stellen kann, und Israel hätte dann nicht das geringste Argument, dies zu verwehren.

Die Erfahrung der Vergangenheit zeigt, dass Israel rel. große Gebiete (für die Region) geräumt hat, nicht nur militärisch, sondern auch zivile Einrichtungen = Siedlungen, wenn dies dem Abschluss eines konkreten Planes dient, der Israels Existenz anerkennt und garantiert.

Tower Hill
00
21.1.2012, 06:03
Grundsätzlich haben Sie nicht unrecht.

Andererseits aber mussten die Pal. erkennen, daß Isr. bei Verhandlungen eben die Argumentationslinie fährt, nicht über die Aufgabe von Siedlungen reden zu wollen auf Grund der Anzahl und langen Anwesenheit von Siedlern.

WJL ist nicht Sinai oder Gaza. Die jüngsten Vorkommnisse (Weitergabe von IDF-Plänen an die Siedler, Befehle zum Nicht-Waffeneinsatz gegen sie von einzelnen Kommandeuren, usw.) lassen nichts Gutes erahnen. Und derzeit ist weit und breit kein Politiker in Sicht, der das Format hätte, großflächige Räumungen auch um den Preis von Unruhen und Aufständen durchzudrücken.

Adam Markus
724
19.1.2012, 13:40

Also um solche Meinungen zu hören muss man nicht in eine Siedlung fahren, dazu reicht ein kleiner Blick in das Forum zu irgendeinem Artikel über Israel.

Ergänzend würde ich nur noch erwähnen, dass die von den Siedlern benutzten Busse, nicht von Palästinensern benutzt werden dürfen. Meist noch nicht einmal die Straßen auf denen sie fahren.

der Kobold
10
20.1.2012, 21:59

das nennt man Apartheid.

3dGeist
112
19.1.2012, 17:34

Die getrennten Verkehrssysteme dienen dazu Eskalationen zu vermeiden.
Sie wurden errichtet nachdem diverse NGO dies gefordert haben.

Adam Markus
510
19.1.2012, 18:23

Na klar.

Die Palästinenser wollten mit den alten unklimatisierten überfüllten Bussen fahren und haben die schnellen, modernen, vollklimatisierten Busse gerne den Siedlern überlassen.

Undweil's so toll ist protestiert ja auch keiner dagegen, gell?

CinnamonGirl
01
25.1.2012, 23:23

sie müssen zwischen der palästinensern und israelischen arabern unterscheiden..
palästinenser sind bürger der pal. autonomie. mit welchen bussen sie gefahren werden, ist sache der pal.autonomie.
die getrennten israelischen strassen werden von autos mit israelischen nummerschildern benutzt--ob der jude, araber oder druze ist egal.

3dGeist
11
20.1.2012, 13:27

Bei getrennten Verkehrssystemen können sie weniger Bombenstimmung verbreiten, vielleicht ist das ein gewichtiger Grund für die Trennung?

Hage Butte
 
423
19.1.2012, 12:49
vielleicht sollten die damen und herren siedler

erkennen, dass sich seit 3000 jahren etwas in und an der welt verändert hat. soviel weltfremdheit und arroganz gepaart mit einer opfer-trotzhaltung ist zum schreien

Timagoras
 
27
19.1.2012, 16:48
"soviel weltfremdheit und arroganz gepaart mit einer opfer-trotzhaltung ist zum schreien"

.
absolut richtig.
religiöser wahn, gepaart mit nationalismus, ist - wie so oft - das größte hindernis für die friedliche koexistenz von menschen.

Regis 1
622
19.1.2012, 12:14
Dieses Land, Judäa und Samaria, hat uns Gott vor 3000 Jahren gegeben

krank, einfach nur krank so eine argumentation ...

dr mike
34
19.1.2012, 17:43

weniger krank als al quds zu verehren weil mühamad von dort seinen Ritt in den Himmel angetreten haben soll

Regis 1
20
20.1.2012, 14:45
weniger krank als al quds ...

habe ich das behauptet?

CinnamonGirl
01
25.1.2012, 23:25

@weniger krank als al quds ...
habe ich das behauptet?

haben sie nicht. aber sehr eindeutig partei ergriffen

Magic Wand
 
04
19.1.2012, 21:12
also, welches der beiden Argumente kränker ist,

würd' ich - so ad hoc - nicht zu beurteilen wagen ...

Adam Markus
17
19.1.2012, 18:26

Sie tun ja gerade so als ob die Juden den selben Steinhaufen nicht auch genauso fanatisch anbeten würden weil dort angeblich vor 2000 Jahren ein Tempel stand.

Aber das ist natürlich was ganz anderes.

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